Eva Munz: "Oder sind es Sterne"Pynchon am Hindukusch

Ein Waisenjunge, ein eleganter Drogenhändler, ein US-Marine - Eva Munz erzählt in ihrem Romandebüt von drei Männern, die im Strudel der Ereignisse nach dem 11. September 2001, Anschlag aufs World Trade Center, den Verstand verlieren. Atmosphärisch stark mit einem actionreichen Showdown.

Von Tobias Lehmkuhl | 11.06.2021

Die Autorin Eva Munz und das Cover ihres Buches "Oder sind es Sterne"
Eva Munz und ihr Romandebüt: Mehr als ein konventioneller Thriller (Cover Kunstmann Verlag / Autorenportrait (c) privat)
Das Genre des literarisch anspruchsvollen Thrillers, zumal des nah-östlichen Polit-Thrillers, ist in deutscher Sprache nahezu unbekannt. Das Feld wurde bislang von Sherko Fatha besetzt, der sich wie kein zweiter im irakisch-kurdischen Konfliktgebiet auskennt und zuletzt mit "Schwarzer September" einen so hochspannenden wie hochkomplexen Roman über die Wurzeln des islamischen Terrors in den siebziger Jahren veröffentlicht hat.
Der größte Erfolg, wenn man es so nennen kann, des islamischen Extremismus, waren die Anschläge vom 11. September 2001. Diesem Ereignis hat die bislang als Journalistin und Regisseurin arbeitende Autorin Eva Munz nun ihren Debütroman gewidmet. Er arbeitet gekonnt mit den Konventionen des Thriller-Genres, ohne bloß ein weiterer Genre-Roman zu sein. Zu den durchaus anspruchsvollen Konventionen zählen: Verschiedene, mehr oder weniger exotische Schauplätze, möglichst unterschiedliche Charaktere, pointierte Dialoge, eine Portion Action und eine schöne Frau.

Verkochte Rippchen

Letztere ist der einzige Schwachpunkt von "Oder sind es Sterne": Die geheimnisvolle Inès, die dem afghanischen Geschäftsmann Hasir Zaman in Paris den Kopf verdreht. Ihre Figur ist allzu klischeehaft geraten. Anders die drei eigentlichen Hauptfiguren, allesamt Männer: Besagter Hasir, sein auf der Schwelle zur Pubertät stehender Neffe Sameer, der in einem Waisenhaus in Kabul ob seiner Sommersprossen und hellen Hautfarbe dem Spott und den Schlägen seiner Mitinsassen ausgesetzt ist, und schließlich Leutnant Ryder, der in Kalifornien gerade, wir befinden uns kurz vor dem 11. September 2001, seine Ausbildung bei den Marines bestanden hat:
"Seitdem ist das Soldatenleben ein Spaziergang. Militärkonfrontationen auf amerikanischem Boden unwahrscheinlich. Somalia ein unscharfer Fleck auf der Weltkarte. Truppen im Kosovo nur noch mit Friedenstauben bewaffnet. Kriegsführung zukünftig ferngesteuert. Der amerikanische Soldat im Schützengraben wird bald ein Anachronismus sein. Ryder kann sich zurücklehnen. In ein, zwei Jahren wird er sich von einer Sicherheitsfirma anstellen lassen und bei Geldtransporten eine ruhige Kugel schieben oder ein paar Omas vor einem Waldbrand retten. Sogar die verkochten Rippchen in der Kantine sind bei diesen Aussichten akzeptabel."
Da aber "grätscht", wie es heißt, ein seltsamer General in die Idylle und beordert Ryder zu einem Spezialkommando. Die Szenen des Wüstentrainings samt schamanistischem Ritual geraten Munz dabei in bester Thomas Pynchon-Manier, absurd-komisch, aber keineswegs übertrieben-unglaubwürdig. Auch die Figur des Sameer wirkt überzeugend, Kind eines sowjetischen Soldaten mit der afghanischen Schwester jenes Hasir Zeman, der von Paris aus das ererbte, nicht ganz koschere Geschäft seines Vaters führt.
Erzählt wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven: die Kapitel um Leutnant Ryder stehen in personaler Er-Perspektive, Sameers Kapitel in der Ich-Form und die um seinen Onkel Hasir in der ungewöhnlichen, aber hier sehr gut funktionierenden Du-Form.

Gesänge der Engel

Sameer weiß nicht, dass dieser Onkel, der ihn hin und wieder besucht, sein wirklicher Onkel ist. Die engste Bezugsperson Hasirs in Paris ist seine Therapeutin, was nicht einer gewissen Komik entbehrt. Seit der Vergewaltigung oder vermeintlichen Vergewaltigung seiner Schwester, ist er selbst impotent. Schließlich aber ist es nicht die Therapeutin, sondern die geheimnisvolle Inès, die ihn heilt, und dadurch indirekt auch die Dinge in Bewegung setzt: Hasirs und Sameers Reise nach Kalifornien, wo sie die dort lebende Mutter-Schwester dann doch nicht aufsuchen. Stattdessen besucht Sameer ein Bordell und, wichtiger noch für den Roman, ein Konzert von Destiny’s Child.
"I’m a survivor. Auch ich lasse mich von der Musik in den Bann ziehen, singe, tanze, juble mit der Menge. Ich bin so verzückt, dass ich die Augen schließe und vor Freude in die Luft springe. Inmitten der Zuschauer fühle ich mich nicht mehr wie ein Außenseiter, sondern wie ein Teil dieser großen Bewegung. Die Gesänge dieser Engel sind so bezaubernd, sie streichen über meine Haut, tauchen in mich hinein und beleben mich in meinem tiefsten Innern. Er ist es, Allah der Schöpfer, der dieses Wunder vollbringt. Er wirft meine Arme in die Höhe, erweckt alle meine Sinne, und auf einmal werde ich mir des riesigen Universums und der Macht unseres Glaubens bewusst. Die Lebensart der Amrikaner (sic) übertrifft alles, was ich mir je erhoffen konnte. Das hier ist besser, größer und wahrhaftiger als jedes Freitagsgebet. So nah habe ich mich Allah noch nie gefühlt."
Das Lied "Survivor" von Destiny’s Child und eine Prostituierte verbinden Sameer mit Leutnant Ryder. Sie begegnen sich allerdings erst in Afghanistan, denn noch während sich Sameer in Kalifornien aufhält, stürzen die Türme des World Trade Center ein, und damit hat auch Leutnant Ryders Traum von einem ruhigen Soldatenleben und ferngesteuerten Kriegen ein Ende: Sein Sonderkommando bekommt einen Spezialauftrag, und worin der besteht, darf, das ist man dem Genre schuldig, nicht verraten werden. Auch nicht, wie genau Sameer und Ryder zusammenfinden, wer am Ende der Survivor sein wird, inwieweit sich die absurden Slapstick-Einlagen während Ryders Training in der nordamerikanischen Wüste mit äußerst tödlichen Folgen im Hindukusch fortsetzen.
Nur soviel sei verraten: Eva Munz gelingt es, nach dem überraschenden und actionreichen Showdown, zu zeigen, dass auch selbst ein sternengleiches Bombenfeuerwerk kein alles aufhebender Schlusspunkt sein kann.

Wer bist du?

So wie heute in Afghanistan noch kein Frieden herrscht und überall, ob in Syrien, Libyen oder dem Jemen nie enden wollende Spiralen der Gewalt zu beobachten sind, so zeigt Munz, welche Folgen die Gewalt für die einzelnen Beteiligten haben kann, wie nicht nur der Körper, wie auch Geist und Seele Schaden nehmen. Insofern ist ihr Roman mehr als ein konventioneller Thriller.
Munz braucht keine großen Worte, manchmal genügen ihr auch kleinste Gesten, um Dinge anschaulich zu machen. Nicht zuletzt das spricht für diesen schnörkellosen und zugleich atmosphärisch starken Roman. Wie in einer Verbeugung vor dem größten aller Atmosphäriker, George Simenon und seinem "Der Mann der den Zügen nachsah", steht auch Hasir am Ende am Gare de l’Est und schaut den Zügen nach. Auch er ein Versehrter.
"Wer bist du? Du beobachtest die Menschen um dich herum, als könntest du in ihren Gesichtern etwas über dich herausfinden. Eine Frau im Kittel blickt wehmütig auf die Schmuckschachtel in deinem Schoß und massiert sich die rauen Hände. Ein hochgewachsener Afrikaner starrt zum Fragezeichen gebeugt auf eine nasse Stelle am Boden, ein Bauarbeiter döst mit verschränkten Armen, sein Helm klappert gegen die Scheibe, ein Mädchen korrigiert im Spiegelbild sein leichenblass gepudertes Gesicht. Am Gare de l’Est zeigt es dir durch die schließende Tür den Finger."
Eva Munz: "Oder sind es Sterne"
Antje Kunstmann Verlag, München
304 Seiten, 24 Euro.