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StartseiteBüchermarktBrillanter Denker, launischer Ehemann 24.02.2020

Eva Weissweilers Ehebiografie über die BenjaminsBrillanter Denker, launischer Ehemann

Eva Weissweiler rückt in ihrer Ehebiografie über Dora und Walter Benjamin beide in ein neues Licht. Dora sei vor allem wegen der Urteile der Freunde Benjamins bislang in der Forschung schlecht beurteilt worden, sagte Weissweiler im Dlf. Den Philosophen privat zu hinterfragen, sei immer noch verpönt.

Eva Weissweiler im Gespräch mit Gisa Funck

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Farbfoto (Collage) einer Frau Mitte Vierzig, mit blonden kurzen Haaren, einem weinroten Pulli, einer Perlenkette (Imago/Horst Galuschka (Collage Deutschlandfunk))
Keine Angst vor Kritik am Kulturheiligen Walter Benjamin: Die Biografin Eva Weissweiler (Imago/Horst Galuschka (Collage Deutschlandfunk))
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Gisa Funck: Liebe Frau Weissweiler, Sie haben sich zuletzt als Biografin ja mit Luise Straus, mit der Ex-Frau von Max Ernst, und mit Eleanor Marx beschäftigt, das war die jüngste Tochter von Karl Marx. Schon das waren beides selbstbewusste, emanzipierte Frauen des späten 19. Jahrhunderts, frühen 20. Jahrhunderts. War das auch der Grund, warum Sie sich jetzt literarisch Dora Benjamin vorgeknöpft haben - die emanzipiert-mutige Ehefrau von Walter Benjamin?

Eva Weissweiler: Generell interessieren mich natürlich die unbekannten, emanzipierten und natürlich gleichzeitig auch leistungsstarken und begabten und bemerkenswerten Frauen dieser Zeit. Und auch ganz besonders die jüdischen Frauen, deren Werk entweder durch das Exil oder durch den Holocaust in Vergessenheit geraten ist. Und da Walter Benjamin mich wie die meisten – sagen wir mal – Links-Intellektuellen meiner Generation schon sehr interessiert hat, habe ich einfach mal gekuckt: Wer war eigentlich die Frau, mit der er 13 Jahre lang verheiratet war? 

Seine Freunde beschimpften sie als "ehrgeizige dumme Gans"

Funck: Dora Benjamin war von 1917 bis 1931 mit Walter Benjamin verheiratet. Sie war die Mutter seines einzigen Kindes Stefan. Doch sie kommt - und das zieht sich ja als roter Faden durch diese Biografie -, sie kommt in der Benjamin-Forschung oder bei vielen Benjamin-Biografen ziemlich schlecht weg. Woran liegt das?

Weissweiler: Ich vermute mal, das liegt vor allem an dem Diktum von Gershom Scholem, der sehr deutlich und als einer der ersten ein sehr ambivalentes Urteil über Dora Benjamin abgegeben hat. Einerseits hat er sie bewundert, weil sie so attraktiv war und so eine starke, temperamentvolle Person war. Andererseits hat er sie als hysterisch bezeichnet. Und war vor allem der Meinung, dass sie sich geweigert habe, nach Benjamins Tod ihre Erinnerungen an ihn adäquat aufzuzeichnen.

Das ist sicherlich ein Grund. Und dann gibt es noch zwei andere Leute aus dem näheren Umfeld bei Benjamin, Herbert Blumenthal und Franz Sachs – zwei Freunde, die er schon vor dem Ersten Weltkrieg kannte –  die Dora als "ehrgeizige dumme Gans" und als "Alma Mahler en miniature" bezeichnet haben. Und genau diese Klischees sind erstaunlicherweise von der Benjamin-Forschung nie hinterfragt worden.

"Es waren erotisch sehr bewegte Zeiten"

Funck: Eine "dumme Gans" war Dora Benjamin eigentlich auf gar keinen Fall. Denn sie ist zwar traditionell-jüdisch in Wien aufgewachsen. Aber sie hat sich ja dann gegen diese strengreligiösen Eltern das Recht erstritten, zu studieren. Hat dann Chemie studiert in Wien und Berlin. Also, sie war ja eine sehr kluge, attraktive Frau mit vielen Verehrern. Wie ungewöhnlich war das für Ihre Zeit, dass sie als junge Frau schon studieren konnte - und dass sie danach ja auch eine wirklich erstaunliche Schreibkarriere gemacht hat?

Weissweiler: Es war ungewöhnlich und eigentlich auch wieder nicht. Also ich konnte genau nachprüfen, wer ihre Kommilitoninnen waren in Wien, wo sie 1909 begann Chemie zu studieren. Und es waren immerhin zehn Prozent Frauen unter den Studierenden, und von denen waren fast alle jüdisch, aus allen Kronländern der Habsburger Monarchie. Und es wurde ja zwar sehr traditionell jüdisch erzogen in diesen jüdischen Elternhäusern, aber gleichzeitig achtete man doch sehr auf eine fundierte Bildung der Kinder, und zwar der Söhne wie der Töchter.

Buchcover: Eva Weissweiler: „Das Echo Deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung“   (Buchcover: Hoffmann und Campe Verlag)Buchcover: Eva Weissweiler: „Das Echo Deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung“ (Buchcover: Hoffmann und Campe Verlag)

Funck: Den 21-jährigen Walter Benjamin lernte Dora dann in diesem Debattierclub, so nenne ich das mal, "Der Sprechsaal" 1913 kennen während ihres Chemie-Studiums in Berlin. Sie hörte einen Vortrag von ihm und war quasi sofort entflammt. Aber beide waren zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich schon in anderen festen Händen. Dora war schon verheiratet mit Max Pollak und Walter Benjamin war verlobt mit Grete Radt. Wie konnte es dann dazu kommen, dass die beiden überhaupt zusammengekommen sind?

Benjamin sah im eigenen Sohn vor allem einen "Lärmfaktor"

Weissweiler: Also erstens waren das, was man öffentlich so gar nicht bis jetzt wahrnimmt, erotisch schon sehr bewegte Zeiten. Man ordnet das eigentlich immer den 20er-Jahren zu, dass es da losgegangen sei mit der erotischen Libertinage. Aber tatsächlich war es zumindest in Berlin schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg so, dass in diesen intellektuellen und künstlerischen Zirkeln, einer hat es mal genannt, "ein emotionaler Inzest" herrschte. Jeder war irgendwie in jede und jeden verliebt, oft in drei oder vier gleichzeitig. Und ob man verheiratet oder verlobt war, mit wem auch immer, das störte eigentlich nicht so sehr. In diesem Fall bei Dora besonders wenig, weil – auch wenn ich es nicht hundertprozentig nachweisen kann, aber zu 99 Prozent überzeugt bin, dass diese Ehe mit Max Pollak eine Zwangsehe war, die die Eltern für sie arrangiert hatten, damit dieses, ich sag jetzt mal, doch sehr flippige und sehr schöne und interessante und begehrte junge Mädchen aus diesen Männerkreisen am chemikalischen Institut fortkam.  

Funck: 1917 heiraten dann Walter und Dora Benjamin, sie ließ sich also scheiden von Max Pollak. 1917 ist das letzte Kriegsjahr, und die beiden fliehen dann vor der Einberufung von Walter Benjamin in die Schweiz. Und 1918, im April, wird ihr gemeinsamer Sohn Stefan geboren. Und was ich dann doch erschütternd fand, war, wie wenig sich diese beiden Eltern eigentlich um das Baby Stefan erst einmal kümmern. Wie wenig Zeit und auch wie wenig Liebe sie eigentlich für dieses Kind aufbringen. Wieso hatten beide so ein Problem mit ihrer Elternrolle?

Weissweiler: Ich glaube, für sie war das Kind als solches erst mal so eine Art Liebespfand.

Funck: Für Dora.

Für Dora. Sie hatte ja in der Ehe mit Pollak keine Kinder, und angeblich ist diese Ehe auch nie vollzogen worden, wie sie später einmal dem britischen Geheimdienst gesagt hat. Aber als das Kind dann da war, glaube ich, da war die Enttäuschung und der Schock riesengroß. Das habe ich öfter bei den emanzipierten Frauen dieser Zeit beobachtet, übrigens auch bei Luise Straus-Ernst (der ersten Ehefrau von Max Ernst; Anm. d. Red.) in genau derselben Zeit, dass auch die mit der Mutterrolle einfach überfordert war. Das stand in zu krassem Gegensatz zu den eigenen emanzipatorischen Idealen damals. 

Und er, also Walter Benjamin, brauchte in erster Linie Ruhe. Er berichtet ja selbst, dass das erste Wort, was der kleine Stefan sagte, "Ruhe" war - und dass er dabei den Zeigefinger auf den Mund legte. Walter Benjamin war wirklich schon fast geräusch-überempfindlich und er lebte am liebsten in Zimmern mit dreifachen Ledertüren, und Kindergeschrei war ihm aus diesem Grund zuwider. 

Walter Benjamin verharrt in Rolle des verwöhnten Kindes

Funck: Ich habe mich nur gefragt, warum ist Dora Benjamin da nicht stärker dagegen eingeschritten? Sie nannte ihn ja: "Mein Ekul", also von "Ekel". Sie sagte so: "Mein geliebtes Ekel Walter", Walter Benjamin. Aber sie hat ja dann immer wieder eingelenkt, ihm alles verziehen, fast wie so eine treusorgende Mutter eigentlich sich für ihn verantwortlich gefühlt. Also: War das so, dass er so der Pascha in dieser Ehe war - und sie ihm quasi immer dienstbar zur Seite stand, sage ich jetzt mal etwas zugespitzt.

Weissweiler: Absolut! Also schon in den ersten Ehejahren hat er eigentlich gemacht, was er wollte. Er hat studiert, was er wollte und wann er wollte. Er war der einzige, der in dem Schweizer Haushalt eine Lese- und Arbeitslampe hatte. Und sie konnte also überhaupt nur Briefe schreiben, wenn er zufälligerweise außer Haus war. Und die Rollenverteilung war in den ersten Jahren absolut traditionell. Ich würde mal sagen, so ab 1925, da wurde es ihr zu viel. Und da war allerdings die Emanzipation der Frau in der Weimarer Republik auch schon erheblich fortgeschritten gegenüber 1917. Und da hat sie das nicht mehr mitgemacht. Das ist auch der Zeitpunkt, als sie sich in ihrer Arbeit aus dienenden Tätigkeiten löst. Sie hatte ja bis dahin hauptsächlich übersetzt und in Pressebüros gearbeitet. Und dann hat sie angefangen selbst zu schreiben, und die Rollenverteilung funktionierte dann nicht mehr so traditionell bei den Benjamins.

Funck: 1941 schreibt Dora Benjamin an den Freund Gershom Scholem einen Brief, in dem sie sagt, nachdem sie vom Tod von Walter Benjamin erfahren hat, dass sie ihn eigentlich lebenslang immer nur "beschützen" wollte. Und dass sie sich nun schuldig fühlt, dass er sich umgebracht hat, weil sie in dem entscheidenden Augenblick nicht an seiner Seite war. Für mich klang das so, als ob sie eher eine Mutterrolle für ihn übernommen hat als die Rolle einer Ehefrau. Also, war das so - dass sie ihn eigentlich mehr als ihr Kind betrachtet denn als ihren Ehemann?   

Weissweiler: Dieses Motiv, dass die Ehefrau des männlichen Genies eigentlich lebenslang eine Mutterrolle zu spielen hat, das zieht sich wie ein roter Faden durch alle ihre Aufsätze und Artikel. Sie sagt sogar einmal, dass die Ehefrau des Genies eigentlich gar kein Kind haben sollte. Denn es gäbe ja bereits ein zentrales, verwöhntes Kind in der Ehe – und das sei der Ehemann. Und diese Haltung des verwöhnten Kindes, die hat Walter Benjamin im Grunde während der ganzen Ehe nie abgelegt. 

"Die Scheidung 1931 war für sie ein Segen!"

Funck: Er hat sich dann auch viele Affären herausgenommen. Wobei man sagen muss: Sie haben eine offene Beziehung geführt. Also auch Dora Benjamin hatte ihre Liebesaffären. Er hat sie ja sogar dazu ermuntert. Diese "offene" Ehe der Benjamins, wie skandalös war die eigentlich in den 20er-Jahren der Berliner Boheme?

Weissweiler: In den Kreisen, in denen die Benjamins verkehrten, war das auf jeden Fall gang und gäbe. Nehmen wir mal Bertold Brecht, der immer mehrere Beziehungen parallel  hatte, auch als er schon mit Helene Weigel verheiratet war, einer der später besten Freunde von Walter Benjamin. Auf jeden Fall war es nichts Ungewöhnliches, was die beiden lebten.

Funck: 1930 und 1931 kam es ja zu diesem Scheidungsprozess der Benjamins, der eine richtige "Schlammschlacht" wurde, so schreiben Sie das. Und das war es wohl auch, weil Walter Benjamin tatsächlich versuchte, die ganze Schuld am Scheitern der Ehe allein seiner Ehefrau Dora Benjamin in die Schuhe zu schieben. Das misslang aber gründlich. Den Prozess hat er verloren. Und ich hatte das Gefühl, diese Trennung von Walter Benjamin und die Scheidung, die wurde für Dora Benjamin dann fast zu einer Befreiung. Ab 1925 fängt sie an, journalistisch zu arbeiten. Sie wird dann eine erfolgreiche Journalistin, Korrespondentin, Literaturübersetzerin, schließlich sogar Romanautorin. Kann man sagen: Die Trennung und die Scheidung waren eigentlich das Beste, was ihr passieren konnte – also beruflich gesehen?

Weissweiler: Für sie war die Scheidung auf jeden Fall nach anfänglicher, auch durchaus heftiger Verzweiflung und vielen Selbstmordgedanken ein Segen. Damit war sie endlich dieses moralische Verantwortungsgefühl für Walter Benjamin los, weil er sich ja auch so abscheulich ihr gegenüber benommen hatte. Sie konnte sich eigentlich zunächst mal nach der Scheidung, nachdem sie ihren Schmerz überwunden hatte, erst richtig emanzipieren. Das ist vollkommen richtig. Und sie musste ihren ganzen Selbstwert nicht mehr über ihn definieren.

Kritik an kritischer Sichtweise auf Walter Benjamin

Funck: Im Klappentext heißt es, Sie werfen ein ganz neues Licht auf Dora Benjamin. Das stimmt sicherlich in dieser Biografie. Ich glaube aber, Sie werfen auch ein neues Licht auf Walter Benjamin, zwangsläufig. Und man kann sagen, nicht gerade ein schmeichelhaftes. Also sie zeigen ihn als einen Ehemann, der eher kühl, unnahbar ist, launisch, relativ verantwortungslos oder sogar sehr verantwortungslos. Das sind ja nicht so schmeichelhafte Dinge, die Sie über Walter Benjamin erzählen. Und nun muss man sagen: Walter Benjamin ist wahrscheinlich der große Heilige der Kulturwissenschaft, seit Ende der 60er-Jahre. War Ihnen das eigentlich bewusst, dass Sie hier eine Biografie schreiben, die doch ein sehr heikles Thema hat, weil sie damit ja auch einen Mythos zerstören? Den Mythos vom – ja – genialischen, tragisch gescheiterten Dichter-Philosophen Walter Benjamin?

Weissweiler: Nein, das war mir nicht bewusst. Also zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es sich inzwischen gezeigt hat. Ich scheine ja etliche Leute, vor allen Dingen männliche Benjaminianer, aber auch einige wenige weibliche, bis an die Wurzel ihrer Seele gekränkt zu haben, dass ich’s mir erlaube, diesen Menschen auch mal als Humanum zu sehen. Ich äußere ja gar keine Kritik an dem großen Denker. Wobei ich das also auch sehr bemerkenswert finde, dass es überhaupt nicht erlaubt ist, eine einzige schriftliche Aussage von Benjamin kritisch zu sehen. Was er geschrieben und gesagt hat, hat den Charakter eines der zehn Gebote. Und dass ich aber damit bei kritischen oder sich für intellektuell, oder sogar für links-intellektuell haltenden Menschen diese Empörung ausgelöst hätte, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Das muss ich ganz ehrlich sagen.  

Funck: Was waren das für Reaktionen? Erzählen Sie mal!

Weissweiler: Dass ich zu viel Nähe zu Dora Benjamin entwickele. Und sie unangemessen glorifiziere und ihn auf ihre Kosten diskreditiere, als Denker wie als Mensch. Er habe doch so viele andere Autoren beeinflusst und so viel bewegt in unserem Geistesleben, dass es doch völlig unzulässig sei, ihn da in dieser Weise in die Ecke zu stellen. Nun muss ich allerdings dazu sagen: Er hat die vielen Autoren sicherlich nicht beeinflusst durch sein Vater- und Ehemann-Sein, sondern durch seine Schriften. Und das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Eva Weissweiler: "Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung"
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. 383 Seiten, 24 Euro.

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