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StartseiteInterviewEvangelischer Theologe: Wir müssen die Ausstrahlungskraft verstärken06.11.2007

Evangelischer Theologe: Wir müssen die Ausstrahlungskraft verstärken

Richard Schröder, Theologe und Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat eine Öffnung des kirchlichen Lebens gefordert. Ein lebendiges Gemeindeleben mache die Kirche attraktiver. Schröder prangerte die kirchliche Kleinstaaterei als Missstand an. Kleinere Landeskirchen müssten sich vereinigen, um größere lebensfähige Gemeinden zu bilden.

Schröder: Die 68er haben das Christentum auf den Müllhaufen  der Geschichte geworfen.  (AP)
Schröder: Die 68er haben das Christentum auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. (AP)
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Spengler: Seit Sonntag tagt in Dresden die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dieses Parlament der kirchlichen Selbstverwaltung repräsentiert etwa 25 Millionen Protestanten in Deutschland. Hauptthema der Tagung, die noch bis morgen Abend andauert, ist der Reformkurs, zu dem sich die EKD wegen vieler Kirchenaustritte und sinkender Einnahmen gezwungen sieht. Reformkurs, das heißt zum Beispiel, dass die Zahl der 23 Landeskirchen, der Gemeinden und der Pfarrer, drastisch reduziert werden soll, dass man aber auch das eigene Profil gegenüber Katholiken und Muslimen schärfen will sowie Gottesdienste mit neuen Elementen von Spiritualität attraktiver gestalten möchte. - Am Telefon in Dresden ist Professor Richard Schröder, ehemals sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, Philosoph, Theologe und Mitglied der Synode, die unter dem Motto steht "evangelisch Kirche sein". Guten Morgen Herr Schröder.

Schröder: Guten Morgen. Ich grüße Sie schön!

Spengler: Ich zitiere den Publizisten Robert Leicht. Er hat kritisiert: "Wir sind nicht islamisch, wir sind nicht katholisch, aber was evangelisch sein heißt, sagen wir nicht". Haben Sie eine Antwort?

Schröder: Ja, das hätte ich schon. Luther hat ja eine schöne Schrift geschrieben über die Freiheit eines Christenmenschen und den Inhalt kann man so zusammenfassen: Ein Christenmensch beugt sich dankbar vor seinem Gott und dann nie wieder vor einem anderen, wohl aber für andere. Das hat mir eigentlich immer sehr gefallen, auch so als Motto der Lebensführung.

Spengler: Warum scharen sich denn nicht alle hinter dieses Motto?

Schröder: Das ist nicht so einfach zu sagen. Das hat verschiedene Ursachen. Eine Ursache im Osten ist natürlich das Nachwirken der atheistischen Propaganda und der Benachteiligung von Christen, die nun 17 Jahre vorbei ist, aber die doch gewirkt hat. Vor allen Dingen die Einführung der Jugendweihe hat einen großen Einbruch in der Mitgliedschaft der evangelischen Kirche zur Folge gehabt. Im Westen sind das die Nachwirkungen - ich will das nicht atheistische Propaganda nennen - des religionskritischen Flügels der Aufklärung, der besonders unter den 68ern eine große Rolle gespielt hat.

Spengler: Ist das die Erklärung? Ich frage deswegen, weil weltweit die Religiosität steigt. Es gibt Umfragen. "Religion ist sehr wichtig für mich." Das sagen in Afrika, in weiten Teilen Asiens, Lateinamerikas zwischen 70 und 97 Prozent der Menschen. In den USA sagen es 69 Prozent und in Deutschland sagen das nur 21 Prozent. Noch weniger sind es nur noch in Frankreich, in Russland, in Japan, Bulgarien und Tschechien, wenn ich jetzt nichts vergessen habe. Warum fällt uns Glauben so schwer heute? Warum fällt es anderen leichter?

Schröder: Das hängt auch damit zusammen, ob es geschichtliche Brüche gibt. Bei den 68ern, wenn ich auf die noch mal zu sprechen kommen darf, hat der Effekt eine Rolle gespielt, dass bei der Ablehnung von vielem, was die vorige Generation gemacht hat, das Christentum mit auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurde.

Spengler: Das heißt zu dem Muff unter den Talaren gehörte die Kirche auch?

Schröder: Ja, ja. Der Muff unter den Talaren ist von vielen auch auf die Kirche bezogen worden und sicherlich auch nicht ganz ohne Gründe. Man muss sagen, dass Religionen allgemein, soweit sie auf Traditionen bezogen sind, eine Tendenz auch zur Erstarrung haben. Auch jetzt spielt das immer noch eine Rolle, dass junge Leute sagen, das ist mir alles fremd. Aber es gibt eben auch immer wieder diejenigen, die bis zu der Substanz vordringen, die der christliche Glaube und im besonderen dann für mich eben der Protestantismus für die Lebensführung und das Selbstverständnis darstellen können. Außerdem haben wir natürlich eine sehr starke Tendenz zur Oberflächlichkeit in unserer Zeit.

Spengler: Professor Schröder, ist diese Tendenz nicht nur zur Oberflächlichkeit, sondern zur Abkehr von der Religion umkehrbar?

Schröder: Ob sie generell in Deutschland umkehrbar ist? Ich bin ja kein Prophet, aber ich möchte annehmen, wenn das kirchliche Leben sich denjenigen öffnet, die noch nicht Rentner sind, dass dann auch das kirchliche Leben sich so verändert, dass die Betreffenden auch das was sie suchen finden. Ich wohne in einem Ort mit sehr viel Zuzug. Blankenfelde ist südlich von Berlin. Da ist ein sehr lebendiges Gemeindeleben entstanden durch die vielen, die zugezogen sind. Wenn sie die Gottesdienstbesucherzahl sehen oder diejenigen, die überhaupt aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, dann wird das auch attraktiver. Aber es gibt natürlich das Phänomen von Dörfern mit vier oder fünf Gottesdienstbesuchern. Wenn da nichts dazu kommt, dann ist das in der Tat so etwas wie eine auslaufende Veranstaltung. Das muss man realistisch sehen.

Spengler: Wenn ich die Debatte auf Ihrer Synode richtig verstehe, dann scheint die traditionelle Vielfalt der evangelischen Kirche auch eines ihrer Probleme zu sein. Da ist nämlich die Rede davon, dass es gelte, das Wir-Gefühl zu stärken, eine verbindlichere Gemeinschaft zu befördern, das gemeinsame Handeln. Ist das nicht ein Widerspruch, wenn das das Ziel ist, zu der Offenheit, die Sie gerade eben angemahnt haben?

Schröder: Offenheit führt immer auch zu Vielfalt, weil die Menschen verschieden sind. Sie sind verschieden und sie sind eben auch in der Art und Weise, wie sie den christlichen Glauben praktizieren, verschieden. Man könnte hier die verschiedenen Gegenden Deutschlands diesbezüglich auch charakterisieren. Aber ich bin da frohen Mutes. Wissen Sie zu DDR-Zeiten haben wir ja erleben müssen, dass die Zahl der Christen sehr stark zurückgegangen ist. Wir haben das aber nicht erlebt als einen Substanzverlust für die, die bleiben, und so sehe ich durchaus die Chance, dass es auch eine Verstärkung der Ausstrahlungskraft geben kann. Es gibt zwar einen Rückgang der Mitgliederschaft immer noch, aber dieser Rückgang der Mitgliederschaft hängt wesentlich inzwischen nicht mehr mit den Austritten zusammen, sondern mit dem demographischen Faktor. Das heißt es sterben mehr als geboren werden, überhaupt generell in Deutschland, und es gibt noch mal verstärkt mehr Beerdigungen als Taufen. Das ist wohl richtig. Das heißt aber nicht, dass diejenigen, die bleiben, nun deshalb sich als sterbender Rest empfinden müssen.

Spengler: Ich will trotzdem noch mal bei dem gemeinsamen Handeln, das auf der Synode angemahnt wird, bei der verbindlicheren Gemeinschaft bleiben. Ich will Sie nicht fragen, ob Ihnen ein Papst fehlt, aber doch fragen, ob angesichts der Klagen dieses mangelnden Zusammenhalts der Papst nicht Recht hat, wenn er die evangelischen Kirchen nicht als Kirche, als verbindliche Gemeinschaft im eigentlichen Sinn betrachtet?

Schröder: Der Papst hat nicht die Frage der verbindlichen Gemeinschaft im Auge, sondern die Frage der apostolischen Sukzession und des Amtsverständnisses. Wir seien nicht richtige Kirche sagt der Papst, weil uns das in der Sukzession der Apostel stehende Bischofsamt fehle. Das ist ein Streit um das Kirchenverständnis. "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen", sagt Jesus mal. Deswegen lassen wir uns auch vom Papst nicht die Überzeugung nehmen, dass auch wir soll ich sagen "echte Kirche" sind.

Aber vielleicht noch mal zu diesem Problem. In der Kirche hat die Kleinstaaterei überwintert. Wir haben ja sehr viel mehr Kirchen als Bundesländer in Deutschland und es geht ja nicht nur darum, zu kleine Gemeinden zu größeren zusammenzufassen, wie das im Osten gerade mit den Landkreisen auch gemacht wird und mit den politischen Gemeinden zum Teil auch, sondern es geht darum: wir sind die lippische Landeskirche oder wir sind die anhaltinische Landeskirche mit 50.000 Mitgliedern. Wir bleiben unter uns, weil das für uns auch eine wie soll ich sagen landsmannschaftliche Identität ist.

Spengler: Aber das meinte ich ja gerade. Das ist eben halt ein Problem der evangelischen Kirche, Herr Professor Schröder, und nicht der katholischen.

Schröder: Richtig. Das Landeskirchentum oder sagen wir die kirchliche Kleinstaaterei ist tatsächlich ein Missstand. Da werden lokalpatriotische Identitäten hochgehalten, die auch wenn man an die Mobilität denkt, die in Deutschland üblich ist, etwas von vorgestern an sich haben. Aber ich will Ihnen sagen: Menschen müssen offenbar erst mal unter etwas leiden, ehe sie sehen, dass sie etwas ändern müssen. Insofern bin ich da ganz zuversichtlich. Der Rückgang der Kirchenmitglieder wird irgendwann dazu führen, dass diese Ideen, größere lebensfähige Gemeinden zu bilden, auch wenn sie dann ein größeres Territorium umfassen, und kleinere Landeskirchen sich vereinigen zu lassen, umgesetzt werden. Das wird irgendwann kommen. Es gibt ja einen Versuch, der noch gelingen kann. Das ist nämlich die Kirchenprovinz Sachsen und Thüringen. Die wollen sich vereinigen. Einen noch kleineren Versuch hat es gegeben, indem die schlesische Oberlausitzkirche sich mit der Berlin-Brandenburger vereinigt hat. Wissen Sie eine Neuordnung der Bundesländer, für die auch einiges spricht, das ist ja eine genauso schwierige Angelegenheit!

Spengler: Die scheint fast noch leichter zu sein als die Neuordnung der evangelischen Kirche. - Danke für das Gespräch, Professor Richard Schröder.

Schröder: Auf Wiederhören!

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