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StartseiteForschung aktuellMit Getreidebrei zum „F“15.03.2019

Evolution der SpracheMit Getreidebrei zum „F“

7.000 menschliche Sprachen gibt es, aber nur die Hälfte davon verwendet die Buchstaben „F“ und „V“. Vor allem in den Sprachen der Jäger und Sammler fehlen diese Laute oft. Kein Zufall – denn die unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten beeinflussen die Entwicklung der Sprache, sagen Forscher.

Von Volkart Wildermuth

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Ein flüsterndes Paar  (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)
Schon seit den 1980er Jahren gibt es Spekulationen über den Zusammenhang zwischen der Art der Ernährung und dem "F"-Laut in einigen Sprachen. (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)
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"F" und "V" sind ausgesprochen wichtige Laute, im Deutschen und vielen anderen Sprachen. Und das ist kein Zufall, meint der Linguist Balthasar Bickel von der Universität Zürich. 

"Der produzierte Laut ist sehr gut übermittelbar, auch in geräuschvollen Umgebungen. Und gleichzeitig ist er ja auch gut sichtbar. Man sieht die Zähne. Und das sind Befunde, die zeigen, dass es ein Laut ist, der, wenn er mal entsteht in einer Sprache, auch relativ robust ist in der Sprache."

Vom Brei zum "F"

Nur ist der "F" -Laut eben längst nicht in allen Sprachen entstanden, vor allem in den Sprachen der Jäger und Sammler fehlt er oft. Eine mögliche Erklärung dafür könnten die unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten sein. Jäger und Sammler benötigen einen kräftigen Biss. Deshalb stehen bei ihnen die oberen und unteren Schneidezähne genau übereinander. Ackerbauern dagegen nutzen vor allem verarbeitete, weichere Nahrung, Getreidebrei zum Beispiel. Bei ihnen entwickelt sich leicht ein Überbiss. Die Folge: Der Abstand zwischen Unterlippe und Schneidezähnen schrumpft. Weil das "F" ein Labiodentallaut ist, der entsteht, wenn die Unterlippe die oberen Scheidezähne berührt, wird seine Entwicklung dadurch begünstigt. Vom Brei zum "F" könnte man diese Theorie nennen und sie klingt nach einer jener Geschichten, die sich überzeugend anhören, für die es aber keine Belege gibt. Auch Balthasar Bickel war deshalb zunächst skeptisch.

"Ah, das ist jetzt einfach wieder so eine Korrelation von irgendetwas in der Sprache mit was in der Umgebung, die Nahrungsgewohnheiten, das stimmt ja vielleicht gar nicht."

Vermessung mit Computermodell

Um die These zu überprüfen nutze das Schweizer Team gleich mehrere indirekte Methoden. Mit Hilfe eines biomechanisches Computermodells des Kopfes konnten die Forscher die Kräfte bei der Lautproduktion vermessen.

"Der Überbiss führt dazu, dass das "F" viel leichter, mit weniger Muskelaufwand zu produzieren ist, einerseits. Und andererseits führt der Überbiss auch dazu, dass wenn man ein "P" beabsichtigt, dass man sehr leicht aus Versehen ein "F" produziert."

Und dann mit dem neuen Laut experimentieren kann. Es gibt also wirklich eine plausible Verbindung vom Überbiss zum "F". Das "Wie?" dieser Geschichte ist also geklärt, bleibt die Frage nach dem "Wann?". Um den Zeitraum einzugrenzen schaute sich Balthasar Bickel den Stammbaum der Indogermanischen Sprachen an.

"Wir waren sogar ein bisschen überrascht, wie gut das zusammenpasst. In der klassischen Antike haben sich wasserbetriebene Mahlwerke etabliert. Wir wissen, dass die Römer eine Art Zwieback gebacken haben, der dann weich gegessen worden ist, in aufgelöst worden ist in Breien. Und zwar im westlichen Teil der indogermanischen Familie und es ist genau dort, wo wir auch den stärksten Anstieg von Labiodentalen gefunden haben. Das sind eben Laute, die vor all diesen Entwicklungen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht existiert haben."

Abhängig von weiteren Faktoren

Es gibt allerdings keinen Automatismus, der von weicher Nahrung über den Überbiss zum "F" führt. Das Japanische nutzt zum Beispiel keine Labiodentale, obwohl dort die Landwirtschaft schon lange bekannt ist. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, um Möglichkeiten für die Evolution der Sprache. Ob sie genutzt werden, hängt von weiteren sozialen Faktoren ab. 

"Es gibt Sprechergemeinschaften, die sich sträuben gegen Wandel in der Sprache, die eine konservative Einstellung haben. Es gibt Sprechergemeinschaften, die genau das Gegenteil haben, die quasi jede modische Entwicklung gleich mitmachen. Da gibt es große Unterschiede in den Gesellschaften der Welt. Und das sind alles Faktoren, die das dann beeinflussen."

In der Sprache vermengen sich Biologie und Kultur eben unentwirrbar. Ein Glück, dass unsere Vorfahren erst auf weiche Nahrung umstiegen und dann die neuen Laute in ihre Sprache integrierten. Sonst müssten wir heute ohne Worte wie 'Familie', 'Furz', 'Forschung', Vater' und 'Volkart' auskommen.

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