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StartseiteKultur heute"Heimat hat nichts mit dem Grundgesetz zu tun"15.10.2018

Exil in der Literatur"Heimat hat nichts mit dem Grundgesetz zu tun"

Den Begriff Heimat würde sie am liebsten komplett aus dem politischen Zusammenhang weglassen, sagte die Schriftstellerin Olga Grjasnowa im Dlf. Denn jedes Mal, wenn er in der Politik auftauche, werde es gemeingefährlich. Heimat sei etwas sehr Lokales, was meist einer Erinnerung entspringe.

Olga Grjasnowa im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa bei Deutschlandradio Kultur auf der Leipziger Buchmesse 2017 (Deutschlandradio / Stefan Fischer)
Wir kennen zu wenig Gesichten von Exilanten - so die Auffassung von Olga Grjasnowa (Deutschlandradio / Stefan Fischer)
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Anja Reinhardt: Wie wir mit Geschichte umgehen, das war auch ein Thema auf dem diesjährigen Historikertag, der mit einer Resolution endete: Geschichtswissenschaftler, so ließe es sich salopp zusammenfassen, müssen auch die politische Verhältnisse der Gegenwart im Blick haben. Unsere Gegenwart, das haben wir jetzt bei diversen Landtagswahlen und auch bei der Bundestagswahl gesehen, ist geprägt vom Thema Flucht, Vertreibung, Exil. Exil ist allerdings ein Wort, das kaum noch jemand benutzt, stattdessen spricht man von Migration.

Und wenn in Hamburg seit heute zum dritten Mal die Tage des Exils stattfinden, dann werden hier natürlich auch Erinnerungen an Zeiten wach, in denen deutsche Künstler und Intellektuelle Zuflucht und eine Arbeitsmöglichkeit in anderen Ländern gesucht haben.

Heute kommen Menschen aus Syrien, dem Irak oder anderen Ländern zu uns, so wie der Iraker Abbas Khider, der dieses Jahr der Schirmherr der Tage des Exils ist. Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa kam vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland, aber ihre Familiengeschichte ist auch eine Geschichte des Exils. Morgen wird sie in Hamburg zusammen mit ihrem Mann, dem syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha über Exilerfahrungen sprechen. Ich habe Olga Grjasnowa gefragt, inwiefern ihre Geschichte und die ihres Mannes auch exemplarisch gesehen werden kann?

Olga Grjasnowa: Das ist eine sehr, sehr gute Frage, ehrlich gesagt. Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich so exemplarisch ist. Unser Kennenlernen lief auch nicht so ab, dass wir beide davon auf Anhieb ausgegangen sind, dass es auch funktionieren wird mit uns oder zwischen uns. Ich glaube, wir haben es nicht mal mitbekommen, dass es kein tatsächliches Kennenlernen war. Aber die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass es ausgerechnet in Berlin stattgefunden hat, das fand ich dann doch schon exemplarisch.

Exil-Literatur versus Migrationsliteratur

Reinhardt: Jetzt schreiben Sie ja im Grunde genommen keine Exil-Literatur. Sie wehren sich auch dagegen, dass Sie als Exilantin, Migrantin oder wie auch immer beschrieben werden, weil Sie sind mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Sie sind auf eine deutsche Schule gegangen, Sie schreiben auf Deutsch. Aber der Begriff oder das Wort Exil spielt in Ihrer Familie ja doch eine große Rolle. Was bedeutet der für Sie?

Grjasnowa: Ich würde ganz gerne noch mal unterscheiden zwischen Exil-Literatur und Migrations-Literatur, weil das, glaube ich, zwei völlig unterschiedliche Begriffe sind. Migrations-Literatur hat ja nicht allzu viel mit Exil-Literatur zu tun, sondern Exil-Literatur ist immer sehr deutlich gebrandmarkt durch die Zeit wie zum Beispiel die deutsche Exil-Literatur oder auch meinetwegen die jüdische Exil-Literatur, die gerade in Europa oder in den USA entsteht. Migrations-Literatur ist tatsächlich etwas, was auf Deutsch geschrieben wird und wo zum Beispiel in meinem Fall, in dem von Saša Stanišić und Nino Haratischwili einfach Leute zusammengefasst werden unter einem Oberbegriff, die stilistisch und inhaltlich, thematisch, generationsübergreifend kaum was miteinander zu tun haben, sondern das ist einfach nur eine kurze biografische Randnotiz.

Reinhardt: Aber es heißt ja nun auch "Tage des Exils" und es geht auch darum, aufmerksam zu machen auf das Leben, auf das Arbeiten, auf das Schicksal auch von Künstlern, von Intellektuellen, die nach Deutschland kommen und hier auch versuchen zu arbeiten. Was kann die Literatur da vielleicht auch zur politischen Debatte hinzufügen?

Grjasnowa: Ich glaube, Literatur kann immer dazu beitragen, einen Perspektivwechsel einzuleiten und dass man etwas unter Umständen sehr großes Verständnis für die Lage der anderen erwecken kann.

"Heimat ist etwas sehr Lokales"

Reinhardt: Ist es denn so, dass uns die Geschichten fehlen? Kennen wir zu wenig Geschichten von Exilanten?

Grjasnowa: Ich glaube, ja. Ich glaube, das, was bei uns stattfindet, ist eine gewisse Verkürzung. Das ist eine gewisse Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne und der Berichterstattung. Ich habe das Gefühl, dass ständig über das Flüchtlingsproblem geredet wird, und was genau denn dieses Flüchtlingsproblem ist oder wo genau das Problem überhaupt besteht, das wird nicht mehr hinterfragt, sondern der Begriff hat sich so fest etabliert, dass er gar nicht mehr hinterfragt wird. Schon allein Redewendungen wie "Die Migration ist die Mutter aller Probleme", das trägt nicht unbedingt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei, oder auch schon allein zum Verständnis. Und ich glaube, dass es in der Literatur zumindest die Möglichkeit gibt, eine Geschichte auch mal länger zu erzählen als wie in 30 Sekunden, die die Nachrichten aufflammen, oder auch länger, als ein Zeitungsbeitrag das leisten kann.

Reinhardt: Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Heimat eine Behauptung sei. Brauchen wir dann auch einen neuen Heimatbegriff?

Grjasnowa: Ich würde am liebsten den Heimatbegriff komplett aus dem politischen Zusammenhang weglassen. Jedes Mal, wenn er in der Politik auftaucht, wird es eigentlich gemeingefährlich, und Heimat ist etwas sehr Lokales, was, je mehr man darüber nachdenkt, desto enger gefasst wird. Aber zugleich ist das natürlich nicht nur ein geografischer Begriff, sondern auch ein zeitlich begrenzter. Es ist ja meist auch eine Heimat, die aus einer Erinnerung entspringt, natürlich auch auf eine sehr verklärte Zeitspanne, die einem im Gedächtnis geblieben ist, hin projiziert wird. Deswegen: Ein Heimatministerium hat für mich auch noch lange nicht seine Arbeit erfüllt, oder ich verstehe überhaupt nicht, weshalb das nötig war, auf einmal ein Heimatministerium zu haben. Das ist ja eigentlich genau das, was ich damit meine: Sobald Heimat im politischen Zusammenhang auftaucht, geht es ja nur darum, die Heimat gegen die Eindringlinge zu verteidigen - etwas, was natürlich wunderbar schwammig formuliert ist. Heimat ist ja weder Demokratie, Heimat hat auch nichts mit dem Grundgesetz zu tun und auch nichts mit dem Rechtsstaat, sondern Heimat ist etwas: Jeder hat eine gewisse Vorstellung davon, aber man muss es nicht weiter ausdiskutieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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