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StartseiteUmwelt und VerbraucherExperten plädieren offenbar für größere Sicherheitszone um AKW06.11.2013

Experten plädieren offenbar für größere Sicherheitszone um AKW

Evakuierungszone um Kernkraftwerke erneut in der Diskussion

Strahlenschützer empfehlen, die Evakuierungszonen rund um Atomkraftwerke auszuweiten. Diese Informationen sind offenbar aus Beratungen der Strahlenschutzkommission durchgesickert, die für die Bundesregierung arbeitet. Atomkraftgegner haben sie publik gemacht.

Von Daniela Siebert

Atomkraftgegner "ausgestrahlt" fordern größere Sicherheitszonen um Atomkraftwerke. (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)
Atomkraftgegner "ausgestrahlt" fordern größere Sicherheitszonen um Atomkraftwerke. (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)
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Die Atomkraftgegner, die sich in der Organisation "ausgestrahlt" zusammengetan haben, sehen sich bestätigt: Atomkraftwerke seien viel gefährlicher als bislang behauptet. Das leiten sie aus Informationen ab, die sie von Experten der Strahlenschutzkommission bekommen haben. Demnach will die Kommission ihre Empfehlungen, was im Katastrophenfall rund um ein Atomkraftwerk zu tun ist, verändern. "ausgestrahlt"-Sprecher Jochen Stay.

"Der Vorschlag beinhaltet jetzt, dass die kleinste Evakuierungszone, die bisher drei Kilometer um das Kraftwerk beträgt, auf fünf erhöht werden soll. Das ist die Zone, die innerhalb von sechs Stunden evakuiert werden muss, und dann gibt es eine mittlere Zone, die ist bisher zehn Kilometer ums Kraftwerk herum, die soll auf 20 Kilometer erhöht werden, was ja das Vierfache ist, das ist eine Zone, die soll innerhalb von 24 Stunden evakuiert werden. Und dann gibt es noch mal Bereiche, da geht es darum, die langfristig umgesiedelt werden müssen, wo die Menschen also einfach hinterher nicht mehr leben können, weil die Strahlenbelastung auf Dauer zu hoch ist, und dort wurde der Grenzwert der bisher bei 100 Millisievert lag, auf die Hälfte reduziert, das sind jetzt 50."

Außerdem sollen künftig flächendeckend Jodtabletten für Kinder, Jugendliche und Schwangere vorgehalten werden und nicht mehr wie bislang nur im 100-Kilometer-Umkreis von Atomkraftwerken, so Stay.

Professor Wolfgang-Ulrich Müller, der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, bestätigt diese Informationen auf Deutschlandfunk-Anfrage nicht und will sich auch nicht dazu äußern. Nur so viel teilt er schriftlich mit: die Anti-Atomorganisation "ausgestrahlt" habe offensichtlich einen Empfehlungsentwurf erhalten, der sich mit der Thematik beschäftigt. Dieser Entwurf werde derzeit diskutiert und könne sich noch ändern, so Müller.
Jochen Stay sieht ihn jedoch schon auf der Zielgeraden.

"Wir haben einfach die Information bekommen, dass die Strahlenschutzkommission daran arbeitet, dass sie eigentlich fast fertig ist, sich auch fast einig ist schon und im Prinzip die Innenministerkonferenz nur noch drauf wartet, dass sie diese Vorlage jetzt bekommt. Das, was ich gehört habe, ist dass aber es noch einzelne gibt oder eine einzelne Stimme, da soll noch mal was nachgerechnet werden."

Die Atomkraftgegner von "ausgestrahlt" hoffen sogar, dass sich die Innenminister der Länder schon Anfang Dezember mit den veränderten Empfehlungen beschäftigen werden. Denn Evakuierungs- und Katastrophenschutzmaßnahmen werden von den Bundesländern und letztlich den Landkreisen geregelt. Üblicherweise würden die sich an die Empfehlungen der Strahlenschutz-Kommission halten so Stay. Die Umsetzung könnte gleichwohl einige Zeit in Anspruch nehmen.

Das Technische Hilfswerk, das im Katastrophenfall zu denen gehört, die die veränderte Beschlusslage ausführen müssten, also noch größere Gebiete evakuieren und noch mehr Menschen mit Jodtabletten versorgen, wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Jochen Stay hält die neuen Pläne kaum für realistisch, nach den Rückmeldungen, die er von Katastrophenschützern bekommen hat.

"Wenn wirklich ein ganz schwerer Störfall passiert, dann wird man die Menschen dort gar nicht so schnell weg bekommen, gerade wenn es jetzt eine größere Zone noch ist und damit noch viel mehr Menschen betroffen sind. Wir haben auch viele Gespräche geführt mit den Menschen, die in der Praxis den Katstrophenschutz organisieren und die sagen selbst: bei einem so schweren Störfall, wie er in Fukushima war, dann sind wir machtlos, dann wissen wir gar nicht, wer von unseren Leuten zum Dienst erscheint oder wer vielleicht doch seine Kinder ins Auto packt und versucht als Erster auf die Autobahn zu kommen. Das sind dann Dinge, die in der Realität noch mal ganz anders ablaufen."

Die möglicherweise bevorstehenden Änderungen in der Einschätzung der Strahlenschutzkommission fußen auf den Erfahrungen und Neubewertungen nach der Katastrophe von Fukushima. Doch auch nach dem Gau von Tschernobyl hätte man zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen können, da sich die Gefährlichkeit der Atomkraftwerke nicht verändert hat, sondern lediglich die Folgenabschätzung von Notfällen. Ausgestrahlt bilanziert daher eine Neubewertung so:

"Das ist natürlich schon erschreckend, weil es ja immer hieß: die Behörden haben alles im Griff und hier in Deutschland ist alles super organisiert, auch mit dem Katastrophenschutz und jetzt stellen wir fest, das ist alles gar nicht so."

Für die Atomkraftgegner bei "ausgestrahlt" ist das ein Argument, die verbliebenen neun deutschen Atomkraftwerke noch früher abzuschalten als derzeit geplant.

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