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Expertin: Solarindustrie nicht in Gefahr

Laut der Chefredakteurin des Solar-Magazins "photon", Anne Kreutzmann, ist die Massenproduktion von Solarmodulen hierzulande nicht wettbewerbsfähig. Die "wertvollen" Solar-Arbeitsplätze fände man jedoch im Maschinenbau.

Anne Kreutzmann im Gespräch mit Stefan Heinlein | 18.08.2009

Stefan Heinlein: Weg von Kohle und Öl, schrittweiser Ausstieg aus der Atomenergie. Die Förderung alternativer Energien gehörte zu den Maximen rot-grüner Politik und auch die Große Koalition fördert umweltschonende, energieeffiziente Technologien. Die Solarzelle auf dem Dach gehört bei den meisten Neubauten mittlerweile zum Standardprogramm, aber auch viele ältere Gebäude werden umgerüstet. Umso verwunderlicher nun die Meldung von einer drohenden Pleitewelle in der deutschen Solarindustrie. Viele frühe erfolgsverwöhnte Hersteller schreiben inzwischen tiefrote Zahlen. Die Konkurrenz aus Asien macht ihnen schwer zu schaffen. - Bei mir am Telefon dazu nun die Chefredakteurin der Solar-Fachzeitschrift "photon", Anne Kreutzmann. Guten Morgen, Frau Kreutzmann.

Anne Kreutzmann: Guten Morgen!

Heinlein: Ist der Boom der deutschen Solarindustrie tatsächlich bereits beendet?

Kreutzmann: Nein, das kann man so nicht sagen. Allerdings ist es durchaus richtig, dass bestimmte Produkte hier in der Massenproduktion nicht wettbewerbsfähig sind.

Heinlein: Sind die Hersteller aus China und Asien also einfach billiger?

Kreutzmann: Ja, aber das ist jetzt nichts Außergewöhnliches bei der Solarindustrie. In den meisten Industrien, bei denen es um simple Massenproduktion geht, ist Deutschland nicht der richtige Standort für diese Massenproduktion, sondern hier findet halt die Forschung und Entwicklung statt.

Heinlein: Können denn die chinesischen Solarzellen auch qualitativ mit deutschen Produkten mithalten?

Kreutzmann: Ja, absolut. Zum einen haben wir ein eigenes Testlabor, wo wir durchaus einige Hundert Module bereits getestet haben, und es gibt keinen substanziellen offensichtlichen Unterschied zwischen chinesischen Modulen und europäischen Modulen. Es gibt wohl durchaus Unterschiede zwischen einzelnen Herstellern, aber eine pauschale Aussage, dass die chinesischen Hersteller beispielsweise qualitativ schlechter wären, gibt das nicht her.

Heinlein: Haben die Chinesen, Frau Kreutzmann, die deutschen Technologien einfach kopiert?

Kreutzmann: Die Solarindustrie ist sicher da eine Industrie wie jede andere auch. Natürlich wird da auch kopiert und abgekupfert. Es ist aber durchaus so, dass auch chinesische Unternehmen Spitzenwissenschaftler im Bereich Photovoltaik haben. Die größten chinesischen Unternehmen bedienen sich unter anderem aus dem Pool von der University of New South Wales. Das ist eine australische Universität, wo die Weltrekordler im Bereich Solarzellen sitzen. Und auch chinesische Unternehmen haben durchaus ausgezeichnete Technologen.

Heinlein: Sie haben gesagt, Frau Kreutzmann, in Deutschland wird geforscht. Ist es aber in Zukunft so, dass die Arbeitsplätze in der Herstellung allein in Asien stattfinden werden?

Kreutzmann: Möglicherweise werden die Arbeitsplätze, wo jemand an einer Maschine steht, die jetzt massenweise Solarzellen oder Module produziert, vor allen Dingen in Asien, Niedriglohnländern oder Ländern mit besonders günstigen Steuern stattfinden. Auf der anderen Seite besteht ein Großteil der Arbeit bis zur fertig installierten Solaranlage gerade in der Installation der Solaranlage, und das sind Arbeitsplätze, die sich absolut nicht verlagern lassen können, sondern die werden weiterhin auch natürlich in Deutschland bleiben.

Heinlein: Wird es nun besonders in Deutschland zu einem Konzentrationsprozess in dieser Branche kommen?

Kreutzmann: Dieser Konzentrationsprozess wurde immer wieder prognostiziert. Bislang gibt es dafür einige zarte Anzeichen. Auf der anderen Seite ist das eine Industrie, die in den letzten Jahren mit 50, 60, 70 Prozent, 100 Prozent pro Jahr gewachsen ist, und wir sehen auch in den nächsten Jahren ein ähnliches Wachstum. Normalerweise ist das keine Situation, wo schon eine große Konsolidierung stattfindet.

Heinlein: Kann die Politik vielleicht helfen, vielleicht mit einem stärkeren Schutz des deutschen Marktes?

Kreutzmann: Die Frage ist, wenn so was ginge, wäre so was überhaupt sinnvoll. Ich denke, die wertvollen Arbeitsplätze sind vor allen Dingen im Maschinenbau; der wird sich kaum verlagern. Die wertvollen Arbeitsplätze sind auch im Bereich Forschung und Entwicklung und sicher auch im Handwerk. Ob man jetzt versuchen sollte, für die Solarindustrie eine Ausnahmesituation zu schaffen, dass hier mal ausnahmsweise die Massenproduktion nicht in Asien stattfindet, halte ich für relativ schwierig und ich weiß letztlich auch nicht, ob das der richtige Weg ist. Das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, was ja letztlich die Basis für diesen Boom darstellt, ist ja geschaffen worden als Klimaschutzgesetz und der Hauptgrund für die Förderung ist natürlich die Markteinführung einer CO2-freien Energie. Das klappt hervorragend und insofern weiß ich nicht, ob man da jetzt unbedingt sofort nachjustieren sollte.

Heinlein: Also unter dem Strich: Ein Nachruf auf die deutsche Solarbranche ist verfrüht?

Kreutzmann: Das ist verfrüht, zumal diese Unternehmen ja sehr große Fabriken in Asien aufbauen und insofern die Unternehmen an sich jetzt genau das richtige tun.

Heinlein: Im Deutschlandfunk heute Morgen die Chefredakteurin der Solar-Fachzeitschrift "photon", Anne Kreutzmann. Ich danke für das Gespräch.