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StartseiteKultur heuteWaffenexporte auf der Theaterbühne04.12.2014

"Exporting War"Waffenexporte auf der Theaterbühne

Mit seinem neuen Stück "Exporting War" bringt Hans-Werner Kroesinger am Theater Hebbel am Ufer in Berlin die Waffenexporte deutscher Firmen auf die Bühne. Erzählt wird dabei auch die Geschichte des schwäbischen Herstellers Heckler & Koch und seiner Maschinenpistole G3.

Von Eberhard Spreng

Weiterführende Information

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Im Foyer des Hebbeltheaters hängen einige Schautafeln. Wo die Lobbyverbände der deutschen Rüstungsindustrie ihre Büros unterhalten ist da zu sehen und wie man auf einem kurzen Spaziergang vom Theater dahin gelangt: Zu den Lobbyisten von Rheinmetall, EADS und vielen anderen. Kurioserweise hat aber der Maschinenpistolenhersteller Heckler & Koch, so die dann folgende Erklärung in der Aufführung, auf eine eigene Vertretung in der deutschen Hauptstadt bislang verzichtet. Die Waffenschmiede in Oberndorf macht auch so üppige Umsätze.

Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger gehört zu den Pionieren des Dokumentar-Theaters (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger gehört zu den Pionieren des Dokumentar-Theaters (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)Über die Geschichte der Gewehrfabrik belehren die Performer bei ihren wackeren Auftritten auf der Vorderbühne mit irgendwie stolzem und milde provozierendem Blick ins Publikum: Aufgemerkt und hingehört! Auf die Details des jüngsten illegalen Waffenexports in die mexikanische Unruheprovinz Guerrero, so wie sie in der kritischen Tagespresse ihren Niederschlag fand, hat Hans-Werner Kroesinger verzichtet. Ihm geht es um eine gewisse historische Tiefenschärfe: So wird erzählt, wie die Waffenschmiede auf Initiative ehemaliger Mitarbeiter aus den nach dem Krieg daniederliegenden Mauserwerken hervorgegangen ist und sich zu einem der international beliebtesten Hersteller von sogenannten Kleinwaffen entwickelt hat. Zwei Millionen Menschen sind Gewehren von Heckler & Koch schon zum Opfer gefallen, weit mehr als den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Aber mit Geschichtsunterricht über den schwäbischen Hersteller will sich die Aufführung nicht begnügen. Der Blick weitet sich zu anderen Rüstungskonzernen und ihrem Führungspersonal. So werden selbstgefällige Ansprachen bei Betriebsversammlungen oder Interviews von Vorstandsvorsitzenden nachgespielt.

"Wir sind alle part of the game. Ich werde alles dafür tun, dass unsere Werke profitabel sind, denn dann haben wir auch die sichersten Arbeitsplätze. Jetzt geht es darum, bestimmte Themen noch mal zu turbo-boosten. Ich sage ganz bewusst nicht, wir wollen alles anders machen. Es geht darum, aus dem Klasseding, das wir haben, noch was Besseres zu machen."

Spekulatives I-Tüpfelchen in einem Dokumentartheater

Das Klasseding von Rheinmetall Defence ist zum Beispiel der Leopard II, der unter anderem auf der Arabischen Halbinsel beliebt ist. Wenn dann nach EADS, Krauss Maffei, Thyssen Krupp und der Raketenfirma Diehl in etwa das ABC der boomenden deutschen Rüstungsindustrie abgearbeitet ist, die das Land nach den USA und Russland zum weltweit drittgrößten Waffenexporteur machen, kommt das Faktentheater endlich zum Thema Drohne. Mit ihr kommt eine nicht nur technologisch neue Dimension in die Debatte um die Industrien des Todes, die das deutsche Waffenexportgesetz nur sehr widerwillig und lückenhaft reglementiert. Mit der Drohne wird das Töten anonym, und wenn einmal die Datenströme aus der Cyber-Überwachung und die aus ihr gewonnenen Profile mit den Zielkoordinaten einer demnächst auch autonom entscheidenden Drohne zusammengebracht werden, droht der Krieg der Maschinen gegen alles, was sich nicht systemkonform verhält.

Nicht besonders beruhigend ist in diesem Zusammenhang, dass ein Konzern wie EADS den Bereich Cyber-Security als neues Geschäftsfeld entdeckt hat. All das wird zwar nüchtern zwischen Wellblechwänden erzählt, aber der Zuschauer hat unwillkürlich die Eingangssequenz von "Terminator II" vor Augen. Über die kulturellen und zivilisationsgeschichtlichen Dimensionen dieser Zukunftsperspektive hätte man gerne einen ganzen Abend erlebt. So bleibt er ein spekulatives I-Tüpfelchen in einem Dokumentartheater, das genauso gut ein Dokumentarfilm hätte sein können oder ein ausführlicher Zeitungsartikel. Er hätte dann vielleicht auch ein Publikum erreicht, dass nicht vorinformiert und einverstanden ist.

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