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StartseiteSport am Wochenende"Die Gewalt bleibt nicht in den Trainingsräumen"28.09.2019

Extremismusforscher zu Kampfsport"Die Gewalt bleibt nicht in den Trainingsräumen"

Sie trainieren für den politischen Straßenkampf oder den "Tag X" - und das oft unter dem Deckmantel des Kampfsports. Auf eigenen Events versuchen Neonazis, ihre Gewalt zu professionalisieren und zu organisieren, so Extremismusforscher Robert Claus im Dlf. Auch Neonazi-Hooligans seien darunter.

Robert Claus im Gespräch mit Klaas Reese

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Vier Männer mit durchtrainierten Körpern auf ihren T-Shirts steht "Noricum", der Name ihrer Kampfsportgruppe (David Speier/Imago)
Mitglieder der Kampfsportgruppe Noricum im sächsischen Ostritz auf dem Weg zu einem Neonazi-Festival (David Speier/Imago)
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In der breiten Landschaft des Kampfsports und Mixed Martial Arts (MMA) trainieren auch Neonazis ihre Gewalt und professionalisieren sie, sagte Extremismusforscher Robert Claus im Dlf.

"Diese Gewalt bleibt nicht in den Trainingsräumen. Es gibt viele Beispiele dafür, wie militante Neonazis im Kampfsport sich ausbilden und ihre Gewalt weiterentwickeln. Sie tragen diese Gewalt in den politischen Straßenkampf."

Ein internationalisiertes Kampfsport-Netzwerk

Dafür gebe es mittlerweile Videobeispiele, wie Neonazis-Kampfsportler mit geübten Griffen selbst behelmte Polizisten zu Boden bringen, so Claus. "Wir reden nicht mehr von einer unorganisierten Kultur der Straßenschläger, auch im Bezug auf Hooliganismus, sondern von einem internationalisierten Kampfsport-Netzwerk. Und das ist eine gefährliche Entwicklung."

Was Anfang der 2000er-Jahre als Free-Fight aufgekommen ist, heißt heute Mixed Martial Arts. Der Markt ist gewachsen, es seien Kleidungsmarken entstanden und größere Events.

"Neonazis suchen ihre Insel darin, ihr Stück vom Kuchen dieser Entwicklung. Sie haben eigene Gyms gegründet, eigene Events begründet und versuchen das Interesse an Kampfsport und Gewalt aus der Szene a) zu professionalisieren und b) in Finanzen umzusetzen. Denn mit den Kleidungsmarken und den Events wird natürlich auch Geld verdient."

Kämpfen für den Tag X

Der "Kampf der Nibelungen", das größte Kampfsport-Event der extremen Rechten in Deutschland mit ungefähr 800 bis 900 Zuschauern sei mittlerweile eine Institution in der Szene. Auf der Homepage des Events werde kein Hehl aus der Ablehnung der Demokratie gemacht. Dort rede man von einem faulenden politischen System, erläutert Claus. Man trainiere dort für den "Tag X", an dem der Umsturz in Deutschland stattfinde. Neu sei die Vernetzung mit Rechtsextremen aus Osteuropa.  

"Inferno" im Cottbuser Fanblock (imago images / CoverSpot)Inferno Cottbus wurde im Jahr 1999 gegründet: 2017 gab die Gruppe ihre Selbstauflösung bekannt, um möglichen Strafverfolgungen zu entgehen (imago images / CoverSpot)

"Wir sehen an einigen Orten auch neue rechte Hooligan-Gruppen, die deutlich aufgerüstet haben und die versuchen, Macht auszuüben mit ihren trainierten Körpern, in dem man politische Gegner unter Druck setzt." So sei die Gruppe "Inferno Cottbus" ja angeblich aufgelöst, übe aber im Stadion durch körperliche Präsenz ein gewisses Drohszenarium aus. Dieser neue rechte Hooliganismus sei viel trainierter, viel professionalisierter, organisierter und taktischer geschulter als frühere Generationen und habe Einfluss darauf, wie politische Konflikte in Fanszenen gelöst werden.

Fehlende Prävention und politische Unterstützung

Zwar würden sich in Deutschland mehrere MMA-Verbände glaubhaft von der rechten Szene abgrenzen, erklärte Claus. Doch fehle es an wirklichen Präventionsprojekten und pädagogischen Maßnahmen. Eine Forderung: Kampfsporttrainer sollten neben der sportlichen auch eine pädagogische Ausbildung haben, um eine gewisse Haltung zu vermitteln. Außerdem müsste die Politik einschreiten.

"Stand heute darf jeder militante Neonazi in Deutschland ein Kampfsport-Gym aufmachen, auch wenn er vielfach verurteilt und vorbestraft ist."

Neonazi-Hooligans auf den Bestenranglisten

Mehr Gegenwehr aus der Kampfsportszene wäre ebenfalls wünschenswert, so Claus.

"Man muss unterscheiden: Reden wir über Amateursport? Da gibt es über 1.000 Gyms. Oder reden wir über semiprofessionalisierte Events? Und leider müssen wir sagen, dass wir gerade auf den Fightnights beim Kickboxen und Mixed Martial Arts viele Turniere sehen, wo auch diverse Neonazi-Hooligans kämpfen und auf den Bestenranglisten finden sind. Und das ist ein großes Problem."

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