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StartseiteKultur heute„Es könnte sein, dass der Vorhang zubleibt“16.12.2019

Fachkräftemangel am Theater„Es könnte sein, dass der Vorhang zubleibt“

Rüstmeister, Bühnenplastiker, Modisten - auch an Theatern herrscht Fachkräftemangel. Bis 2030 wird es einen Bedarf an über 2.500 Stellen geben. "Aus eigenen Kräften werden wir das nicht stemmen können", sagte Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein im Dlf. Er fordert Hilfe von der Politik.

Marc Grandmontagne im Gespräch mit Michael Köhler

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Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins (dpa / Horst Galuschka)
Vom Fachkräftemangel kann auch er ein Lied singen: Marc Grandmontagne, der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins (dpa / Horst Galuschka)
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Michael Köhler: Heute ist Gipfel im Kanzleramt zur Fachkräfteeinwanderung. Also nicht Fachkräfte-Einwanderung ins Kanzleramt, obwohl auch das durchaus Thema sein könnte. Kanzlerin Angela Merkel bespricht mit Unternehmen, Gewerkschaften, Ländervertretern, wie das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz schnell wirksam werden kann. Am 1. März 2020 soll es in Kraft treten.

Was bedeutet das eigentlich für die Kultur in Deutschland? Nehmen wir den Deutschen Bühnenverein: Da sind über 200 Theater und über 30 Sinfonieorchester organisiert. Wir haben Marc Grandmontagne, den Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins gefragt: Auf ihrer Website bühnenjobs.de finde ich heute 689 offene Stellen. Bleibt die deutsche Bühne bald leer wegen Fachkräftemangels? Haben Sie Fachkräftemangel?

Marc Grandmontagne: Ja, wir haben einen Fachkräftemangel. Gottseidank nicht in allen Bereichen: Wir haben keinen Fachkräftemangel im künstlerischen Bereich, aber wir haben einen insbesondere im technischen und auch im administrativen Bereich.  

50 Prozent der Meister bald im Ruhestand

Michael Köhler: Auf welche Berufsfelder erstreckt sich das. Klären Sie uns mal auf!

Marc Grandmontagne: Es gibt eine Menge theaterspezifische Berufe in Technik, Werkstätten und Verwaltung. Von denen sind einige im grünen Bereich, aber einige auch im roten Bereich. Wir haben insbesondere eine große Nachfrage im Bereich Meister für Veranstaltungstechnik, also Bühnenmeister, Beleuchtungsmeister und auch in Ton und Licht manchmal. Uns werden wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Jahre 50% aller angestellten Meister aus Altergründen verlassen, die werden in Ruhestand gehen. Wir stehen im Moment ein bisschen vor dem Problem, dass wir nicht wissen, wie wir diesen Bedarf decken sollen. Wir sind gezwungen, den natürlich zu decken. Es könnte andererseits passieren, dass eben der Vorhang zubleibt und nicht aufgeht.

Michael Köhler: Ich höre raus: Bühnen beschäftigen nicht nur, Bühnen bilden ja auch aus. Mir fallen die klassischen Handwerksberufe ein: Schreiner, Schlosser, Elektriker, Schneider – was so traditionelle Berufsbilder angeht. Aber es gibt ja auch die Spezialberufsbilder mit den veränderten Anforderungen. Das betrifft nicht nur Maskenbildner, sondern auch Eventmanager, technische Berufe, hochqualifizierte Audio- und Lichttechniker – Sie haben es schon erwähnt. Können Sie die selber ausbilden? Schaffen Sie das?

Marc Grandmontagne: Nein, jedenfalls nicht ausreichend. Man muss halt sagen, es gibt eine Menge von Berufen am Theater, die auch übrigens nur noch am Theater ausgebildet werden und nirgendwo sonst. Denken Sie an Berufe wie Gewandmeister oder Modist, aber auch Schuhmacher. Das sind alles Berufe, die Sie auf dem Markt immer weniger finden, die aber hochnotwendig sind.

Die Absolventen, die aus dem Theater kommen, haben natürlich auch gute Chancen, in der freien Wirtschaft, die in der Regel besser bezahlen kann als wir. Und das ist auch schon ein Teil des Problems. Die Bezahlung und die strukturellen Voraussetzungen gerade der kleinen und mittleren Theater – das ist in der Tat ein Problem.

Kräfte innerhalb der Szene bündeln

Michael Köhler: So etwas wie eine Anwerbestrategie, die sich dann erstreckt auf Visaerleichterung für Arbeitskräfte, Deutschkurse usw. – sowas gibt es bei Ihnen noch gar nicht, oder?

Marc Grandmontagne: Ja und nein. Natürlich gibt es schon auch Werbestrategien, um zu sagen: Kommt zu uns ans Theater und arbeitet! Aber es gibt in der Tat viel Nichtwissen. Dass ein Theater ein Arbeitsort, aber auch ein Ausbildungsort für viele Berufe ist, ist etwas, was wir deutlicher kommunizieren sollten in der Öffentlichkeit als bisher. Da müssen wir auch zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen arbeiten. Wir bündeln da auch innerhalb der Szene die Kräfte. Wir arbeiten sehr stark mit der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft, der DTHG, zusammen. Wir haben zusammen mit dem Bühnenverein eine Arbeitsgruppe Fachkräftemangel, die tatsächlich besetzt mit Delegierten aus beiden Verbänden an ganz konkreten Maßnahmen arbeiten, um das Problem erstmal zu analysieren, zu umfassen, aber dann auch Gegenstrategien und Maßnahmen zu besprechen.

Wir haben im Vorlauf der letzten Jahreshauptversammlung im Sommer eine große Umfrage gemacht zu dem Thema. Es haben sich 88 Theater zurück gemeldet, was wirklich wahnsinnig ist. Wir haben zu all den theaterspezifischen Berufen in Technik, Werkstätten und Verwaltung – also von der Fachkraft für Veranstaltungstechnik, dem Bühnentechniker, dem Beleuchter über den Dekorateur, den Rüstmeister, den Bühnenplastiker, den Schneider, den Schuhmacher, den IT-Mitarbeiter – eine kleine Skizze gemacht und den langfristig kumulierten Bedarf bis 2030 versucht einzuschätzen. Da gibt es einen Bedarf von über 2500 Stellen – insbesondere bei den Beleuchtern 272 Stellen; es gibt über 130 Stellen bei den Requisiteuren; es gibt 140 Damenschneider, die gebraucht werden. Man kann sehen: Das ist eine ganze Menge, und das werden wir aus eigenen Kräften nicht stemmen können im Betrieb.

Weiterqualifizierung auf dem Weg zum Meister

Und unsere Bitte wäre, wenn Sie es konkret haben wollen: Wir wollen insbesondere dieses Problem des Meistermangels oder Meisterinnenmangels auf die Spur kommen. Und da wäre es ganz wichtig, dass wir zu den bestehenden Förderprogrammen, die es gibt über die Europäische Union, also über den Europäischen Sozialfonds, und die Bundesländer, jetzt irgendwie Mittel bereitstellen von der Bundesregierung, die es den kleinen und mittleren Theatern insbesondere erlauben, Menschen, die schon im System drin sind, weiter zu qualifizieren für den Meister. Das wäre die Strategie, da würden wir uns ein Entgegenkommen wünschen. Das würde den kleineren und mittleren Häusern ausgesprochen helfen.

Michael Köhler: Das sagt Marc Grandmontagne. Er ist Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins. Wir haben über den Fachkräftemangel auch an deutschen Bühnen gesprochen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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