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Fall Jimmy DurmazDer Schock sitzt tief

An die 3.000 Hassbotschaften bis hin zu Morddrohungen sind gegen den schwedischen Mittelfeldspieler vor allem in Sozialen Netzwerken geschrieben worden. Auslöser war sein Foul im Spiel gegen Deutschland. Der schwedische Fußballverband hat Anzeige erstattet und die Polizei Sonderermittler eingesetzt.

Von Carsten Schmiester | 26.06.2018

Jimmy Durmaz trainiert mit einem Fußball.
Jimmy Durmaz erhielt Hassmails und sogar Morddrohungen. (imago sportfotodienst)
"Fuck Rassismus" - ein öffentlichkeitswirksam inszenierter Auftritt für die zutiefst schockierten Schweden und einer gegen heimliche Hassmailschreiber aus ihren eigenen Reihen: Die schwedische Nationalmannschaft hatte sich demonstrativ hinter dem Mann aufgestellt, der mit seinem Foul im Deutschlandspiel den entscheidenden Kroos-Freistoß und damit die Niederlage in letzter Sekunde verursacht hatte: Jimmy Durmaz.
Der Mittelfeld-Buhmann mit türkischen Wurzeln, der urplötzlich im Zentrum des offenbar nicht mehr völlig unschwedischen Fremdenhasses stand. Und der sich dagegen wehrte: "Ich spiele Fußball in der höchsten Liga. Da gehört Kritik zum Job. Aber 'Kanake' oder 'Selbstmordattentäter' genannt zu werden und Drohungen sogar gegen meine Kinder zu bekommen, das ist total inakzeptabel."
Der schwedische Nationalspieler Jimmy Durmaz hält ein Statement gegen Rassismus vor der gesamten Mannschaft.
Der schwedische Nationalspieler Jimmy Durmaz hält ein Statement gegen Rassismus. (imago sportfotodienst)
An die 3.000 Hassbotschaften bis hin zu Morddrohungen sind gegen Durmaz vor allem in Netzwerken geschrieben worden. Håkan Sjöstrand ist Generalsekretär des schwedischen Fußballverbandes, der schnell reagiert hat: "Wir haben natürlich mit Jimmy gesprochen und dann aufgrund des Gespräches und der konkreten Bedrohungen und rassistischen Äußerungen Anzeige erstattet."
Aus der Anonymität des Netzes
Jetzt hat die Polizei sogar eine Sonderermittlungsgruppe im "Fall Durmaz" eingesetzt und Voruntersuchungen eingeleitet. Zum einen, um vielleicht ein paar der Leute zu schnappen, die aus der Anonymität des Netzes heraus ihrem Hass und Rassismus freien Lauf gelassen hatten. Vor allem aber, um dem Schrecken ein schnelles Ende zu machen. "Wenn wir erst einmal an einem Fall dran sind", zitieren schwedische Zeitungen einen Sprecher der Polizei, "dann ist es oft so, dass es keine weiteren Beleidingen und Drohungen mehr gibt".
Schadensbegrenzung, aber der Schock sitzt tief bei vielen Menschen im Land. Schweden steht kurz vor Parlamentswahlen, bei denen die rechtspopulistischen und einwanderungskritischen Schwedendemokraten Umfragen zufolge zur zweitstärksten Partei werden könnten. Die Stimmung ist gereizt. Immer mehr Menschen äußern sich offen ausländerfeindlich. Der "Fall Durmaz" macht diesen Stimmungswandel noch offensichtlicher. Und er provoziert Gegenreaktionen.
Viele Solidaritätsbekundungen
Den Hassbotschaften stehen Berichten zufolge inzwischen mehr als doppelt so viele Solidaritätsbekundungen im Netz gegenüber und bereits knapp 10.000 Menschen haben sich für eine Demo gegen den Hass am Freitag in Stockholms Innenstadt angemeldet. Veranstalter ist die Organisation "Locker Room Talk", die vor allem bei jungen Sportlern für gegenseitigen Respekt wirbt.
Mitbegründer Shanga Aziz sagte im schwedischen Rundfunk, worum es ihm bei dieser Demo geht: "Wir wollen Jimmy Durmaz unsere Unterstützung zeigen, da er ja auch Botschafter für unsere Organisation ist. In den Medien wird meist nur über die Hasskommentare und rassistischen Äußerungen berichtet. Deshalb wollen wir die Menschen in Schweden zusammenbringen, um Jimmy positives Feedback zu geben."