Samstag, 10. Dezember 2022

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Familien im Syrien-Krieg
"Es kann nicht sein, dass wir die Menschen dort aufgeben"

Nach den Worten von Bidjan Nashat, Vorstand der Kinderrechtsorganisation "Save the Children", haben unter den Kriegsverbrechen in Syrien vor allem Kinder und Familien zu leiden. Wir in Deutschland müssten dafür sorgen, dass ihnen Unterstützung zukomme, forderte er im DLF.

Bidjan Nashat im Gespräch mit Tobias Armbrüster | 14.12.2016

    Zivilisten in Aleppo: Ein Vater hält ein Kleinkind im Arm.
    Zivilisten in Aleppo (KARAM AL-MASRI / AFP)
    Tobias Armbrüster: Bei Bildern, die wir aus dieser Stadt, aus dem umkämpften Aleppo bekommen, da fällt immer wieder auf, wie viele Kinder noch immer im Ostteil dieser Stadt leben. Ich habe darüber heute Abend vor der Sendung mit Bidjan Nashat gesprochen. Er ist Vorstand der Kinderrechtsorganisation "Save the Children". Er hat regelmäßig Kontakt zu Menschen in Aleppo und er hat diese konfliktträchtige Region immer wieder bereist. - Schönen guten Abend, Herr Nashat.
    Bidjan Nashat: Guten Abend.
    Armbrüster: Herr Nashat, welche Informationen bekommen Sie aus Aleppo?
    Nashat: Wissen Sie, für mich ist es ein schwieriges Interview. Ich gebe das ja nicht nur als Vorstand einer Kinderrechtsorganisation, sondern auch als Mensch und als Vater. Und die Situation dort in Aleppo, dafür findet man wirklich schwer noch Worte, was dort passiert. Ich habe heute mit unseren Partnern vor Ort und den Kollegen gesprochen, und die Situation ist grauenhaft. Die haben seit Monaten keine Hilfslieferungen in dieses Gebiet hineinbekommen. Die Menschen hungern. Es gibt Berichte über Erschießungen von Zivilisten. Kinder werden in Häusern bombardiert, zum Teil unbegleitet von ihren Eltern, die gestorben sind, verlassen. Es gibt keine Gesundheitsversorgung mehr, weil ja ganz gezielt die Krankenhäuser und die medizinische Versorgung bombardiert wurde. Und wir haben keine Berichte über eine Verbesserung der Situation oder einen Waffenstillstand.
    Armbrüster: Jetzt haben Sie schon gesagt, das ist für Sie ein schwieriges Interview. Wir hören natürlich eine Menge und sehen eine Menge, nicht nur in den letzten Tagen, sondern schon seit Wochen, seit Monaten. Es sind eine Menge Eindrücke, die wir da immer geliefert bekommen aus Aleppo. Sehen Sie da auch die Gefahr, dass wir, die Betrachter von solchen Bildern oder von solchen Informationen, dass wir da langsam abstumpfen?
    Nashat: Ich sehe die Gefahr über die letzten Jahre. Wir haben auf diese Situation ja seit Jahren hingewiesen, und es hat sich ja angekündigt, dass es zu diesen immer schrecklicheren Bildern und Verbrechen kommt. Hier wird seit Jahren humanitäres Völkerrecht gebrochen. Hier werden seit Jahren auf beiden Seiten Kriegsverbrechen begangen. Und wer darunter leidet, sind zum größten Teil die Kinder und die Familien, die Zivilisten, die eigentlich in diesem Konflikt nichts zu suchen haben.
    "Dafür sorgen, dass ihnen Unterstützung zukommt"
    Armbrüster: Haben Sie denn den Eindruck, Sie kommen mit dieser Information noch durch zu den Leuten, oder wird das jetzt langsam auch überlagert zum Beispiel bei uns in Deutschland hier durch die Weihnachtszeit, wo die Leute eigentlich an etwas völlig anderes denken?
    Nashat: Wir müssen es immer weiter versuchen. Es kann nicht sein, dass wir die Menschen dort aufgeben. Wir sind hier in Deutschland, und wir wissen, was es bedeutet, in einer zerbombten Stadt zu sein. Unsere Großeltern haben das alles miterlebt. Wir müssen uns daran erinnern, dass andere Leute gerade diese gleichen Dinge durchmachen, sterben, verhungern, erschossen werden, gefoltert werden. Das müssen wir in die Köpfe der Menschen weiter reinkriegen, dass wir hier aufmerksam bleiben müssen, und dass wir dafür sorgen, dass denen Unterstützung zukommt.
    Armbrüster: Dann lassen Sie uns kurz sprechen über die Lage dort. Was sind denn Ihre Erkenntnisse? Welche Möglichkeiten gibt es für Menschen, die noch im Ostteil von Aleppo leben, diesen Teil der Stadt zu verlassen?
    Nashat: Es gibt zurzeit nach unseren Informationen keine Möglichkeiten. Denn selbst wenn jetzt über Korridore geredet wurde - es standen anscheinend Busse schon bereit -, es ist keine Evakuierung zustande gekommen. Es gibt keine Einigung darüber, was passieren soll. Und es wird viel über Kämpfe geredet und über Austausche. Aber wer redet über die Kinder und die Familien, die dort eingeschlossen sind? Darüber haben wir keine Informationen bekommen. Sie müssen sich vorstellen, dass es in Aleppo nachts minus zwei Grad wird. Es soll morgen auf minus sieben Grad zurückgehen. Und es gibt seit Monaten keine Nahrungsmittel, es gibt kein Trinkwasser. Die Menschen sind obdachlos, und sie kauern in ausgebombten Häusern. Es gibt keine ausreichende Kleidung. Wir haben schreckliche Nachrichten aus Aleppo bekommen von unseren Partnern. Wir selber mit unseren Partnern haben 300 Menschen mit ihren Familien, die für Kinder und Familien arbeiten, noch dort vor Ort, die ausgeharrt haben. Und wir machen uns große Sorgen um sie.
    Armbrüster: Was bedeutet denn dieser lang anhaltende Krieg vor allen Dingen für Kinder und Jugendliche?
    Nashat: Wir sehen das überall. Überall, wo wir arbeiten, ob das in Jordanien, im Libanon, in der Türkei oder hier in Deutschland und Europa ist. Die Kinder kommen mit großen, großen Herausforderungen zu uns. Sie haben psychische Belastungen. Sie haben gesundheitliche Schwierigkeiten. Sie haben zum Teil Verletzungen, die sie mitbringen. Und das ist eine Traumatisierung, die eintreten kann, die man auch für ein Leben mitnehmen kann. Wir müssen dort wirklich vorsichtig sein, wie wir mit diesen Kindern und deren Familien umgehen. Und wir sehen natürlich, dass in vielen Familien Menschen gestorben sind, dass Verwandte gestorben sind. Und so etwas - und das kennen wir hier aus Deutschland von den früheren Generationen - braucht Jahrzehnte, um wieder einigermaßen in Ordnung zu kommen.
    Armbrüster: Werden Kinder und Jugendliche gezielt in diesen Kämpfen eingesetzt?
    Nashat: Was wir wissen ist, dass Kinder Ziel dieser Verbrechen werden, weil kein Unterschied gemacht wird zwischen den Zivilisten, zwischen den Kämpfern, zwischen Frauen, zwischen Männern. Es gibt wahllose Bombardierungen, besonders von Schulen, besonders von Krankenhäusern. Die Schulen - allein im Jahr 2016 haben wir 60 Schulen im Nordwesten unterstützt, in dieser Region, in Aleppo und Idlib. Und von diesen 60 wurden 44 allein in diesem Jahr bombardiert. Das heißt, die Normalität, die wir versuchen, auch mit Bildung aufrecht zu erhalten durch Unterstützung, wird gezielt bombardiert und angegriffen.
    "Wir versuchen, uns besonders um Mütter und Kinder zu kümmern"
    Armbrüster: Was kann eine Organisation wie Ihre, wie "Save the Children", denn in so einer Situation eigentlich tun?
    Nashat: Wir können immer weiter versuchen, gemeinsam mit unseren Partnern Kinder und Familien zu erreichen. Und wir haben das über die letzten Jahre weiterhin getan. Wir haben Zehntausende erreicht im Nordwesten von Syrien mit medizinischer Grundversorgung, mit Schulbildung und Schulkits, damit sie überhaupt lernen können, selbst in ausgebombten Häusern noch in der Lage sind, mit ihren Eltern oder Geschwistern lesen und schreiben zu lernen. Und wir versuchen, uns besonders um Mütter und junge Kinder zu kümmern, denn die Folgen von jungen Babys, die unter Mangelernährung leiden, halten ein Leben lang an.
    Armbrüster: Lassen Sie uns vielleicht zum Schluss den Blick noch mal etwas weiten. Was sind Ihre Erkenntnisse? Haben die Menschen, die in dieser Stadt, in diesem Ostteil der Stadt nach wie vor ausharren, haben die eigentlich noch irgendein Vertrauen in Europa oder in die USA oder in den Westen ganz allgemein?
    Nashat: Wissen Sie, Sie haben ja vielleicht gesehen, was sich auf Twitter gerade abspielt. Wir erleben in sogenannter "real time", wie die Menschen sich per Videobotschaft an den Westen und an die Welt wenden und fragen, "wo seid ihr?, wir sind eingeschlossen, wir werden bald sterben". Und sie verfassen Botschaften, die eigentlich Abschiedsbotschaften sind. Und ich finde, als Weltgemeinschaft können wir dem nicht zusehen. Und ich glaube, es gibt eine Verantwortung nicht nur für die Regierung, sondern auch von jedem Einzelnen, sich in irgendeiner Weise entweder durch Spenden oder durch politischen Aufruf dafür einzusetzen, dass diesen Menschen geholfen wird, weiterhin.
    Armbrüster: Das sagt hier bei uns im Deutschlandfunk Bidjan Nashat, Vorstand der Kinderrechtsorganisation "Save the Children". Vielen Dank, Herr Nashat, für das Gespräch.
    Nashat: Danke schön.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.