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StartseiteSport am WochenendeMündige Fans unerwünscht?10.11.2018

FanprotestMündige Fans unerwünscht?

Hat Drittligist Fortuna Köln zwei Fans auf Druck des Energieerzeugers RWE Hausverbot erteilt? Das werfen die Betroffenen dem Verein vor. Auf jeden Fall belegt die Causa, wie schwer sich Fußballvereine mit politischen Äußerungen ihrer Anhänger tun.

Von Thorsten Poppe

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Dieses Banner führte zum Hausverbot (Poppe/Dlf)
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"Gib brauner Energie keine Chance! Im Hambi, in Cottbus, überall!" Dieses Banner der South City Rudeboyz sorgt seit Tagen für Aufregung rund um Fortuna Köln. Gezeigt wurde es im Spiel gegen Energie Cottbus am 20. Oktober, die Fortuna gewann mit 3:1.

Als sich am nächsten Tag beim Verein RWE-Mitarbeiter beschwerten, dass sie sich deswegen in die rechte Ecke gestellt fühlten, reagierte die Fortuna schnell. Sie erließ ein mehrmonatiges Hausverbot gegen die beiden Mitglieder der Fangruppierung, weil das Banner nicht ordnungsgemäß angemeldet war. Und obwohl am nächsten Tag noch ein Gespräch mit den Rudeboyz vereinbart war, wie der Pressesprecher des Vereins Stephan Gohlke bestätigt:

"Ich glaube, wir hätten dieses Gespräch auch noch abwarten können. Weil normalerweise ist der Prozess so: Wenn es einen Regelverstoß in unserem Stadion gab, dann setzen wir uns mit den Leuten auseinander, versuchen sie an einen Tisch zu bringen, versuchen miteinander zu reden, das aufzuarbeiten. Unabhängig davon, wenn Regeln gebrochen muss es auch Strafe geben. Der Inhalt hätte sich nicht geändert, aber von der zeitlichen Abfolge her hätten wir besser agieren können."

Auf Druck von RWE?

Danach meldeten sich die Rudeboyz auf Instagram in einem Statement, in dem sie sich offiziell von der Fortuna verabschiedeten. Und einen ungeheuren Vorwurf erheben: Die Fortuna solle sich auf Druck von RWE von ihrem Banner distanzieren. Sonst drohe dem Verein seitens des Unternehmens Konsequenzen, wörtlich heißt es in dem Statement der Rudeboyz: "RWE habe damit gedroht gegebenenfalls alle Sponsoren der Fortuna zu kontaktieren, um sie von einem weiteren Sponsoring der Fortuna abzuhalten."

Die RWE AG geht auf Deutschlandfunk-Anfrage auf diesen Vorwurf nicht ein, bestätigt aber Kontakt mit Fortuna Köln aufgenommen zu haben. Und begrüßt die Distanzierung des Vereins gegenüber dem Banner. Gerne wären wir auch mit South City Rudeboyz darüber ins Gespräch gekommen, aber unsere Kontaktversuche liefen ins Leere.

"Wo zieht man die Grenze?"

Während der Partie hing das Transparent über die volle Spieldauer am Zaun zum Spielfeldrand, unbeanstandet von den Ordnungskräften oder dem Verein. Und der beruft sich erst danach auf die Stadionordnung, die jegliche politische Äußerung verbietet. Stephan Gohlke sagt:

"Es ist immer eine Chance für einen Fußballverein Botschaften oder Signale in die Gesellschaft hinein zu geben. Sie muss bestimmten Regeln entsprechen. Da kann man sich jetzt über die Vorgehensweise streiten, und ich glaube da kann man sich auch über den Inhalt streiten. Wobei ich persönlich den Inhalt, den finde ich nicht Streitens wert, so wie das Plakat dargestellt wurde. Ich glaube, dass Fortuna Köln schon für mehr steht, als nur Fußball. Weil wir Fans haben, die sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen und auch Statements abgeben. Es ist halt super schwierig, was darf ins Stadion, was darf nicht ins Stadion? Wo zieht man quasi die Grenze?"

"Aus politischen Positionen raushalten"

Mit dieser Frage tut sich die Mehrzahl der Proficlubs schwer, und versucht das Unpolitische zur Handlungsmaxime zu erklären. Kurz nach den rechtsradikalen Aufmärschen in Chemnitz hat eine Aussage Ralf Rangnicks, dem Trainer Rasenballsport Leipzigs, für Aufsehen gesorgt, die genau dieser Maxime folgt. Rangnick sagte:

"Ich glaube, dass grundsätzlich der Fußball sehr viel zusammenbringen kann. Auch Themen einen kann, die sonst schwierig zu vereinen sind. Das zeigt er immer, dazu muss er aber trotzdem versuchen sich aus politischen Positionen rauszuhalten, d.h. der Fußball sollte dann schon weiterhin sich dieser Rolle und Funktion bewusst bleiben. Aber dazu gehört eine unpolitische Rolle auch jetzt einzunehmen."

Trotzdem: gesellschaftliche Diskussionen machen nicht vor den Stadiontoren Halt, sie sind Teil der Kurve. Beispielsweise Borussia Dortmund hat das erkannt mit der Aktion "Kein Bier für Rassisten". Im Netz liefert der Verein sogar Argumentationshilfen gegen Stammtischparolen.

"Eine komische Konstellation"

Oder Frankfurts-Präsident Peter Fischer, der sagt, dass niemand Mitglied bei Eintracht sein könne, der die AfD wählt. Doch diese Beispiele schwimmen gegen den Strom. Der VfB Stuttgart hat sogar in der Satzung seine "politische und religiöse Neutralität" festgeschrieben.

Schalke 04 machte dazu Werbung für eine russische Gas-Pipeline, ein politisches Projekt eines autokratisch geführten Staates. Solche Vorgehensweisen sind für Timm Beichelt, Autor des Buches "Zum Verhältnis von Fußball und Macht" eine problematische Situation:

"Sie wird vor allem dadurch problematisch, dass viele Fußball-Politiker wie ich sie nenne, also Verbandsfunktionäre zum Beispiel. Dass die es nicht gut schaffen zu unterscheiden, zwischen dem, was der Fußball für uns alle bedeutet. Und zwischen, was der Fußball für sie selbst bedeutet. Das ist schon eine komische Konstellation. Also problematisch wird es dann, wenn der Fußball oder einzelne Fußball-Akteure sich nicht an Regeln halten, die für alle anderen gelten."

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