Archiv

Fantasy-RomanKatzen als Weltretter

Man erkennt schon nach wenigen Seiten: In Adam Rex’ Roman "Happy Smekday" geht es ziemlich seltsam zu. Das kann auch nicht anders sein, denn schließlich hat eine außerirdische Invasionsarmee Amerika eingenommen. Am Ende retten Hauskatzen die Welt, Fantasy-Fans kommen auf ihre Kosten.

Von Florian Felix Weyh | 22.02.2014

Man kann sich auf sie verlassen, auf die gemeine Hauskatze, auch wenn sie im Einzelfall den wenig schmeichelhaften Namen "Sau" trägt. Sie ist ein treuer Freund des Menschen, eigenwillig zwar, doch ihm freundlich zugetan - bis zum Tage des "Großen Hauskatzenverrats"! Da nämlich laufen die Stubentiger scharenweise zu den Boov über und behandeln ihre früheren Herren wie Luft.
"Katzen liebten die Boov. In Scharen verließen sie ihre Frauchen und Herrchen, sprangen aus dem Fenster und quetschten sich durch Katzenklappen, als wäre der letzte Schultag. Dann schmiegten sie sich an die Eroberer und leckten ihre Beine."
Nur "Sau" macht da eine Ausnahme, die etwas träge Katze des elfjährigen Mädchens Gratuity Tucci. Wo Katzen nach Schnitzel liefernden Schweinen heißen, können Elfjährige selbstredend nach jenem Umstand benannt sein, der den Schnitzelverzehrvorgang in Gaststätten abschließt: dem Trinkgeld. Nicht anderes heißt Gratuity auf Deutsch, Trinkgeld, weswegen Freunde des Mädchens einen wesentlich kürzeren Nickname bevorzugen: Tip. Das heißt auch Trinkgeld.
Man erkennt schon nach wenigen Seiten: In Adam Rex’ Roman "Happy Smekday" geht es ziemlich seltsam zu. Aber das kann auch nicht anders sein, denn schließlich hat eine außerirdische Invasionsarmee Amerika eingenommen. Von all den Schreckensgestalten, die man sich als außerirdische Besatzer vorstellen mag, sind die Boov allerdings halbwegs erträglich. Sie sehen entfernt irdischen Kröten ähnlich, haben acht Beine und kommunizieren nicht akustisch, sondern mittels ausgestoßener Schleimblasen.
Da sie aber uns Menschen technisch überlegen sind, fällt es ihnen leicht, Englisch zu sprechen, in einem von Infinitiven durchsetzten Kauderwelsch. Die deutsche Übersetzerin Anne Brauner hat es bravourös nachempfunden. Außerdem kennen die Boov nicht bloß Mann und Frau:
"Bei den Boov gibt es sieben großartige Geschlechter. Es gibt Jungen, Mädchen, Jungenmädchen, Mädchenjungen, Jungenjungen, Jungenjungenmädchen und Jungenjungenjungenjungen."
Den amerikanischen Ureinwohnern gegenüber verhalten sich die Boov so, wie es die Europäer 300 Jahre zuvor den Indianer gegenüber taten: Sie zerstören erst deren Zivilisation, dann weisen sie generös ein Reservat aus: Alle Menschen sollen nach Florida. In Florida entdecken die Boov dummerweise ihre Leidenschaft für Orangen, weswegen das Menschenreservat nach Arizona verlagert wird. Aber richtig böse sind diese Boov nicht, eher von der herablassenden Sorte eines Plantagenbesitzers, der seine Sklaven nicht gleich totschlägt. Böse sind die Gorg, ihre Feinde, die genau so aussehen, wie man sich ekelhafte Außerirdische vorstellt. Man kann das schwer beschreiben, braucht es aber auch nicht, da Autor Adam Rex Comicpassagen von eigener Hand in den Text einstreut. Darin unter anderem zu bewundern: ekelhafte Gorg. Buah!
In diesem desaströsen Szenario ist nun Tip Tucci, die Elfjährige, auf der Suche nach ihrer von den Boov entführten Mutter unterwegs. Genügend Grund also, die Erstbesatzer der Erde nicht zu mögen – doch ausgerechnet einer von denen gesellt sich ihr bei. J.Lo. ist ein Boov auf der Flucht vor den eigenen Leuten. Er hat etwas ziemlich Dummes angestellt, wodurch die Gorg angelockt wurden:
"Ich habe ihnen ein Signal geschickt. Ich wollte nicht. Es war eins Versehen. Aber ich habe ihnen ein Signal geschickt, als ich die Antennen zu testete."
"Das muss aber ein starkes Signal gewesen sein."
"Es war nur ein kleines Lied. Ich habe ein Liedchen gesungen, als Test, ob die Antennen es zu meinem Scooter zurückzusenden."
"Welches Lied?"
"Ein Kinderlied. Lustig."
"Wie geht es denn?"
"Hm. In Menschenssprache reimt es sich nicht."
"Macht nichts."
J.Lo dachte kurz nach.
"Also ... also, es geht so, Gorg sind blöd, blöd wie Seife, ihre Frauen sind zu dick"
Die beiden Verbündeten in Not bestreiten nun ein Roadmovie ohne Roads. Straßen gibt es längst nicht mehr, immerhin, das Movie kommt in diesem Herbst heraus und führt den Stoff dann seiner ultimativen Verwendung zu. Doch weiter im Verlauf: Der Boov-Flüchtling J.Lo. erweist sich als begnadeter Mechaniker. Er bringt Autos zum Schweben und kann Superbenzin aus Molekülen programmieren, so wie die Boov überhaupt die gesamte US-Bevölkerung mit geklonten Milchshakes ernähren. Das ist eben die Überlegenheit einer wahrhaft entwickelten Zivilisation.
Und es ist lustig. Viele Passagen dieses Dreamteams aus Acht- und Zweibeiner sorgen für unterhaltsame Stunden. Dennoch dürfte es kein Zufall sein, dass dieser Roman von 2007 erst jetzt auf Deutsch erscheint, wo der mutmaßliche Hollywood-Blockbuster vor der Türe steht. "Happy Smekday" ist gnadenlos amerikanisch. Wer als junger Leser keine Vorkenntnisse dortiger Verhältnisse mitbringt, dürfte auf der Strecke bleiben.
Zu sehr setzt der Autor auf satirische Überzeichnungen von Trivialphänomenen, seien es spöttische Bemerkungen über die Flut amerikanischer TV-Shows, sei es eine überflüssige, aber langatmige Szene in einem Disneyland-Vergnügungspark oder die Einbindung des Städtchens Roswell in die Geschichte. In Roswell, das wissen UFO-Fans, landeten in den 50er-Jahren Außerirdische, und einer wird dort immer noch aufbewahrt - sagt die Verschwörungstheorie.
Schnell wird damit klar, dass Adam Rex’ Leserschaft nicht dort zu suchen ist, wo man sich üblicherweise mit einer elfjährigen Heldin identifiziert: Ein Mädchenbuch ist "Happy Smekday" nicht. Im Grunde wirkt Gratuity Tucci so, als sorgten wie bei J.Lo. sieben Geschlechter auf einmal für ein perfektes Neutrum. Und als Kinderbuch ab elf taugt es trotz der jungen Protagonistin auch kaum, da es deutlich auf die Fans fantastischer Sciene-Fiction-Parodien schielt: Wer die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett schon durch hat, wird sich bei Adam Rex gut aufgehoben fühlen, oder umgekehrt von dort zu Pratchett wechseln können. Allerdings hat Adam Rex eine Neigung zu langen Dialogstrecken, die einen Hauch von serieller Monotonie erzeugen.
Die Hauskatzen, um auf den Anfang der Geschichte zurückzukommen, retten am Schluss dann die Welt. Nachdem die Boov den Gorg waffentechnisch dramatisch unterlegen sind, helfen nur millionenfach geklonte Katzenhaare von "Sau" gegen die Zweiteroberer der Erde: Diese zerniesen sich in einer Katzenhaarallergie buchstäblich in alle Einzelteile, und die Boov verlassen nach genau einem Besatzungsjahr die Erde wieder. Das ist der titelgebende "Happy Smekday", benannt nach dem boovischen Expeditionsanführer Kapitän Smek. Wir Menschen nennen dieses Datum gewöhnlich "Heiliger Abend" – aber der geht ja auch auf ein nicht wirklich nachweisbares Ereignis zurück.
Adam Rex: "Happy Smekday", Aus dem Englischen von Anne Brauner, Ueberreuter Verlag, 450 Seiten, 16,95 Euro