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StartseiteCorsoWarum Designer Hien Le der Modewoche den Rücken zukehrt16.01.2019

Fashion Week BerlinWarum Designer Hien Le der Modewoche den Rücken zukehrt

Bis 2017 zeigte der Berliner Modedesigner Hien Le jedes halbe Jahr eine neue Kollektion auf der Fashion Week in Berlin. Seit einem Jahr verzichtet er aber darauf. Er will es nicht als Statement gegen die Berliner Event verstanden wissen - der Grund ist ein rein wirtschaftlicher.

Von Gesine Kühne

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Bei der Modepräsentation des Labels "Hien Le" während der Fashion Week Berlin im Sommer 2017 in Berlin läuft ein Model im schlichten, weißen Kleid auf dem Laufsteg am Publikum vorbei.  (pictures-alliance/dpa/Britta Pedersen)
Modepräsentation des Labels "Hien Le" während der Fashion Week Berlin im Sommer 2017 - der vorerst letzte Auftritt in der Hauptstadt (pictures-alliance/dpa/Britta Pedersen)
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"Ich bin Hien aus Berlin, Modedesigner seit 2011. Ich würd´ es nicht als Unisex-Mode beschreiben, ich mach' wirklich Männer und Frauen – aber es ist immer eine Kollektion, die von einer Inspirationsquelle, einem Stoff- und einem Farbkonzept, hervorgeht."

Hien Le, Mitte 30, jugendliches Gesicht, schüchternes, aber verschmitztes Lächeln. Er ist Kreuzberger seitdem er ein Jahr alt ist. Seine Familie kommt aus Laos, sein Opa war Schneider. Le´s größter Wunsch seitdem er zwölf war: Modedesigner werden.

"Ich hab' nach dem Studium erstmal gearbeitet. Aber nicht im Modedesign, sondern in der PR und im Vertrieb für andere Labels. Hab' aber dann gemerkt, dass das, was ich eigentlich machen möchte, wo meine eigentliche Leidenschaft liegt - dieses Entwerfen, das Entwickeln, das Produzieren, ein fertiges Produkt am Ende zu sehen - das hat mir halt gefehlt, und da kam dann erst der Entschluss, mich überhaupt zu gründen, selbstständig zu machen."

Ohne Stoffe keine Kollektion – ohne Kollektion keine Kunden

Er gründet sein Label "Hien Le", lässt sich in Sachen Kalkulation coachen, bekommt eine kleine Finanzspritze von seiner Familie, die selbst nicht wohlhabend ist. Außerdem nimmt er einen Kredit auf, denn Modemachen kostet viel Geld - auch in einer Stadt wie Berlin, wo die Mieten im Vergleich zu anderen Städten immer noch recht gering erscheinen.

"Da hängen die Schnitte, da die Kollektion ..."

Abgesehen von der vielen Arbeitszeit, die Entwurf und Fertigung in Anspruch nimmt, muss ein Designer auch in Vorleistung gehen: beim Stoffkauf zum Beispiel. Ohne Stoffe keine Kollektion. Ohne Kollektion keine Kunden. Diesen Teufelskreis überwindet Hien Le, indem er sich an Wettbewerben wie dem vom Berliner Senat ausgeschriebenen "Start Your Own Fashion Business" beteiligt. Sein schlichtes Design, das zwischen Minimalismus und sportlicher Lässigkeit liegt, gefällt der Jury. Auch, dass Hien Le immer auf Farbakzente setzt. Eine Kollektion ist zum Beispiel vom weißen Sport, also Tennis, inspiriert, trotzdem gibt es froschgrüne Shorts. Le bekommt Aufmerksamkeit, etwas Geld und einen Slot auf der Berliner Fashion Week 2011. Wird seither als Berliner Talent gefeiert.

"Ich bin auch eher so, dass ich was fühle - und wonach mir halt ist, das setze ich dann um. Es ist nicht so, dass ich mich an Trends orientiere und mir auch keine Trend-Forecasts angucke, sondern mich auf der Stoffmesse leiten lasse und das, was die Stoffmesse hergibt, da wird man auf jeden Fall fündig."

Der Berliner Modeschöpfer Hien Le steht an einem mit Graffiti besprühtem Hauseingang (Deutschlandradio/Gesine Kühne)Der Berliner Modeschöpfer Hien Le (Deutschlandradio/Gesine Kühne)

Er erkennt so schon vor zwei Jahren, dass flauschige Teddy-Stoffe Potenzial haben – sie sind heute in der Mainstreambekleidungsindustrie überall zu haben. Hien Le trifft den Nerv der Zeit und wird auf der Berliner Modewoche heiß gehandelt. 2017 dann die radikale Wende.

"Dann habe ich letztes Jahr noch mal mit dem Berliner Salon ausgestellt und mich danach erstmal – nicht gegen die Fashion Week entschieden –, sondern entschieden, dass es für mich mehr Sinn macht, mich noch mehr auf den Sale zu konzentrieren, mich auf die Messen zu konzentrieren. Ich fahr' jede Saison nach Paris zu den Showrooms, um mir mehr Zeit dafür zu nehmen."

Denn die Einkäufer, zumindest die von Hien Le, kommen nicht nach Berlin. Es ist vielleicht eine schöne Veranstaltung für die Presse und das Label-Marketing mancher Designer, aber die Geschäfte werden woanders gemacht. Wer als Modemarke langfristig überleben möchte, muss also im Ausland auf sich aufmerksam machen. Und da frisst alle halbe Jahre Fashion-Week-Show in der deutschen Hauptstadt einfach zu viel Zeit und Geld.

Kreuzberger vor die Kamera, bitte!

Die gewonnene Zeit und das gesparte Geld nutzt Le, um ein Herzensprojekt zu realisieren: Er fotografiert seine persönlichen Kiezgrößen in seinen Kleidern, zum Beispiel einen älteren Herren, der - wie auch sonst im Alltag – in seinem Geschäft ein Fahrrad repariert.

"Es ist jedes Mal so schön, dorthin zu gehen und zu sehen, er ist noch da, er macht das immer noch und es läuft gut für ihn. Er liebt das, was er tut. Das ist auch Bewunderung von mir. Er ist halt damals vor 30 Jahren aus der Türkei nach Berlin gekommen und hat sich selbstständig gemacht mit seinem Fahrradladen."

Entstanden ist eine bemerkenswerte, modische Kampagne aus Liebe zum Bezirk, in dem Hien Le aufgewachsen ist, lebt und arbeitet. Zum einem, um zu zeigen, dass seine Mode keine bestimmte Zielgruppe hat – jeder kann und soll sie tragen. Zum anderen, um zu zeigen, dass Kreuzberg fernab der Start-ups und der Gentrifizierung immer noch der bunte Bezirk ist, der vor allem von den verschiedenen Einwandererfamilien so bunt gemacht wurde.

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