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Fast vergessener Pionier der Holocaustforschung

Der histografische Autodidakt und jüdische Lagerüberlebende Joseph Wulf hatte es in der Historikerlandschaft schwer. Sein unerfülltes Ziel war die Einrichtung eines Dokumentationszentrums am Wannsee. Klaus Kempter unterfüttert in seinem Buch die Rehabilitation von Wulf mit Verweisen und Sekundärliteratur.

Von Jochanan Shelliem | 10.12.2012

Zum 100. Geburtstag des Historikers Joseph Wulf legt Klaus Kempter seine im Kontext des Simon Dubnow Instituts entstandene Biografie des Historikers vor, der in Westdeutschland die ersten Bücher zum Holocaust publizierte. Doch wie alle Quereinsteiger hatte es der historiografische Autodidakt und Lagerüberlebende Joseph Wulf in der deutsch-konservativen Historikerlandschaft schwer.

"Auf einer Fotografie vom September 1946, abgedruckt in einem wenig bekannten Buch über die Vernichtung der polnischen Juden, sind zwei Männer zu sehen, die sich über einige verschlossene Kisten beugen. Die grobkörnige Aufnahme hält den einen von ihnen in freudig erregter Stimmung fest. - Die Kisten gehören zu den Behältnissen, in denen die große Dokumentensammlung über das Leben und Sterben der Juden im Warschauer Getto aufbewahrt und vor den deutschen Besatzern versteckt wurde."

Joseph Wulf war bei der Bergung des nach seinem Initiator Emanuel Ringelblum benannten Untergrundarchivs dabei, für ihn ein "Schlüsselereignis jüdischer Geschichtserfahrung nach dem Holocaust".

"Zu der Handvoll Menschen, die das bei der Ausgrabung schon wussten, zählte der damals 33-jährige jüdische Historiker und Auschwitzüberlebende Joseph Wulf. Eineinhalb Jahre zuvor hatte Wulf den Entschluss gefasst, sein Leben der Dokumentation und Erforschung dessen zu widmen, was auch Ringelblums Sammlung dokumentieren sollte und was seiner eigenen Existenz das Brandzeichen aufgeprägt hatte: des deutschen Versuchs, den jüdischen Bevölkerungsteil Europas, soweit man seiner irgend habhaft werden konnte, auszulöschen."

Seit Kriegsende gehörte der in Krakau aufgewachsene Sohn eines religiösen Immobilienhändlers zur Jüdischen Historischen Kommission, die sich der Fortführung der Arbeit Ringelblums verpflichtet fühlte. Klaus Kempter beschreibt die Intentionen und die Spannungen, die Wulfs Arbeit prägten, der zeit seines Lebens stolz auf sein Ostjudentum und die galizischen Wurzeln seiner Kultur gewesen ist und diese doppelte Distanz zu seiner Umwelt auch in Westberlin aufrecht erhielt. Die Dokumentation der Schoah sah Joseph Wulf als Nachweis des Menschheitsverbrechens, das er am eigenen Leib erfahren hatte, das er im Land der Täter nun bezeugen wollte. Durch eine Vielzahl von Verweisen und einen Apparat an Sekundärliteratur unterfüttert Klaus Kempter die Rehabilitation des heute fast vergessenen Historikers, den der renommierte Zeitgeschichtler Nicolas Berg als den Pionier der Holocaustforschung in Deutschland sieht. In ganz Europa gab es kurz nach dem Krieg von der Zunft als Störenfriede empfundene Historiker wie Joseph Wulf, in London lebte H.G. Adler, in den USA der aus Wien emigrierte spätere Politologe Raoul Hilberg, in Paris der russisch-jüdische Jurist und Journalist Léon Poliakov und in der DDR der Geschichtsforscher Helmut Eschwege: Außenseiter, die früh als Einzige die bohrenden Fragen stellten, die in den späteren Jahren allenthalben reformuliert worden sind. Klaus Kempter:

"Wulf gab 1955 gemeinsam mit seinem Pariser Bekannten Léon Poliakov die Dokumentenedition 'Das Dritte Reich und die Juden' heraus – das erste Buch zur 'Holocaustforschung' in deutscher Sprache – und ließ sodann etliche umfangreiche Werke folgen. Seitdem arbeitete er als Privatgelehrter und beinah unermüdliches 'Ein-Mann-Institut'."

Besonderen Wert legt Kempter auf die Selbstverpflichtung Wulfs: Die Edition von Dokumenten, sie waren ihm Schutzschild und Ausweis der eigenen Objektivität. Als jüdisches Opfer hat er sich nicht gesehen.

"Er hat im ersten Buch schon deutlich gemacht, dass die beiden Herausgeber Poliakov und Wulf Juden seien, dass sie sich aber ganz zurücknehmen und deswegen nur Quellen veröffentlichen und keine Kommentare und keine Geschichtsschreibung in dem Sinn, sondern nur die ganz naiv als objektiv erfassten Quellen, die man eben öffentlich zugänglich machen wollte."

In den 50er- und den frühen 60er-Jahren, so Klaus Kempter, hatte Wulf mit seiner Arbeit viel Erfolg. Aus dieser international vernetzten Position erwächst auch das Projekt, das den in Westberlin ansässigen Historiker das Leben kosten wird, wie Kempter mit einer Vielzahl von Hinweisen dokumentiert.

"Wulfs Initiative zur Einrichtung eines 'Internationalen Dokumentationszentrums zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen'. Seit dem Spätjahr 1965 bemühte sich eine kleine Berliner Gruppe von vergangenheitspolitisch interessierten Publizisten um die Gründung eines solchen Forschungs- und Dokumentationsinstituts in der Villa, in der am 20. Januar 1942 die sogenannte Wannsee-Konferenz stattgefunden hatte. Der Kopf der Gruppe war Joseph Wulf, bei ihm liefen die Fäden zusammen, und er blieb über die folgenden Jahre derjenige, der sich mit Abstand am stärksten für das Anliegen einsetzte."

Hintertrieben wurde das Projekt, so Klaus Kempter, einerseits aus "Futterneid" in der Zunft, andererseits durch das Misstrauen der Historiker des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, die wie Helmut Krausnick und sein wichtigster wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Broszat die Schoah in größere Trends der historischen Entwicklung eingliedert sehen wollten und dem historiografischen Autodidakten Joseph Wulf misstrauten. Gescheitert ist das Wulfsche Dokumentationszentrum am Wannsee letztlich an den Folgen der Studentenrebellion und am Aufstieg des Faschismusbegriffs, der nach 1968 alle personalisierten Ansätze überschattete. Binnen sechs Jahren verlor der freie Publizist seinen Rückhalt in Verlagen, Zeitungs- und Hörfunkredaktionen und kapitulierte vor dem Desinteresse in der Bundesrepublik.

"Wulf selbst hat das kurz vor seinem Tod, seinem Suizid, 1974 in einem oft zitierten Brief an seinen Sohn kurz zusammengefasst. Ich zitiere: 'Du kannst dich bei den Deutschen tot dokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.'"

Mit seiner kenntnisreichen Biografie ist Klaus Kempter weit mehr als eine lesbare akademische Arbeit gelungen, mit detailfreudiger Präzision verfugt er das Scheitern des zu früh gekommenen Historikers Joseph Wulf mit den Restaurationstendenzen der Historikerzunft zu einem Panorama der deutschen Nachkriegsrepublik, in der sich die Fragen zur Aufklärung der NS-Vergangenheit erst behaupten müssen.

Klaus Kempter: "Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland" Vandenhoeck & Ruprecht, 422 Seiten, 64,99 Euro, ISBN: 978-3-525-36956-2