Donnerstag, 30. Juni 2022

Übernahme durch Investmentfonds
FC Red Star: Ein französischer Fußball-Verein leistet Widerstand

Ein französischer Fußballverein wird zum politischen Spielball: Der FC Red Star - eine Art Pariser FC Sankt Pauli - wurde von einem amerikanischen Investmentfonds aufgekauft. Die linke Fan-Gemeinschaft will das nicht zulassen und bekommt vor den Parlamentswahlen Unterstützung aus der Politik.

Von Léonardo Kahn | 18.06.2022

Das Stade Bauer des FC Red Star.
Das Stade Bauer des FC Red Star. (imago images/Hans Lucas)
Mitten im Plattenbau ein Fußballstadion. Das Stade Bauer, benannt nach dem jüdisch-kommunistischen Widerstandskämpfer Jean-Claude Bauer, ist eine Ikone – nicht nur für den Fußballverein Red Star, sondern für die gesamte nördliche Banlieue von Paris.
An einem Sommerabend schlendert Vincent Chutet-Mezence über das Feld. Der Vorsitzende des Fanclubs hat im Stadium einen festen Platz. "Schau, da steh ich während des Spiels. Ich steige auf die paar Paletten, damit mich jeder sehen kann, und dann stimme ich die Lieder mit einem Megafon an."
Vincent Chutet-Mezence, Vorsitzender des Fanclubs des FC Red Star.
Vincent Chutet-Mezence, Vorsitzender des Fanclubs des FC Red Star. (Léonardo Kahn)
Beim Red Star kommt es vor allem auf die Stimmung an. Die Mannschaft spielt in der dritten Liga, steigt alle Jahre mal wieder auf, dann wieder ab. Das Stadion wurde das letzte Mal in den Siebzigern renoviert, an einigen Stellen fehlen ganze Ziegel.

Verein von amerikanischem Investmentfonds aufgekauft

Jetzt, wo der Verein von dem amerikanischen Investmentfond 777 Partners für bis zu 19 Millionen Euro aufgekauft wurde, wird das Gebäude umgebaut. In den nächsten fünf Jahren will der Investor 30 Millionen Euro in den Verein investieren. Eigentlich müsste sich Vincent Chutet-Mezence freuen. Doch sein Fan-Kollektiv protestiert.

Schon von Natur aus ist das problematisch, da es sich um einen Investmentfonds handelt. Sie haben viele verschiedene Aktivitäten: in der Luftfahrt, im Kreditkauf. Sie haben nichts mit Fußball oder Frankreich zu tun. Seit zwei Jahren kaufen sie nun viele Vereine: Vasco da Gama in Brasilien, Lüttich in Belgien, Genua in Italien. Und jetzt kaufen sie uns auf!

Bei einem Spiel Mitte-April warf der Fanclub von der Tribüne dutzende Fackeln aufs Feld, so dass der Match abgebrochen werden musste.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Ob er die Aktion bereue? Ganz im Gegenteil, erzählt Vincent Chutet-Mezence in der Fan-Kneipe nebenan. "Nach der Ankündigung der möglichen Übernahme mussten wir Aufmerksamkeit erregen. Wenn wir ein Transparent aufgehängt oder Flugblätter verteilt hätten, wären wir niemals auf soviel Resonanz gestoßen, wie mit 25 Bengalos. Zwei Tage lang wurde über nichts anderes gesprochen."

Red Star für Einwohner mehr als nur ein Club

Der Tresen von Café Olympic vor dem Stadion ist mit Fan-Stickern zugekleistert, überall der rote Stern vom Fußballverein. Für die Einwohner aus der Banlieue ist der Red Star mehr als nur ein Club, meint Historiker Dimitri Manessis. Das war aber nicht immer so. "In den 30er-Jahren war der Radsport der große Volkssport. Ab den 50er-Jahren konnte sich dann der Fußball als großer Volkssport etablieren, was besonders auf die Pariser Banlieue zutrifft. Es ist nicht nur ein großer Volkssport, sondern auch ein Mittel zur Sozialisierung, zur Bildung und nicht zuletzt zur Politisierung."
Die Fangemeinschaft des FC Red Stars deckt das gesamte linke Spektrum ab, von Ex-Präsident François Hollande bis zum linken Spitzenkandidaten Jean-Luc Mélenchon. Letzterer hat in der Tageszeitung Le Monde einen offenen Brief vom Fanclub signiert, um sich gegen den Kauf des Fußballvereins zu wehren.

"Der Red Star ist unser Sankt Pauli"

Im Wahlkreis Saint-Ouen kandidiert Éric Coquerel, Galionsfigur der linken Partei "France Insoumise", die Mélenchon 2016 gegründet hat. Er zählt zu den Hauptunterzeichner des offenen Briefes. "Der rote Stern hat nichts mit dem Kommunismus zu tun. Der entstand aus einer anderen Geschichte. Nichtsdestotrotz steht er heute für alle für den Kommunismus. Der Red Star ist unser Sankt Pauli. In Frankreich gibt nicht viele Vereine, die sich gegen die Entwicklung des Profifußballs positionieren."
Ein Gesetzestext muss her, meint Éric Coquerel: "Ich habe mit der früheren Sportministerin diskutiert, damit wir im Parlament ein Gesetz planen, welches die Ankunft von Sportfonds, Hedgefonds und Geiern dieser Art verhindert und die Vereine schützt."
Politiker Éric Coquerel von der linken Partei France Insoumise.
Politiker Éric Coquerel von der linken Partei France Insoumise. (Léonardo Kahn)
Mit dem Gesetzesprojekt wirbt Éric Coquerel auch in seiner Wahlbroschüre. Der 63-Jährige ist im Wahlkreis erfolgreich: Letzten Sonntag hat er in der ersten Wahlrunde knapp 54 Prozent der Stimmen gesammelt. Dennoch: das linke Bündnis NUPES, dem Éric Coquerel angehört, hat kaum Aussichten auf eine Mehrheit in der Assemblée Nationale. Diese braucht es aber, um den neuen Gesetzestext zu verabschieden.

Fanclub gibt sich nicht geschlagen

Der Red Star Fanclub gibt sich dennoch nicht geschlagen, erzählt Vincent Chutet-Mezence: "Das ist erst der Anfang. Wenn ihr denkt, dass wir zwei Monate lang viel Lärm gemacht haben und dass es jetzt vorbei ist - das ist erst der Anfang. Sie haben den Verein gekauft, sie haben einen neuen Präsidenten, okay, aber wir haben kein Bock auf die. Von mir aus können sie fünf Jahre bleiben, wir werden fünf Jahre lang sagen, dass wir keinen Bock auf die haben. Am besten, sie machen sich sofort aus dem Staub."
Der FC Red Star möchte sich zum Kauf nicht vor ausländischen Medien äußern. Aber Anfang Juni sagt Vereinspräsident Patrice Haddad in einer Anhörung im Stadtrat, dass die Fans kein Monopol auf die Werte und Seele des Vereins hätten. Haddad leitet seit 15 Jahren den Verein. Der Frage, ob er auch unter dem neuen Investor frei arbeiten könne, weicht er aber aus.