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FDP-Modernisierung
Cooler, smarter, schicker

Die FDP versucht vor der Landtagswahl in NRW 2017, ihr Image aufzupolieren. Die Kandidaten sind jung, die Partei hat sich ein moderneres Logo zugelegt. Nicht alle Liberalen sind von den Neuerungen begeistert. So gibt es etwa Kritik am vermeintlichen Linksruck der FDP.

Von Moritz Küpper | 06.10.2016

    Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner.
    Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hofft auf starke Wahlergebnisse bei der NRW-Landtagswahl 2017. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
    Johannes Vogel schwebt. "Spüren Sie es?" Zumindest gefühlt. "Wenn hier zu ist und man nicht mehr sieht, wo die Enden des Raums sind."
    Der Generalsekretär der nordrhein-westfälschen FDP steht - oder besser schwebt mit ausgebreiteten Armen - durch einen großen weißen Raum. Es ist einige Tage vor dem sogenannte Skill-Camp der Partei, mit dem sie sich auf die anstehende Landtagswahl im Mai kommenden Jahres vorbereiten will. Wenige Tage später werden rund 120 Freidemokraten in die "Cubic Studios" in Düsseldorf kommen - und dort die Leere des weißen Raums spüren. Die Idee dahinter:
    "Es ist mal eine Veranstaltung, die sich nicht mit politischen Inhalten beschäftigt. Beim Skill-Camp soll es mal darum gehen: Wie machen wir Politik?"
    Trainingslager für die NRW-Landtagswahl
    Denn gerade auf Nordrhein-Westfalen, dem Landesverband des Parteivorsitzenden Christian Lindner, werden 2017 alle Augen gerichtet sein. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl gehen die Wählerinnen und Wähler in NRW an die Urnen - und die FDP dementsprechend Monate vorher in ein Trainingslager:
    "Wie organisiert man heute auch Parteiarbeit? Auch in einer sich verändernden Gesellschaft? Man Leute auch anders an parteipolitisches Demokratie-Engagement heranführen muss."
    Die Veranstaltung passt ins Bild: Im Zuge des Erneuerungsprozesses unter Lindner tritt die FDP anders auf: Cooler, smarter, schicker. Die Kandidaten - wie Lindner selbst, aber auch bei den Wahlen in Bremen oder Berlin, sind jung, die Partei hat eine neue Farbe - und trifft sich eben in den blitzweißen "Cubic Studios", um über Kommunikation zu sprechen.
    Kritik am neuen Kurs der Partei
    "Ich glaube aber, dass die FDP, wie die anderen Parteien auch, zu wenig mutig ist, die schwierigen Themen aufzunehmen, die die Menschen beunruhigen", sagt Gerhard Papke, auch FDP-Mitglied. Er sitzt in seinem Büro im Landtag von NRW. Dieser Ort ist ein großer Kontrast zu den "Cubic Studios". Papke, eher Anzug von der Stange statt maßgeschneidert, leichter Oberlippenbart statt Dreitage-Look, eher alt-etabliert als jung und modern, hat nicht am Skill-Camp teilgenommen. Und der Landtags-Vizepräsident will auch nicht am Wahlkampf teilnehmen. Nein, Papke macht Schluss:
    "Nun, ich kann mich mit dem Kurs meiner eigenen Partei nicht mehr derart identifizieren, dass ich noch einmal im Mai des nächsten Jahres für sie antreten würde."
    Seine Begründung: der vermeintliche Linkskurs seiner Partei. Aus seiner Sicht müsse die FDP eher eine Heimat für enttäuschte bürgerliche Wähler bieten:
    "Zum Beispiel mit ihrer Kritik an der ungesteuerten Massenzuwanderung. Sie müsste bereit sein, sich zur nationalen Sicherung unserer Grenzen zu bekennen. Und ich meine, sie müsste auch eine Vorreiterrolle übernehmen bei der kritischen Reflexion islamischer Organisationen in Deutschland. Ich meine, es sollte Aufgabe der FDP sein, das zu überwinden und sich kritisch mit diesen schwierigen Fragen auseinanderzusetzen."
    Worte, die Marcus Pretzell, Landeschef der AfD in NRW, in einer Pressemitteilung extra begrüßte - und die für die FDP und Parteichef Lindner unangenehm sind: "Ein Vertrauter weniger", titelte die FAZ nach Bekanntwerden von Papkes Erklärung. Denn: Der 55-Jährige hat die FDP nicht nur als Fraktionschef jahrelang durch schwieriges Fahrwasser geführt - es gibt wohl kaum einen Freidemokraten, der den heutigen Chef und Hoffnungsträger Lindner so gut kennt wie er.
    Bruch zwischen Lindner und Papke
    Als dieser 1998 seinen Zivildienst bei der Friedrich-Naumann-Stiftung in Gummersbach absolvierte, durfte er in Papkes Abteilung mitmachen - statt wie die übrigen Zivis den Rasen zu mähen. Zwei Jahre später zogen Papke und Lindner in den Landtag ein, galten jahrelang als Vertraute, wie auch Lindners Widmung eines Buches zeigt, dass bei Papke im Regal liegt. Im Jahr 2012 dann überließ der Ältere dem Jüngeren den Fraktionsvorsitz - nun der Bruch:
    "Ich möchte weiter für meine Positionen kämpfen, glaubwürdig. Und das heißt, ich muss für mich auch entscheiden, meinen Weg alleine zu gehen, als Mitglied der FDP, aber nicht mehr als Teil der FDP-Führung." Die weist Papkes Kritik auch zurück: Die Behauptungen seien falsch, ließ beispielsweise Parteichef Lindner schriftlich mitteilen. Ohnehin, so hört man, wäre es für Papke bei der Verteilung der Listenplätze auf dem Parteitag im November eng geworden. Die Motive könnten also auch persönlich statt politisch sein. Und auch Generalsekretär Vogel, in den "Cubic Studios" stehend, mit dem Papke bereits vor zwei Jahren wegen eines Thesenpapiers zum Asylrecht und zur islamistischen Bedrohung aneinandergeriet, weist Papkes Vorwurf eines Linksrucks zurück:
    "Er sagt, es gebe Überlegungen, eine Ampel zu starten. Das Gegenteil ist der Fall. Solche Fragen dann wieder aufzumachen ist natürlich nicht hilfreich."
    Und ließe sich sicher auch beim Skill-Camp lernen. Dort muss nun nur noch die Frage geklärt werden, ob ein Raum noch einmal neu gestrichen wird. In Weiß. Nach den ersten Schritten auf dem neuen Boden sei der Effekt zwar hinüber, aber für Vogel steht fest:
    "Ja, dann sind wir doch die Ersten."
    Denn: Die neuen jungen FDP-Köpfe, sie wollen ihre eigene Spuren hinterlassen.