Freitag, 26.02.2021
 
Seit 05:35 Uhr Presseschau
StartseiteKultur heute"Eine Quelle großer Inspiration"15.01.2021

Felicitas Hoppe über Wikipedia"Eine Quelle großer Inspiration"

Wikipedia ist die größte digitale Enzyklopädie und hat die analogen Nachschlagewerke überholt. Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe zieht aus dem Wikipedia-Netzwerk literarisches "Assoziationsmaterial": "Ich habe Entdeckungen gemacht, die ich sonst nicht gemacht hätte", sagte Hoppe im Dlf.

Felicitas Hoppe im Gespräch mit Maja Ellmenreich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Autorin Felicitas Hoppe lächtelt vor einem roten Hintergrund seitlich in die Kamera (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe schlägt gerne in der Online-Enzyklopädie nach: "Ich nutze Wiki seit es Wiki gibt" (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Mehr zum Thema

"Unverwechselbarer Ton" - Hubert Spiegel über die Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe

20 Jahre Online-Enzyklopädie Fünf Gründe, warum wir Wikipedia auch in Zukunft brauchen

20 Jahre Wikipedia Das Schweizer Taschenmesser des Journalismus

20 Jahre Wikipedia Freier Zugang zum Weltwissen?

Wissen und Geschlecht Wikipedia weiblicher machen

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe ist bekenndender Wikipedia-Fan. Die Online-Enzyklopädie wird heute 20 Jahre alt. Früher habe sie mit dem Brockhaus "Bibelstechen" gemacht, sagte Hoppe im Dlf: den Finger irgendwo reingesteckt und etwas entdeckt, was man vorher nicht kannte. Bei Wikipedia sei das noch einmal schöner. Man klicke sich von einem Link zum nächsten: "Ohne Wiki hätte ich den berühmten Leuchtpuck nicht entdeckt, den heute alle für eine Erfindung von Felicitas Hoppe halten", so die Schriftstellerin.

Maja Ellmenreich: Ist Ihnen das Gefühl der "Wikipedia-Scham" völlig fremd?

Felicitas Hoppe: Ja, die ist mir vollkommen fremd, weil ich Wiki nutze seit es Wiki gibt. Und für mich liegt ja das Problem nicht darin, welche Quelle nutze ich eigentlich, sondern es geht immer um die Souveränität, mit der ich eine Quelle nutze. Und das relativiert diese Quelle. Und für mich ist diese Wiki-Quelle eine Quelle großer Inspiration. Was nicht heißt, dass ich Wiki immer beim Wort nehme. Aber das kann man ja überprüfen. Es ist also eine fruchtbare Koexistenz sozusagen.

Egal ob Wiki oder Brockhaus: Quellen prüfen

Ellmenreich: Beschreiben Sie diese Souveränität noch mal genau!

Hoppe: Ich glaube ja, dass Enzyklopädien grundsätzlich ein gewisser Verdacht entgegenzubringen ist. Und das gilt natürlich für den guten alten Brockhaus ganz genauso wie für Wikipedia. Wir haben es ja hier mit Räumen zu tun, in denen zumindest kurzfristig - im Brockhaus längerfristig - Wissen festgeschrieben wird. Und insofern sind Enzyklopädien natürlich auch immer Hierarchien. Und sie stehen in ihrer Zeit. Und entscheidend ist, die Nutzerinnen und Nutzer natürlich entsprechend aufzufordern oder auszubilden, mit diesen Quellen souverän umzugehen, sie zu überprüfen, sie miteinander zu vergleichen und daraus ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, sofern wir dazu in der Lage sind. Und dann gibt es überhaupt kein Problem mit dem Umgang.

Ellmenreich: Also, bevor ein Inhalt von Wikipedia es in ein Buch von Felicitas Hoppe schafft, gibt es noch mal den Zwischenschritt der Gegenrecherche?

Hoppe: Also, um das deutlicher zu beschreiben: Ich habe natürlich den großen Vorteil, dass ich eine Schriftstellerin bin und keine Wissenschaftlerin. Wenn ich Wikipedia als wissenschaftliche Quellen nutze, sieht das anders aus. Arbeite ich aber - was ich häufig tue - als Schriftstellerin mit historischen Stoffen, dann muss ich auf jeden Fall die Gegenprobe machen. Zum Beispiel, was Lebensdaten betrifft et cetera. Und da stößt man auf Fehler. Und dann gehe ich schon mal in die Bibliothek und schaue noch mal genauer hin. Aber nicht alles wird nachrecherchiert. Denn für eine Schriftstellerin - jedenfalls eine, die arbeitet wie ich - ist das Ganze auch Assoziationsmaterial. Also, durch die Vernetzung und Verlinkung kommt man, wie man früher sagte, vom Hölzchen aufs Stöckchen. Und ich habe Entdeckungen gemacht, die ich sonst nicht gemacht hätte. Ich habe früher natürlich auch mit dem Brockhaus dieses alte Bibelstechen gemacht: Also, man steckt irgendwo den Finger rein und trifft auf etwas, was man vorher nicht kannte. Aber bei Wiki ist das natürlich noch einmal schöner. Man klickt sich von einem Link zum nächsten. Und wenn ich an meinen Roman "Hoppe" denke, in dem Felicitas Hoppe Eishockeyspielerin ist - ohne Wiki hätte ich den berühmten Leuchtpuck nicht entdeckt, den heute alle für eine Erfindung von Felicitas Hoppe halten.

Fake News: Hoppe mit Hochstapler verheiratet

Ellmenreich Aber den Leuchtpuck, den haben Sie nicht aktiv gesucht, sondern Sie haben auf nicht voraussehbaren Wegen den Weg zu ihm gefunden?

Hoppe: Exakt! Also, ich hab mich ein wenig über Pucks belesen, also diese Hockey-Spielsteine. Und bin dann auf diesen Leuchtpuck gestoßen. Und das auch ein Beweis dafür, dass die Welt der Fakten größer ist als die Welt der Imagination. Weil ich dachte: Ein Leuchtpuck - was ist das denn!? Aber man kann natürlich auch übers Ohr gehauen werden. Wenn ich an einen frühen Eintrag zu Felicitas Hoppe denke, da war ich eine ganze Weile, ich glaube, so zwei Wochen lang, war ich mit dem Hochstapler Gert Postel verheiratet, laut Wikipedia.

Ellmenreich Ja, so Falschnachrichten bei Wikipedia, die sind ja fast so etwas wie eine Adelung. Wir bei "Kultur heute" haben es mal mit einem Aprilscherz auch eine Zeit lang unkorrigiert in einen Wiki-Eintrag geschafft. Da haben wir nämlich dem italienischen Komponisten Ferruccio Busoni am 1. April einen Zwillingsbruder angedichtet. Also, Adelung - ist das womöglich auch eine Art von Währung, so eine Falschnachricht bei Wikipedia?

Hoppe: Ja, also ich denke, natürlich, man steht in einem bestimmten Fokus oder in einem gewissen Interesse. Allein die Tatsache, dass man einen Eintrag auf Wikipedia hat, der ja auch nicht jedem zugesprochen wird, das ist schon etwas Besonderes. Ich muss sogar sagen, dass ich versucht war, diese Fehlmeldung stehen zu lassen. Aber dann hat doch mein Gewissen gesiegt. Also, ich finde eine gewisse Seriosität gerade im biografischen Einträgen ist schon geboten, und Wikipedia sorgt ja selber dafür: Die Dinge werden ja kontrolliert, und das ist auch gut so.

Enorme Qualitätsunterschiede

Ellmenreich: In dieser Hinsicht ist die Faktenlage sicherlich ganz sinnvoll. Das Märchenhafte, das Fabulieren, das sind ja sonst ihre literarischen Domänen. Könnten Sie sich denn vorstellen, auch selbst Wikipedia-Artikel zu schreiben, sich da hineinzubegeben in dieses Universum?

Hoppe: Ja, das könnte ich mir vorstellen. Das würde ich aber nur tun, wenn ich wirklich glaube, auf diesem Gebiet oder für diesen Eintrag wirklich ernsthaft kompetent zu sein. Und da hört - hätte ich jetzt fast streng gesagt - der Spaß auf: Ich unterscheide eben sehr stark zwischen literarischen Verfahrensweisen, die mit spielerischen Mitteln arbeiten können - und das sind dann auch keine Fake News oder dergleichen - und dem, was wirklich kompetente Information ist. Und da kann ich doch sagen als erfahrene Wikipedia-Nutzerin, dass die Qualitätsunterschiede enorm sind. Es gibt Artikel, die sind unglaublich holprig. Es gibt Artikel, die sind dünn, die sind schlecht geschrieben. Insofern ist Wikipedia auch eine Schreib- oder eine Schule dafür, wie man Wissen, überhaupt aufschreiben, koordinieren und organisieren kann. Und das ist sehr lehrreich. Und deshalb würde ich lange zögern, bevor ich sage: Dafür schreibe ich euch einen Eintrag. Das ist wirklich eine Kunst für sich.

"Wissen ist in Bewegung"

Ellmenreich: Dann würden Sie eigentlich dazu raten, dass man erst eine Lehre machen muss: Wie nutze ich Wiki richtig?

Hoppe: Naja, also, wie es im "Hoppe"-Buch heißt: durch Tun zum Tun. Ich glaube ja, dass man im Umgang mit Medien, im Umgang mit Seiten, im Umgang mit Plattformen - und da komme ich wieder auf die Frage der Souveränität zurück - sich eigentlich schult. Wissen ist ja in Bewegung, Wissen ist etwas Bewegliches und nichts Statisches. Und wenn ich begriffen habe, dass ich mit einer beweglichen und permanent veränderbaren Masse zu tun habe, dann weiß ich, dass ich auch selber in Bewegung bleiben muss.

Kritik: Zu wenig Diversität

Ellmenreich: Ein bisschen Wasser in den Wein haben Sie gerade gegossen. Ich möchte noch mal ein bisschen kritische Stimmen zitieren, die nämlich monieren, insbesondere in diesen Jubeltagen, dass es sich bei Wikipedia auch um einen ja ziemlich starken Männerverein handele. Zu weiß, zu männlich, so lauten die Vorwürfe, und auch inhaltlich schlage sich das nieder. Frau Hoppe, sie als Power-Userin, möchte ich jetzt fast sagen, spüren Sie da auch manchmal eine Schieflage? Eine mangelnde Diversität zum Beispiel?

Hoppe: Eine Schieflage spürt man immer. Aber die spürt man in allen Medien, und ich bin mir dessen sehr bewusst. Ich bin aber mit Kritik zurückhaltend, weil ich keine Informationsutopistin bin. Die Vorstellung allein, dass wir Weltwissen auf einer riesigen Plattform demokratisch verhandeln, dass alle darauf Zugriff haben und dass alle auch Anteil sozusagen an der Generierung dieses Wissens haben - mit dem, was sie selber wissen und außer ihnen niemand weiß. Das ist eine großartige Idealvorstellung. Der kann man entgegenstreben, aber das ist ein Ziel, was schwer erreichbar ist. Und zugleich muss ich sagen, wir müssen natürlich genau hinschauen, wo welche Kompetenzen sind.

Eine Lupe vergrößert das Logo von 'Wikipedia - Die freie Enzyklopädie (imago stock & people / C.Hardt, Future Image) (imago stock & people / C.Hardt, Future Image)Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wurde am 15. Januar 2001 von Jimmy Wales gegründet. Die nicht-kommerzielle Plattform hat sich zum Ziel gesetzt, Wissen zu sammeln und zu vermitteln. Mittlerweile sind mehr als 55 Millionen Artikel in 309 Sprachen dort zu lesen. Wikipedia gehört zu den meist genutzten Internetseiten.

Und die Frage ist ja nicht, wie viele Frauen schreiben auf Wikipedia, sondern: Wie haben Frauen Zugang zu den Orten, an denen sie die Kompetenzen erwerben? Das Computergelände ist ja eben doch noch relativ stark männlich dominiert. Und ich muss sagen, ich bin da optimistisch, was die Zukunft betrifft und würde sagen: einfach weitermachen, Räume öffnen. Das ist wichtiger, als diese Kritik zu üben. Es wäre ja sinnlos nachzurechnen, wie viele Minderheiten da vertreten oder nicht vertreten sind. Man muss sie einfach auffordern und nach vorne holen. 

Ellmenreich: Kommen wir zum Schluss unseres Gespräches noch mal zum lieben Geld. Was nichts kostet, ist nichts wert. Das ist ja eine weit verbreitete Haltung. Daraus könnte man ableiten, dass man die Online-Enzyklopädie nur guten Gewissens nutzen darf, wenn man auch dafür zahlt. Wie stehen Sie dazu?

Hoppe: Also, ich selber bin Spenderin. Wahrscheinlich, weil ich katholisch aufgewachsen bin und jeden Sonntag irgendetwas in diesem Korb geworfen habe für eine gute Sache. Für mich ist das Teil einer Gemeinschaft, dass man auch was dazu beiträgt. Andererseits, glaube ich, ist die Hemmschwelle dadurch niedriger, wenn ich nichts zahlen muss. Das heißt, die Leute sind alle gleichermaßen eingeladen, diese Plattform zu nutzen. Ich bin da so ein bisschen hin und her gerissen, weil ich denke, das Internet hat uns insgesamt dazu verführt, zu glauben, dass uns alles kostenlos zustünde. Man kennt das ja selber als Nutzer, dass man auf irgendein Link drückt und plötzlich ist da gesperrt und man kommt nicht weiter und soll zahlen und spürt so eine leise Empörung: Wieso soll ich denn jetzt bezahlen? Das ist also zwiespältig. Aber ich könnte nur dazu aufrufen, also wer Wiki nutzt, sollte Spenden. Und Wiki lebt ja hauptsächlich von relativ kleinen Beiträgen, aber diese dann in Menge. Und das ist wichtig, damit Wiki die Unabhängigkeit behalten kann und nicht in die Fänge der großen Konzerne gerät, denen sie dann womöglich verpflichtet wären.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk