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StartseiteHintergrundWie Frauen in rechten Ideologien zum Hassobjekt werden27.08.2020

Feminismus als FeindbildWie Frauen in rechten Ideologien zum Hassobjekt werden

Im rechten Spektrum ist der Hass gegen Frauen in unterschiedlicher Form zu finden: von seiner zugespitzten Form als Teil der Ideologie rechtsextremistischer Gewalttäter bis zum Merkmal vermeintlich liberaler Kräfte. Der Feminismus als Feindbild rückt zunehmend aus der extremistischen Ecke - in unseren Alltag.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Justizbeamte sichern den Prozess gegen den angeklagten Stephan Balliet  (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Pool/Hendrik Schmidt)
Prozessauftakt zum Terroranschlag von Halle - der Angeklagte Stephan B. hörte am Tag des Attentats von Halle frauenverachtende Musik (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Pool/Hendrik Schmidt)
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"Ein 43-jähriger Deutscher hat gestern Abend im hessischen Hanau in zwei Shisha-Bars neun Menschen erschossen."

"In Halle an der Saale sind bei einem offenbar antisemitischen Angriff zwei Menschen erschossen worden."

"Bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland sind mindestens 49 Menschen getötet und viele weitere verletzt worden."

"Nach der Todesfahrt eines 25-jährigen Kanadiers in Toronto bleibt die Frage nach dem Motiv weiter ungeklärt."

Sie hören Musik mit frauenverachtenden Texten und drehen Videos, die keinen Zweifel an ihrem Fanatismus lassen. Dann schreiten sie zur Tat: Toronto, Christchurch, Halle, Hanau – diese Ortsnamen stehen für vier der schlimmsten Terrorangriffe in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Die Täter sind Rechtsextremisten: Alleinstehende Männer, Mitte 20 oder Anfang 40, die Muslime und Juden verachten – und: Frauen. Ein Motiv, das häufig übersehen wird, obwohl es nicht neu ist: Der Hass auf Frauen steht schwarz auf weiß in so genannten "Manifesten" der Attentäter, aber auch in rechten Chatgruppen im Internet, oder zuletzt in den Drohbriefen des so genannten "NSU 2.0", die sich überwiegend an Frauen richteten. Dennoch liegt in der politisch-medialen Auseinandersetzung der Fokus meist woanders, meint die Wiener Politikwissenschaftlerin Judith Goetz:

"Grundsätzlich ist es so, dass die Vorstellung von Rechtsextremismus oder auch Rechtsterrorismus sehr stark geprägt ist von den ideologischen Komponenten Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus. Und (dass) Frauenhass, Abwehr von Gleichstellung, Antifeminismus, Sexismus nach wie vor total untern Tisch fällt, wenn beispielsweise die Medien darüber berichten, oder wenn es politische Auseinandersetzungen damit gibt.

Hass auf Frauen - ein wenig beleuchtetes Tatmotiv

Das änderte sich erst in diesem Sommer, als die Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei in Hessen und Berlin, aber auch eine Bundestags-Abgeordnete, eine Anwältin und viele andere Frauen in Deutschland Mord- und Vergewaltigungsdrohungen erhielten. Dass dieses Mal auf einen Schlag Dutzende Frauen zur Zielscheibe wurden, erregte Aufmerksamkeit. Dabei hatte Monate zuvor schon der Attentäter von Halle in einem Video erklärt, der Feminismus sei schuld an sinkenden Geburtenraten und das wiederum Ursache für Massenmigration, wie er sich ausdrückte. Um dann Juden die Schuld in die Schuhe zu schieben.

"Die explizite Frauenfeindlichkeit hat der Täter ja selber auch als Motiv mit angegeben." Erklärte Anne Helm, Mitglied der Linkspartei, im ARD-Fernsehen kurz nach dem Terrorangriff auf die Synagoge in Halle.

"Und da spielt der Hass auf Frauen und Feminismus eine große Rolle. Und auch das ist ein Tatmotiv, was noch bisher nach meinem Empfinden zu wenig beleuchtet worden ist, was aber auch in Übereinstimmung ist mit Tätern vorher."

Die Linken-Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus Anne Helm (dpa)Die Linken-Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus Anne Helm wurde bedroht. (dpa)

Zum Beispiel mit dem 29-jährigen Australier, der im März 2019 zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch stürmte - und 51 Menschen erschoss. Er wurde nun zu einer lebenslangen Haft ohne Bewährung verurteilt. Auch er bezeichnete den Feminismus als Ursache für sinkende Geburtenraten im Westen. Anne Helm kennt solche Parolen. Die Linkspolitikerin, die seit kurzem Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus ist, engagiert sich seit Jahren gegen rechte Gewalt. Zwar sind die Todesopfer in der Mehrheit Männer. Doch Frauen geraten immer öfter ins Visier.

Eine Entwicklung, die den Soziologen Andreas Kemper nicht überrascht. Er beobachtet seit Langem Positionen in der Neuen Rechten, ...

"... wo gesagt wird‚ Gewalt ist männlich, und das ist gut so, wir brauchen mehr Gewalt, und wir müssen uns zusammenschließen, um diesen verweiblichten, dekadenten Mainstream, den wir haben, mit Gewalt zurückzudrängen.‘"

"Incel"-Bewegung wächst vor allem in den USA

Solche Anfeindungen kennt auch die Links-Politikerin Anne Helm. Auch sie erhielt Ende Juli rechtsextremistische Drohbriefe. Helm richtet den Blick auch über Deutschland hinaus. Über den Terror-Anschlag in Christchurch vor anderthalb Jahren sagt sie:

"Dahinter steckt eine Verschwörungstheorie, die tatsächlich weit verbreitet ist. Nämlich, dass eine so genannte jüdische Finanzelite, die die Welt regiert, sich den Feminismus am Reißbrett ausgedacht hat, um Frauen, insbesondere weiße Frauen, dazu zu bringen, weniger Kinder zu bekommen, um sozusagen die "weiße Rasse", oder das, was man dafür hält, zu zerstören und einen Genozid an den Weißen zu verursachen."

Dieses Lied beschreibt die Tat des Toronto-Attentäters Alek Minassian. Der damals 25-Jährige tötete im April 2018 acht Frauen und zwei Männer, der Prozess gegen ihn soll im November beginnen. Minassian hatte seinen Amoklauf kurz nach der Tat als Rache für jahrelange Zurückweisung durch Frauen begründet und erklärt, er gehöre der so genannten "Incel"-Bewegung an. Das Akronym steht für "involuntarily celibate", also für Männer, die unfreiwillig im Zölibat leben und dafür – in extremen Fällen – Frauen verantwortlich machen. Ihre Erfahrungen tauschen Incels in Internet-Foren aus. Soziologe Andreas Kemper: 

"Ähnliche Gruppen gibt es auch in Deutschland, die sind aber relativ harmlos. Aber in den Vereinigten Staaten hat sich dann aus dieser Gruppe eine Bewegung entwickelt, die das ganze biologisieren und sagen, wir als Beta-Männer kriegen keine Frau ab. Und dann entwickelt sich der Frauenhass."

  (picture alliance / AP Photo / CBS / Darren Michaels) (picture alliance / AP Photo / CBS / Darren Michaels)Die popkulturellen Wurzeln des Incel-Movements
Incels sind Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben und im Feminismus den Grund für ihre Einsamkeit sehen. Online hat sich diese Bewegung radikalisiert. Ihre Ursprünge stecken auch in popkulturellen Serien wie "Friends" oder "The Big Bang Theory".

Extreme männliche Dominanz-Vorstellung

"Ich glaube, diese Aspekte sind hier sehr zentral, diese Entmenschlichung, diese männliche Dominanz-Vorstellung, die so weit ins Extreme gesteigert wird, dass dadurch die Legitimation abgeleitet wird, an einzelnen Frauen Exempel zu statuieren für das Nicht-Entsprechen von diesen normativen Bildern, die in dieser Vorstellung vertreten werden." Meint Judith Goetz.

Die Gender-Forscherin warnt zwar davor, die Täter von Christchurch, Toronto oder Halle über einen Kamm zu scheren und voreilige Analogien zu ziehen, doch was sie laut Goetz verbindet, ist ein fanatisiertes, ideologisches Weltbild. Und der gegenseitige Bezug aufeinander.

Der Attentäter von Halle, Stephan B., filmte sich vergangenen Oktober in Halle selber. Er hörte in seinem Auto jenen frauenverachtenden Song, der sich direkt auf den Toronto-Attentäter bezieht. Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird im Liedtext verherrlicht und verknüpft mit Terrorphantasien. Kurz darauf versucht B., die Synagoge in Halle zu stürmen, und scheitert an der massiven Eingangstür aus Holz. Der Anschlag löste in Deutschland eine intensive Debatte über den Judenhass der Rechten aus.

Paarung von Antisemitismus mit Antifeminismus

Antisemitismus sei allerdings oft mit Antifeminismus gepaart, sagt Annetta Kahane. Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung ist Jüdin und engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus:

"In der Literatur gibt es viele Beispiele, auch sehr früh ist das analysiert worden, dass es gerade in den stereotypen Auffassungen gegenüber Juden und speziell Jüdinnen etwas gibt, was ganz besonders bedrohlich erscheint."

Annetta Kahane sitzt mit ihrem Mops Lili auf einem leuchtend blauen Sofa in ihrer Wohnung. Die 66-Jährige erhält seit Jahren Drohungen. Sie zieht ihr Handy hervor:

"Hier ist zum Beispiel eins…." Kahane beginnt vorzulesen. Was folgt, ist eine Auflistung geschmackloser, primitiver Beschimpfungen, die Kahane als Frau und als Jüdin bedrohen.

"Es gibt keine ‚vernünftige‘ Todesliste, wo ich nicht auch erscheine…und das hat die Polizei, die verschiedenen Teile der Polizei, nie interessiert. Also die Bedrohungslage – ähnlich wie bei Halle, wurde als ‚Es gibt keine akute Gefahrenlage‘ bezeichnet. Ich weiß nicht, was passieren muss, um eine akute Gefahrenlage zu sehen. Denn wir hatten in der Stiftung alle möglichen Sachen, Bombendrohungen, und seltsame Briefe mit Pulver drin, und auch Besuche von irgendwelchen Nazis."

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast gestikuliert mit der rechten Hand. (Imago/photothek) (Imago/photothek)Künast (Grüne): Der Hass hat sich vervielfältigt
Die Grünen-Politikerin Renate Künast beklagt eine Verrohung des öffentlichen Diskurses, die in Verbindung stehe mit Pegida und der AfD. Mit der Behauptung, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr, würde Hass verbreitet, sagte Künast im Dlf. 

Frauen werden im Netz öffentlich bedroht

Hinzu kommen so genannte Sharepics, also miteinander geteilte Bilder oder Photos im Internet. Sie werden an möglichst viele Empfänger*innen weitergeleitet, um breite Aufmerksamkeit zu erzeugen.

"Da gibt’s auch noch die satanische Jüdin, das war eine Zeitlang sehr präsent. Da kamen dann so Photomontagen mit meinem Gesicht, und mit Schlangenhaupt und Flammen und mit so ganz widerlichen blutigen Händen… "

Sexismus, Misogynie und Antifeminismus

Doch woher stammt die kontinuierliche Abwertung und Bedrohung von Frauen durch die Neue Rechte? Die Wiener Politikwissenschaftlerin Judith Goetz differenziert zwischen Sexismus, Misogynie und Antifeminismus. Besonders letzterer lasse sich bis weit in die Mitte der Gesellschaft zurückverfolgen. Goetz führt das darauf zurück, "dass bestimmte Vorstellungen, die die Grundlage für den Antifeminismus und Sexismus bilden, in der Gesellschaft so tief verankert und normalisiert sind, dass sie per se nicht als problematisch wahrgenommen werden. Und diese Basis mündet dann sozusagen in dieser zugespitzten Form in diesem Frauenhass, in diesem mörderischen Antifeminismus, den wir von den rechtsterroristischen Attentaten kennen."

Diese Überzeugung ist nicht nur bei gewaltbereiten Rechtsextremisten zu finden, sondern ist auch eine politische Entscheidung, wie es die Politologin Judith Goetz definiert. Darüber hat sie gemeinsam mit zwei Co-Autorinnen ein Buch geschrieben. Demnach handele es sich beim Antifeminismus um eine Gegenreaktion auf gleichgeschlechtliche oder feministische Forderungen: Etwa das Ringen um mehr Gleichstellung, um Quoten, um Reproduktionsrechte, sexuelle Identitäten und gesellschaftliche Vielfalt. Für die Bundesrepublik wird diese These durch eine Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2017 untermauert:

"Es lassen sich erstmals betont maskulinistische Strömungen identifizieren und quantifizieren. In der männlichen Bevölkerung hat der […] weitere Kreis fest Überzeugter einen Anteil von 5,3 Prozent. Diese Männer haben die extreme, durch nichts zu erschütternde Einstellung, dass Gleichstellungspolitik nur ein anderer Name für Frauenförderung und Männerdiskriminierung sei."

Das Foto zeigt eine junge Demonstrantin auf dem internationalen Frauentag vom 8. März 2019. Sie hält ein Schild mit der Aufschrift: "Stand up for women" (imago stock&people / Christian Mang) (imago stock&people / Christian Mang)Gender-Debatte - "Es geht darum, Privilegien anders zu denken"
Im Buch "Frauen*rechte und Frauen*hass" wird eine antifeministische Gesellschaft kritisiert. Manchmal gebe es keine andere Möglichkeit, als gewaltvolle Verhältnisse drastisch zu beschreiben, sagte Mitautorin Anna Berg im Dlf.

Feministische Themen polarisieren

Diese Weltanschauung findet laut der Studie (bildungs)schicht-übergreifend Anhänger, vor allem bei den 40- bis 60-Jährigen. Ulle Schauws, frauen- und queerpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen, spricht von einer Gegenbewegung. Feministische Themen bekommen inzwischen sehr viel mehr Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren, aber sie polarisieren auch, meint Schauws:

"Das ganze Thema Metoo, auch die ganzen gewalttätigen, sexuellen Übergriffe auf Frauen sind viel mehr Thema in unserer Gesellschaft geworden. Und bei Forderungen für mehr Gleichberechtigung kommt Antifeminismus natürlich wieder stärker zum Vorschein."

Er artikuliert sich unter anderem in der Arbeit von einschlägigen Verbänden, Initiativen und Blogs. Ein Beispiel: Die Bundesvereinigung "Liberale Männer". Sie betreibt eine eigene Facebook-Seite. Dort erschien vor wenigen Tagen ein Eintrag, der die Genderforschung als "Hassideologie" diffamiert. Der Internet-Auftritt ist in den türkis-magenta-gelben Farben der FDP gehalten, doch Daniel Föst, familienpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion zieht eine scharfe Trennlinie zum Verein:

"Zur FDP gibt es keine Verbindung. Es gibt keine organisatorische Überlagerung. Wir teilen keine Inhalte. Dezidiert – nach dem, was ich da gelesen habe, lehnen wir viel von dem, was da geschrieben steht, auch ab. Der Begriff ‚liberal‘ ist nicht geschützt. Da ist kein Platz mit dieser Ideologie innerhalb der FDP."

Das Foto zeigt den bayerischen FDP-Vorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Daniel Föst bei einer Rede im Bundestag. (dpa / picture alliance / Arne Immanuel Bänsch)Daniel Föst, familienpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, distanziert sich von den Inhalten der "Liberalen Männer" (dpa / picture alliance / Arne Immanuel Bänsch)

Die neue "Power" im Feminismus sei hoch willkommen, betont Föst. Seine Partei wolle Ungerechtigkeiten etwa bei der Bezahlung oder im Scheidungsrecht ausräumen. Allerdings fügt der FDP-Politiker hinzu, zweifle er schon daran, "ob der große Aufwand, den wir in die Gender-Forschung stecken, wirklich notwendig ist. Aber wir haben eine Freiheit der Forschung, und das ist auch richtig und wichtig so."

Femonationalismus in der AfD 

Die AfD geht in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 einen Schritt weiter und spricht von einer "verfassungsfeindlichen Gender-Ideologie", die die "klassische Familie (…) abschaffen" wolle. Sie widerspreche im Übrigen "den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologie." Daraus folgend lehnt die AfD wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre ab, allen voran die Ehe für alle. Nicole Hoechst, familienpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im Bundestag, nimmt noch einen anderen Aspekt in den Blick, den Streit um die Quote: 

"Der neue Feminismus ist für uns ein so genannter Feminismus. Ich weiß gar nicht, wie man den gut bezeichnen kann. Jedenfalls ist das eine Zumutung für Frauen, die tatsächlich an Gleichberechtigung und an Chancengleichheit glauben."

Quotenregeln lehnt die AfD ab. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann sei durch das Grundgesetz gewährleistet. Damit werde der Antifeminismus ins Gegenteil verkehrt, erklärt der Rechtsextremismus-Experte Andreas Kemper:

"Und zwar tritt der Antifeminismus heute in erster Linie als Opfer-Position auf. Das heißt, es wird gesagt: Vielleicht war das mal sinnvoll mit dem Feminismus, aber heute wird das komplett übertrieben. Heute ist der Mann unterdrückt, oder die traditionelle Familie von Vater, Mutter, Kind ist unterdrückt."

"Das würde ich sagen, ist ein Grund, warum aktuell rechte, rechtsextreme Gruppierungen, Parteien, auch so stark auf das Antifeminismus-Thema setzen", ergänzt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz.

"Weil sie da einfach wissen, damit kann man auch Emotionen erzielen, und letztlich geht’s ihnen ja um die Wiederherstellung von dem, was sie als "normale" Gesellschaftsordnung verstehen."

Das Buchcover von Kate Manne "Down Girl". Im Hintergrund: Zwei Frauen halten Plakate, auf denen steht "Smash the Patriarchy" und "Stand up for Women". (Verlag Suhrkamp / Christian Mang/imago) (Verlag Suhrkamp / Christian Mang/imago)"Down Girl. Die Logik der Misogynie"
Trotz Frauenbewegung, Antidiskriminierungsgesetzen und hohem Bildungsniveau: Frauen haben es nach wie vor schwerer, in der Welt voranzukommen. Warum das so ist, hat die US-amerikanische Philosophin Kate Manne ergründet, sie ist den unterschiedlichen Ausprägungen von Frauenfeindlichkeit nachgegangen.

Ihre Partei sei jedoch keinesfalls antifeministisch, erklärt AfD-Politikerin Nicole Hoechst, sondern wertkonservativ. Dann folgt der Brückenschlag zur Migrationspolitik: "Die zuwandernde Gesellschaft, die bringt ein Steinzeit-Patriarchat mit." Das habe sich in Deutschland bereits "eingenistet", so formuliert Hoechst. 

"Heute höre ich immer wieder, dass junge Frauen oder auch Frauen meines Alters sich überlegen, ob sie noch vor die Tür gehen können und wie sie von A nach B kommen, um Gefahrensituationen zu vermeiden. Das sind ganz schlimme Entwicklungen, und denen gehört geschlossen als Gesellschaft entgegengetreten. Und zwar egal, ob von rechts oder von links."

Der Soziologe Andreas Kemper, der die AfD seit Jahren beobachtet, spricht in diesem Zusammenhang von einem so genannten Femonationalismus, den die Partei anwende:

"Also eine Form von Feminismus, wo es gar nicht letztlich um Frauenrechte geht, sondern wo es um Nationalismus geht. Das gibt es eigentlich schon seit Ewigkeiten. Nach der Sklavenbefreiung in den USA gab es sehr viele Anschuldigungen gegenüber Schwarzen als Vergewaltiger."

Antifeminismus: Deckmantel für rechte Ideologien

Heute werde diese Anschuldigung auf Muslime übertragen. Sie erfülle noch dazu einen weiteren Zweck, meint Gender-Forscherin Judith Goetz:

"Wenn es um den demographischen Wandel geht, wo Feministinnen zugeschrieben wird, dass sie schuld dran seien, dass es zu wenige Geburten geben würde von Angehörigen der Dominanzgesellschaft und dass deswegen jetzt zugewanderte Gesellschaften ins Land kommen müssten, dann ist es eben einfacher, das über das Genderthema zu spielen anstatt offen beispielsweise eine organische Gesellschaft einzufordern."

Ganz grundsätzlich diene der Antifeminismus aber noch aus taktischen Gründen als Deckmantel für rechte Ideologien – von Neuen Rechten bis Rechtsextremismus - ergänzt Goetz:

"Weil Antifeminismus auch so weit verbreitet in weiten Teilen der Gesellschaft ist, dass es den Rechten hier gelingt, auch ein Stück weit aus dem rechten, rechtsextremen Eck herauszukommen und zu sagen: ‚Na seht, ganz viele finden, der Feminismus geht zu weit.’ Dementsprechend kann Antifeminismus auch eine gewisse Scharnierfunktion oder Brückenfunktion erfüllen, wo ganz viele unterschiedliche Akteure und Akteurinnen zusammenkommen."

Goetz: Angriff auf eine liberale Gesellschaft

Gegenstrategien werden deshalb immer wichtiger, sagt die Wiener Politologin Judith Goetz. Das ist aus ihrer Sicht auch für die Opfer immens wichtig, "dass nicht übersehen wird, dass diese Frauen, die aktuell vom NSU 2.0 diese Drohmails erhalten haben, dass es ganz wichtig ist, denen auch solidarische, emphatische Botschaften zu schicken."

Und damit eine Strategie der Rechten zu durchkreuzen, nämlich den Versuch, die Empfängerinnen persönlich und individuell zu treffen. Die Hassbotschaften richten sich zwar an einzelne Frauen, aber, betont die Wissenschaftlerin, im Kern würden demokratische Werte wie Pluralismus und Vielfalt bedroht:

"Und so müssen diese Angriffe auch als ein gesamtgesellschaftliches Problem verstanden werden und auch gesamtgesellschaftlich beantwortet werden. Das bedeutet, Männern auch alternative Identifikationsmodelle anzubieten, anstatt dieses immer starken, harten Typs, der nie lernt, mit Zurückweisungen und Kränkungen umzugehen."

Es geht hier, sagt Goetz, um die Bewahrung einer freien, liberalen Gesellschaft.

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