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Feminismus
Lateinamerikas Frauen in Bewegung

Ende 2020 legalisierte Argentinien als erstes großes Land in Lateinamerika den Abbruch von Schwangerschaften. Die Entscheidung hatte Signalwirkung. Auf dem Kontinent ist in Sachen Frauenrechte einiges in Bewegung geraten.

Von Anne Demmer und Anne Herrberg | 07.03.2022
Frauen mit grünen Mund-Nasen-Bedeckungen schwenken grüne Tücher während einer Kundgebung vor der Bischofskonferenz in Bolivien
Grüne Tücher sind zum Symbol der Proteste für das Recht auf Abtreibung geworden (picture alliance / dpa / Radoslaw Czajkowski)
Eine Kirche, eine Bar, eine Tankstelle. Vielmehr gibt es nicht in „7 de Abril“, einer kleinen Ortschaft mit gut 900 Einwohnern in der Provinz Tucumán, fernab, im einsamen Norden Argentiniens. Niemandem fiel auf, dass etwas nicht stimmte mit Lucia. Bis sie über Bauchschmerzen klagte. Auf der Krankenstation stellt man fest: Das elfjährige Mädchen ist schwanger, im vierten Monat.
Sie wurde vergewaltigt vom Lebenspartner der Großmutter, erzählt Sol, ihre Mutter – beide Namen wurden zum Schutz geändert. „Sie sagte mir: ‚Mama, dieses schlimme Ding, das der Alte in mir gelassen hat, das möchte ich nicht, macht das weg.‘ Und sie schlug sich. Da bat ich Gott und die Heilige Jungfrau um Vergebung, und sagte, ich möchte auch, dass eine Abtreibung gemacht wird.“

Wenn eine Frau in Argentinien abtreiben will

In Argentinien sind Abtreibungen in solchen Fällen eigentlich legal und das schon seit 1921. Doch für Lucía beginnt damals, Anfang 2019, ein Martyrium. Ärzte weigern sich, den Eingriff vorzunehmen. Behörden stellen sich quer. Im staatlichen Krankenhaus Hospital del Este „Eva Perón“ von Tucumán wird sie hingehalten, man warnt, man droht: Ein Schwangerschaftsabbruch sei lebensgefährlich. Der Vize-Gouverneur verspricht der Mutter derweil eine neue Stadtwohnung, sollte ihre elfjährige Tochter das Kind austragen. Wochen vergehen.
Heute ist bekannt: In dieser Zeit bekam Lucía Spritzen, um Wachstum und Lungenfunktion des Fötus zu fördern. „Ich war mit meiner Tochter eingesperrt in vier Wänden, wir sahen das Sonnenlicht nicht mehr als eine halbe Stunde am Tag. Ich konnte nicht raus, nicht telefonieren, weil uns die ganze Zeit ein Polizist bewachte. Lucía ging es immer schlechter, sie sagte mir, ihr ganzer Körper tue weh, ich war mir sicher, sie würde das nicht überleben. Von der Toilette aus konnte ich meiner Cousine eine Nachricht schicken, und sie hat dann Hilfe gerufen bei den grünen Kopftüchern.“

Kampagne für legale, sichere und kostenlose Abtreibungen

Die grünen Kopftücher. Damals weiß bereits jede und jeder in Argentinien, für was sie stehen: Sie sind das Symbol der Kampagne für legale, sichere und kostenlose Abtreibungen, einem Netzwerk von rund 500 Frauenorganisationen. 2018 schaffte es ein entsprechender Gesetzesentwurf dieser Bewegung erstmals ins argentinische Parlament.
Es begann eine monatelange Debatte, die Argentinien verändert hat, sagt die auf Genderfragen spezialisierte Psychologin und Gesundheitsexpertin Carlota Ramírez: „2018 ist der Moment, in dem aus dem grünen Kopftuch ein grünes Meer wird, also eine massive und Generationen übergreifende Bewegung. Das hat eine Vorgeschichte, nämlich die Mobilisierung ‚Ni Una Menos‘, die bereits im Jahr 2015 entstanden ist. Es war die Reaktion auf eine Serie brutaler Femizide. Darauf gab es einen massiven und kollektiven Aufschrei, Zehntausende protestierten auf der Straße. Das war ein Wendepunkt.“

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Ni Una Menos“, auf Deutsch bedeutet das „keine weitere Frau weniger“, gemeint ist: keine ermordete Frau mehr. Morde an Frauen auf Grund ihres Geschlechts werden als „Femizide“ bezeichnet. „Das Sichtbarmachen dieser Gewalt führte auch zu einem neuen Blick auf das Abtreibungsverbot. Das Thema, das jahrelang ein Tabu war, kam auf die Agenda.“
Das von dem Frauenrechtsnetzwerk initiierte Gesetz sollte Abtreibungen bis zur 14. Schwangerschaftswoche legalisieren. Doch es scheiterte. Und zwar an den Stimmen der Senatoren aus dem konservativen und tief katholisch geprägten Norden. Allen voran: Tucumán. Die Regionalregierung hatte die Provinz damals offiziell zu „Pro-Vida“ erklärt, zur Lebensschützer-Provinz. Religiöse Gruppen protestierten auch vor dem Krankenhaus, in dem Lucía lag.
Beten für ein Ende der Abtreibung
Beten für ein Ende der Abtreibung (Deutschlandradio/Anne Herrberg/Anne Demmer)
Die private Ärztin Cecilia Ousset, die gemeinsam mit ihrem damaligen Mann, ebenfalls ein Arzt, schließlich gerufen wurde, wollten sie nicht durchlassen. „Der Fall Lucía war so irrsinnig, er machte deutlich, wie sich Politik und Behörden den Körper einer Elfjährigen zu eigen machten, deren Leben ganz offensichtlich keinen der angeblichen Lebensschützer interessierte. Das komplette öffentliche Gesundheitssystem hat sich verweigert, viele aus Angst vor Repressalien. Das hatte nichts mit der christlichen Lehre zu tun, es ging um Macht. Die Kirchen, die katholische und die evangelikalen, haben hier großen Einfluss, sie besetzen Posten, beeinflussen die Regierenden, die Gesetzgeber und die Justiz.“

Anklage wegen Mordes

Lucía ist inzwischen in der 23. Schwangerschaftswoche, für eine Abtreibung ist es zu spät, ein verfrühter Kaiserschnitt wird vorgenommen, das Kind stirbt kurze Zeit später. Die Ärzte werden des Mordes angeklagt. „Ohne den Druck der Bewegung der grünen Kopftücher und die Presseberichte wären wir im Gefängnis gelandet. Aber der Fall sorgte für einen Aufschrei, weil er die Willkür so deutlich machte. Das hat eine zentrale Rolle gespielt für einen neuen Anlauf zur Legalisierung von Abtreibungen.“
Kurze Zeit später startet Argentiniens Frauenbewegung einen erneuten Anlauf für die Legalisierung von Abtreibungen. Die „Marea Verde“, das Meer aus grünen Kopftüchern, ist zurück auf den Straßen von Buenos Aires. Und die Ende 2019 neu gewählte Regierung von Präsident Alberto Fernández stellt sich offiziell hinter die Forderung. Schließlich, am 30. Dezember 2020, wird das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen gekippt.
Zehntausende feiern auf der Straße, umarmen sich, Tränen fließen. Dass ausgerechnet Argentinien, die Heimat des Papstes, zum ersten großen Land Lateinamerikas wird, das Abtreibungen legalisiert, hat Signalwirkung für die gesamte Region. In keiner Region weltweit ist das Verbot von Abtreibungen so verbreitet und weitreichend wie in Lateinamerika. Am striktesten ist die Gesetzgebung in Mittelamerika und der Karibik.

Bewegung auf dem erzkonservativen Kontinent

Und doch ist in den vergangenen Jahren etwas in Bewegung geraten auf dem erzkonservativen Kontinent: Im September vergangenen Jahres hat Mexikos Oberster Gerichtshof Abtreibungen entkriminalisiert. Kolumbiens Verfassungsgericht folgte: Abtreibungen bis zur 24. Schwangerschaftswoche gelten nicht mehr als Verbrechen. Das Nachbarland Ecuador lockerte zumindest das strikte Verbot und auch in Chiles neuer Verfassung soll die Legalisierung verankert werden. Lateinamerikas Frauenbewegung rüttelt an verkrusteten Strukturen. Doch das Thema bleibt hoch umstritten.

„Nein, nein, die grüne Welle geht gerade herum, aber wir haben auch kein Problem damit, die einzige Nation der Welt zu bleiben, die keine Abtreibungen will. Ist das möglich? Natürlich ist es möglich, die Einzige zu sein, die 'Nein' sagt zum Mord an Babys, die noch im Mutterleib schlafen.“ Damares Alves ist evangelikale Pastorin und Brasiliens Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte. Eine der zentralen Figuren im Kabinett des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro. Während ihrer Amtszeit wurde daran gearbeitet, bestehende Abtreibungsgesetze zu verschärfen, wurden Betreuungszentren geschlossen, nahmen Anfeindungen und Angriffe auf Ärzte und Pro-Choice-Aktivistinnen zu.
Die Anthropologin und Bioethikerin Debora Diniz entschied nach Morddrohungen, ihr Land zu verlassen. „Warum ist Abtreibung so wichtig für die Konservativen und autoritäre Regimes? Die Kontrolle wann, mit wem, wie eine Frau Kinder hat, bedeutet: zu kontrollieren, ob Frauen arbeiten gehen oder nicht, ob sie Zeit haben werden für Glück, für Freizeit, für Begehren. Es ist die Kontrolle der Art und Weise, wie wir leben. Der Patriarch ist eine Figur, die sich als Beschützer darstellt. Wer sich dem entgegenstellt, wird bestraft. Wir sehen das in der Gewalt gegen Frauen, in den Statistiken über die Femizide.“

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Was das konkret bedeutet, zeigt sich auch in Mexiko. Nachdem das Oberste Gericht das Urteil verkündet hatte, wonach Abtreibungen keine Straftat mehr darstellen, hetzte der Priester Lázaro Hernández während eines Gottesdienstes vor seiner Gemeinde im nördlichen Bundesstaat Coahuila. „Die Abtreibung wurde legalisiert. Wir töten damit die Kinder, die uns stören. Die Kinder können sich nicht dagegen wehren. Warum töten wir nicht die Mutter? Sie wird der Gesellschaft auch nichts mehr nützen. Eine Frau, die abgetrieben hat und möglicherweise als Folge nie Kinder kriegen wird, bringt der Gesellschaft nichts mehr.“

In der Praxis geht Diskriminierung weiter

Zwar gelten Abtreibungen in Mexiko nicht mehr als Straftat, doch in der Praxis geht die Diskriminierung der Frauen weiter. Arlette möchte Abhilfe schaffen. Sie und ihre Kollegin Alejandra arbeiten als Abtreibungsbegleiterinnen in Colima, im südöstlichen Bundesstaat Veracruz. Ihren vollständigen Namen wollen die beiden lieber nicht nennen. Sie begleiten Betroffene, die bis zur zwölften Woche selbst einen Schwangerschaftsabbruch mit Medikamenten vornehmen wollen, berichtet Arlette.
Ara mit ihrer Mutter in Itzapalapa
Ara mit ihrer Mutter in Itzapalapa (Deutschlandradio/Anne Herrberg/Anne Demmer)
„Die Frauen kontaktieren uns über die sozialen Netzwerke. Darüber erhalten sie eine Telefonnummer. Sie schreiben uns eine Nachricht. Wir öffnen dann eine Whatsapp-Gruppe mit zwei Begleiterinnen und erarbeiten einen Plan nach ihren Bedürfnissen – je nachdem in welchem Monat sie sind. Voraussetzung ist, dass sie uns ein Ultraschallbild vorlegen.“ Die Frauen nehmen rezeptfreie Medikamente. Eines davon ist Misoprostol, das eigentlich bei Magengeschwüren eingesetzt wird, dessen Wirkung jedoch auch ein Ende der Schwangerschaft bewirken kann, die Ausstoßung des Fötus. Die Dosierung erfolgt über eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, sagt Alejandra. „Wir begleiten die Frauen so lange, bis wir sicher sind, dass es keine Reste vom Fötus mehr im Körper gibt. Danach lösen wir die Whatsapp-Gruppe auf.“
Viele Frauen seien verunsichert. Gerade deswegen sei der engmaschige Kontakt zu den Begleiterinnen sehr wichtig. „Die Frauen reagieren teils sehr stark auf die Medikamente, da sind sie natürlich erschrocken. Sie bekommen Fieber, Schüttelfrost. Teilweise starke Blutungen. Sie sind dann verängstigt und gehen ins Krankenhaus. Wir sagen ihnen dann, geht nicht. Dort werden sie dir Medikamente geben, damit der Fötus erhalten bleibt.“ Alejandra und Arlette bilden sich regelmäßig fort – unter anderem in einer Klinik, in der Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. All das machen sie ehrenamtlich.
Es meldeten sich Frauen nicht nur aus ganz Mexiko, sondern auch aus Mittelamerika, aus Ländern, in denen das Abtreibungsrecht noch strikter ist. Doch die Frauenbewegung fordert nicht nur das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch generell das Ende der Gewalt gegen Frauen. In Iztapalapa, dem bevölkerungsreichsten und ärmsten Stadtteil, in der Peripherie von Mexico City streift Ara sich eine Windjacke über, ihre Haare hat sie zu einem Dutt hochgesteckt, ein rotes geknotetes Tuch hält die Strähnen zurück. Es ist bereits dunkel draußen. Ihre goldenen großen Kreolen und die Kette, die sie um den Hals trägt, legt sie ab, bevor sie die Wohnung verlässt.
„Wenn man hier so auffällig rumläuft, geht man immer ein Risiko ein, dass man überfallen und beklaut wird. Wir Frauen sind leichte Beute, hier jedenfalls.“ Die 26-Jährige dreht mit ihrer Mutter Araceli und dem kleinen Hund eine Runde durch das Viertel. Sie überqueren eine große Straße, die gesäumt von Laternen ist. Die wurden vor einiger Zeit neu aufgestellt, erzählt Ara. „Klar, hier ist jetzt alles beleuchtet, das sieht man. Aber wie viele Anzeigen von Frauen werden verfolgt, wie oft wird den Tätern auch der Prozess gemacht? Diese Gegend hier nennt sich „Frentes“, also „Fronten“. Wenn man Taxi-Fahrern sagt, bringen Sie mich dorthin, würden die meisten ablehnen.“
Zwei Mal wurde die 26-Jährige in den vergangenen Jahren überfallen, sie wurde glücklicherweise nur beklaut. Öffentliche Verkehrsmittel nimmt sie nachts nicht mehr, das sei zu gefährlich. Araceli López Maciel holt ihre 26-jährige Tochter wenn möglich auch noch um ein Uhr nachts von der Arbeit in einem Café ab. „Ich selbst fühle mich sehr verletzlich, angreifbar, so wie alle Frauen. Irgendein Typ kann dich in deinem Wagen überfallen und vergewaltigen und es wird rein gar nichts passieren. Erst kürzlich wurde ein lesbisches Paar in seiner Wohnung in Ciudad Juárez, im Norden Mexikos, umgebracht. Es hat keine Folgen.“

Vergewaltigungen und Morde

Fast elf Frauen werden durchschnittlich am Tag in Mexiko umgebracht, viele davon, weil sie Frauen sind. Auch die Anzeigen wegen Vergewaltigungen haben zugenommen, ganz besonders in Itztapalapa, dem Stadtteil von Ara und ihrer Mutter. Während es im Jahr 2019 252 Anzeigen wegen Vergewaltigung gab, waren es im letzten Jahr 325. Fast 30 Prozent mehr als in den vorherigen Jahren. Und die Dunkelziffer ist laut der Nationalen Beobachtungstelle, einer zivilgesellschaftlichen Organisation für Sicherheit und Gerechtigkeit, hoch. Doch 90 Prozent der Straftaten werden in Mexiko nicht aufgeklärt. Die Wut ist groß über die tägliche Gewalt, die Frauen erleben: Rund 20.000 Frauen hatten trotz der Pandemie im letzten Jahr am internationalen Frauentag an der Demonstration in Mexico City teilgenommen.
Itzapalapa: Gewalt gegen Frauen ist strafbar
Itzapalapa: Gewalt gegen Frauen ist strafbar (Deutschlandradio/Anne Herrberg/Anne Demmer)
Am Rande der Proteste kommt es im schwarzen Block der feministischen Bewegung auch zu Ausschreitungen, unter anderem schmeißen sie Ladenscheiben ein. Sicherheitskräfte reagieren teils brutal, Tränengas kommt zum Einsatz. Immer wieder hat der mexikanische Präsident López Obrador die feministische Bewegung diskreditiert, den vorwiegend friedlichen Protest auf die gewaltsamen Ausschreitungen reduziert und sie dann zu den Konservativen, seinen Gegnern, subsumiert. Wer nicht sein Freund ist, ist sein Feind. Die Demonstrantinnen hat López Obrador kurzer Hand zu bloßen Krawallmacherinnen degradiert.
„Diese konservativen Bewegungen, was sie wollen, ist, dass wir gegen sie vorgehen, dass wir Gewalt anwenden. Sie provozieren und provozieren, aber wir werden darauf nicht eingehen.“
Ara kann die Anfeindungen des mexikanischen Präsidenten kaum fassen. Auch sie war bei den Protesten dabei, ist friedlich mitgelaufen. „Jetzt sind die Frauen sogar auf einmal die Feindinnen der Regierung. Aber wenn wir Frauen alle gemeinsam demonstrieren, dann fühle ich mich stark. Natürlich haben sie uns eingekesselt, natürlich haben sie auf uns Tränengas gesprüht. Aber trotzdem habe ich mich stark gefühlt.
Zurück in Argentinien. Gut ein Jahr ist seit der Legalisierung von Abtreibungen vergangen. Im ersten Jahr der Reform – die Zahlen des Gesundheitsministeriums umfassen die Monate bis November - wurden fast 33.000 Abtreibungen im öffentlichen Gesundheitssystem vorgenommen, dazu kommen etwa 46.300 Schwangerschaftsabbrüche mit dem Medikament Misoprostol. Keine Frau muss mehr heimlich abtreiben, heißt es aus dem zuständigen Ministerium in Buenos Aires. Doch wie sieht es dort aus, wo der Widerstand am größten war?
Unterwegs in der Region Tucumán, im Barrio Trulala von Alberdi, einem Armenviertel der Provinzhauptstadt San Miguel. Einfache Ziegelbauten ducken sich entlang der stillgelegten Eisenbahnschienen, dazwischen staubige Wege, ein Pferdekarren fährt vorbei. Es gebe nach wie vor viele Unsicherheiten, doch seit der Legalisierung gebe es ein Vorher und ein Nachher, sagt Adriana Rodriguez. Sie gehört der sozialen Bewegung „Frente Popular Dario Santillan“ an, war dort als sogenannte Gesundheitskoordinatorin schon früher Anlaufstelle für Frauen, die Hilfe brauchten.
„Vor dem Gesetz war es sehr schwierig, wir hatten Frauen, die gestorben sind nach verpfuschten Abtreibungen, es war ungemein schwer, an Medikamente wie Misoprostol zu kommen, weil die Preise willkürlich in die Höhe schossen, Jetzt ist es legal, die Medikamente sind kostenlos, du kannst ins Krankenhaus gehen und dort müssen sie dir helfen. Aber wir müssen weiterhin ganz schön rudern, die Frauen aufklären, sie begleiten, mit den staatlichen Stellen sprechen, dranbleiben, weil die Ärztin sie doch nicht behandelt hat. Es ist ein Prozess, aber wir begleiten ihn.“ 
Rodriguez trägt das grüne Kopftuch um den Hals und ein lila T-Shirt mit der Aufschrift „Feminismo Popular“, übersetzen kann man das vielleicht so: Feminismus des einfachen Volkes. Es seien auch die vielen Krisen, die uns Frauen zusammengeschweißt haben, glaubt Rodriguez. „Der Feminismus ist alles für mich. Auch, die Gewalt zu sehen, die wir immer als etwas Normales akzeptiert haben. Marta, meine Mutter, wuchs als Waisenkind auf, wurde vergewaltigt, bekam sechs Kinder, zog sie allein groß. Feminismus ist für mich ein kollektiver Kampf, er hat mich gelehrt, dass wir uns organisieren müssen.“
Wie im Fall Lucía, das elfjährige Kind, das erst vom Lebenspartner der Großmutter vergewaltigt, dann beinahe gezwungen wurde, Mutter zu werden – hätte die Bewegung der grünen Kopftücher nicht eingegriffen. Lucía geht heute in San Miguel auf die Schule. Es gehe ihr gut, sagt die Mutter. Ihr Vergewaltiger wurde zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.