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Startseite@mediasresEmmas Erbinnen07.03.2019

Feministischer JournalismusEmmas Erbinnen

Mit Podcasts, Magazinen und Online-Portalen bringen Frauen feministische Themen in die Öffentlichkeit. Über Gleichberechtigung und Diskriminierung ist aus ihrer Sicht viel zu lange zu wenig berichtet worden. An mehr Vielfalt müssen aber auch die weiblichen Formate noch arbeiten.

Von Mirjam Kid

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Frau mit erhobener Faust (imago )
Vor allem online und in den sozialen Medien gibt es mittlerweile ein breites Angebot an feministisch-journalistischen Formaten. (imago )
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Die Geschichte des feministischen Journalismus könnte kurz sein – sehr kurz. Dass Menschen jeden Geschlechts gleichberechtigt zu behandeln sind, ist nämlich keine besondere feministische Eingebung, sondern steht schon seit 70 Jahren im Grundgesetz. Und dürfte damit auch Grundlage eines jeden journalistischen Arbeitens sein. Ist feministischer Journalismus also einfach "normaler" Journalismus? Podcasterin und "Zeit Online"-Autorin Vanessa Vu:

"Absolut, für mich ist feministischer Journalismus normaler Journalismus. Aber da der - in Anführungsstrichen - 'normale' Journalismus noch so weit weg davon ist, kann man irgendwie schon fast alles, was sich darum bemüht, dem Ideal näher zu kommen, feministischen Journalismus nennen."

"Wer bekommt die meiste Redezeit?"

Gemeinsam mit der Journalistin Minh Thu Tran berichtet Vu seit gut einem Jahr vom Leben vietnamesischer Einwanderer in Deutschland – "Rice And Shine", ein feministischer Podcast. Dabei gehe es ihr vor allem um eine Vielfalt der Perspektiven, erklärt Vu. Daran hapere es im deutschen Journalismus noch gewaltig.

"Also, wer darf als Experte auftreten - immer nur Männer oder auch mal Menschen mit anderen Geschlechtern? Wer bekommt die meiste Redezeit, das Weltgeschehen zu interpretieren? Wessen Anliegen und Perspektiven sollen berücksichtigt und diskutiert werden? Platt gesagt: nur die der alten, weißen Männer im Anzug, die ja meistens unsere Nachrichten dominieren, oder vielleicht auch mal die Pflegerin oder die Migrantin oder auch mal die vergewaltigte Person, nicht nur der Täter?"

"Am Ende kommt das der gelebten Realität näher"

Das alles mitzudenken, sei natürlich irgendwie anstrengend, so Vu. Ganz oft müsse man in diese Form der Berichterstattung auch einfach mehr Arbeit hineinstecken, um gute Protagonistinnen zu finden.

"Am Ende kommt das aber der gelebten Realität näher und darum geht es mir im feministischen Journalismus, also eine angemessene Repräsentation."

Alice Schwarzer mit einer Ausgabe ihrer Zeitschrift "Emma" (picture alliance / dpa /  Thomas Schulze)Ikone des feministischen Journalismus: Alice Schwarzer mit einer Ausgabe ihrer Zeitschrift "Emma" (picture alliance / dpa / Thomas Schulze)

Dass da mittlerweile aber auch durchaus Erfolge zu verzeichnen sind, meint Teresa Bücker, Chefredakteurin des feministischen Online-Magazins "Edition F":

"Ich würde sagen, dass sich da im Journalismus in den letzten Jahren wirklich viel getan hat und über feministische Fragestellungen mehr berichtet wird. Dazu braucht es eigentlich keinen feministischen Journalismus, sondern einfach nur eine Aufmerksamkeit für diese Themen – die ja wirklich ganz, ganz viele Leute in Deutschland und in anderen Ländern auch betreffen."

Gewalt gegen Frauen als wichtiges Thema

Über Fragestellungen rund um Gleichberechtigung und Diskriminierung etwa sei vorher viel zu wenig auch in größeren Medien berichtet worden – aktuell bekämen sie aber mehr Aufmerksamkeit. Mit dem schleichenden Wandel in der Medienlandschaft hätten sich auch die Themen bei "Edition F" verändert, erklärt Chefredakteurin Bücker:

"Themen über Gleichstellung in der Wirtschaft oder auch Diskriminierung in der Wirtschaft und Politik, die werden mittlerweile sehr breit in allen Medien besprochen. Das heißt, das müssen wir gar nicht mehr so machen. Ich halte für die wichtigsten feministischen Themen, die eben auch Ungleichheit in Deutschland und überall in der Welt beschreiben, Armut und Gewalt gegen Frauen. Dazu machen wir unheimlich viel. Aber auch Themen, die eben nicht nur Frauen, sondern auch andere Menschen betreffen."

Viele Lebenswirklichkeiten abbilden

Zum Beispiel Menschen mit anderer Geschlechtsidentität. Denn bis vor kurzem dominierte auch unter Feministinnen vor allem eine Perspektive: heterosexuell, weiß, wohlhabend. Hier bemühen sich Journalistinnen inzwischen, mehr Lebenswirklichkeiten abzubilden – mit einem intersektionalen Blick. Journalistin Vanessa Vu:

"Der intersektionale Feminismus geht davon aus, dass es auch innerhalb der Gruppe von Frauen total viele Unterschiede gibt und dass man die auch berücksichtigen kann und muss."

Methodisch macht man das, indem auf Intersektionen achtet, das heißt darauf, wie Themen sich überschneiden und zusammenwirken. Nicht nur queere Perspektiven spielen dabei eine Rolle.

"Da kann man andere Bereiche sich auch angucken, wie zum Beispiel die soziale Herkunft oder Religion oder Körperformen. Und da sehen wir, dass sich manchmal bestimmte Merkmale addieren und zu mehr Diskriminierung führen – also wenn man zum Beispiel arm ist und dann auch noch alleinerziehend. Und wenn wir das irgendwie gar nicht sehen und so tun, als ob alle Frauen gleich wären, dann übersehen wir verschiedene Lebensrealitäten, aber auch Probleme."

Wenig Vielfalt in Redaktionen

Und die werden in den meisten Medien wohl immer noch übersehen. Ein intersektionaler Blick habe sich im herkömmlichen Journalismus noch lange nicht durchgesetzt, erklärt "Edition F"-Chefredakteurin Teresa Bücker. Vor allem wegen der geringen Diversität in deutschen Redaktionen, stünde er immer noch am Anfang.

"Weil dazu braucht es auch Leute, die wirklich als Expertinnen und Experten darüber berichten können. Und was die Repräsentation von schwarzen Menschen, von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund betrifft, da sind deutsche Redaktionen ja wirklich noch so weit zurück. Ich glaube, der Anteil ist im einstelligen Bereich. Und damit einher geht auch, dass diese Themen viel zu selten behandelt werden."

Einen positiven Gegentrend setzen einmal mehr feministische Formate – das "Missy Magazin" zum Beispiel oder das Talkformat "Auf Klo" von funk, dem jungen Online-Angebot von ARD und ZDF. Außerdem eine Vielzahl neuer Podcasts, die sich jenseits alteingesessener Medien ihren eigenen Weg gebahnt haben.

Neue feministische Publikationen

Wo es früher für feministischen Journalismus genau eine Anlaufstelle, nämlich die Zeitschrift "Emma", gab, ist das Angebot heute deutlich vielfältiger – und der Einfluss feministischer Publikationen größer, wie Podcasterin Vanessa Vu meint:

"Gerade weil wir jetzt so viele verschiedene Magazine haben, finden auch immer mehr verschiedene Frauen ihre Nische oder ihr Medium. 'Missy' ist einfach anders als 'Edition F' und das ist nochmal anders als 'Emma' und da kann man eben gucken. Ich hab eher das Gefühl, dass das die verschiedenen Stimmen verbreitert."

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