Montag, 26. Februar 2024

Drogenmissbrauch
Synthetische Opioide auf dem Vormarsch

Die USA werden von einer verheerenden Drogenkrise heimgesucht, in Deutschland sind synthetische Opioide wie Fentanyl noch nicht so stark verbreitet. Doch das könnte sich ändern. Suchtexperten befürchten eine deutlich steigende Anzahl der Drogentoten.

06.12.2023
    Menschen stehen abends im Frankfurter Bahnhofsviertel vor einem Drogenkonsumraum.
    Menschen vor einem Drogenkonsumraum im Frankfurter Bahnhofsviertel: Sollten sich synthetische Opioide in der Drogenszene verbreiten, wird es vermutlich sehr viel mehr Drogentote geben. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
    Die Zahl der Drogentoten in Deutschland steigt seit einigen Jahren wieder an. 2022 starben 1990 Menschen an einer Überdosis oder an den Langzeitfolgen ihres Drogenkonsums, das waren 164 mehr als im Jahr zuvor. Fachleute aus Suchtforschung und -hilfe befürchten, dass die Zahlen weiter steigen könnten, möglicherweise auch drastisch. Warum das so ist und was dagegen getan werden kann – die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Inhalt

    Die Grafik zeigt die Anzahl der Drogentoten in Deutschland zwischen den Jahren 2000 und 2022. Die registrierten, auf Drogen zurückzuführenden Todesfälle schwankten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwischen 1000 und 2000.
    Die registrierten, auf Drogen zurückzuführenden Todesfälle schwankten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwischen 1000 und 2000. (Destatis)

    Warum befürchten Fachleute einen Anstieg bei der Zahl der Drogentoten?

    Synthetische Opioide sind hochpotente Drogen, die im Labor hergestellt werden und teils den 50- bis 100-fachen Wirkungsgrad von Heroin erreichen. Im Moment sind sie auf dem deutschen Drogenmarkt noch eine Randerscheinung.
    Doch Fachleute befürchten, dass das nicht lange so bleibt, vereinzelt wurde das Opioid Fentanyl bereits in Deutschland nachgewiesen. In Dublin wurden zuletzt 54 Drogennotfälle im Zusammenhang mit synthetischen Opioiden innerhalb von vier Tagen gemeldet. Auch in England und Wales ist die Droge schon aufgetaucht.

    Die Taliban haben den Mohnanbau verboten

    Suchtforscher schließen daraus, dass synthetische Opioide in Europa auf dem Vormarsch sind. Oft werden sie dem Heroin beigemischt.
    Das hat zwei Gründe. Zum einen sind die synthetischen Wirkstoffe relativ billig und einfach herzustellen. Zum anderen haben die Taliban den Mohnanbau in Afghanistan verboten und Mohnfelder niedergebrannt. Damit gelangt weniger Heroin auf den internationalen Drogenmarkt. Verkäufer versuchen nun, diesen Mangel durch künstliche Stoffe auszugleichen.
    Die in Laboren produzierten Opioide sind sehr potent und schwer zu dosieren. Bereits zwei Milligramm Fentanyl - die Menge, die auf die Spitze eines Bleistifts passt - gelten laut der US-Drogenbehörde DEA als potenziell tödliche Dosis. Fentanyl wird aber auch im medizinischen Bereich eingesetzt, zum Beispiel in der Behandlung von schwersten Tumorschmerzen. Der Weg zum Missbrauch als Droge ist bei dieser Substanz offenbar kurz.
    Wenn synthetische Opioide klassischen Drogen wie Heroin beigemischt werden und die Konsumenten gar nicht wissen, was sie sich spritzen, kann es schnell zu Überdosierungen kommen. Mit der im Jahr 2022 in den USA beschlagnahmten Menge der Droge Fentanyl hätten nach DEA-Angaben theoretisch alle rund 333 Millionen Einwohner des Landes getötet werden können.

    Wie können Drogenkonsumenten besser vor synthetischen Opioiden geschützt werden?

    Suchtexperten warnen davor, dass es wegen synthetischer Stoffe in Heroin bald drastisch steigende Zahlen bei den Drogentoten in Deutschland geben könnte. „Städte und Kommunen sollten jetzt Vorkehrungen treffen, um diesen Drogennotfällen begegnen zu können“, sagt der Suchtforscher Daniel Deimel von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.
    Die Stoffe verursachen eine Atemdepression, die schnell tödlich verlaufen kann. Als Gegenmittel taugt vor allem das Medikament Naloxon, das als Nasenspray verabreicht werden kann.
    Naloxon sei ein Gegengift, bei dem das Opioid "vom Rezeptor im Gehirn gerissen wird und dann ist der Mensch sofort wieder nüchtern", erklärt Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung in Frankfurt am Main. Die Wirkung von Naloxon halte eine halbe Stunde an. Viele seien danach auf Enzug. Weil das Opioid aber noch im Körper ist, müsse man die Personen beobachten, damit sie nicht direkt wieder Opioide konsumieren.
    Naloxon habe keine großen Nebenwirkungen, wirke aber auch nur bei Opioiden und nicht etwa bei Kokain oder anderen Substanzen. "Es ist ein hervorragendes Mittel", so Stöven, "mit dem man der steigenden Zahl von Überdosierungen begegnen kann." 
    Helfer sollten in der Anwendung von Naloxon sowie in speziellen Erste-Hilfe-Maßnahmen ausgebildet werden. Schnelltests etwa in Drogenkonsumräumen könnten helfen, synthetische Opioide zu identifizieren.
    Auch Bund und Länder sind den Suchtexperten zufolge gefragt: Die Möglichkeiten zum Schutz abhängiger Menschen seien längst noch nicht ausgeschöpft. Die Deutsche Aidshilfe fordert, Angebote für Substitutionstherapien weiter auszubauen. Drogenkonsumräume müsse es endlich in allen Bundesländern geben.

    Wie ist die Situation in den USA und was unternimmt die US-Politik?

    Welche verheerenden Folgen die massenhafte Verbreitung von synthetischen Opioiden haben kann, ist vor allem in den USA zu beobachten. Dort sterben inzwischen jedes Jahr Zehntausende Drogenkonsumenten an Überdosierungen. Die Anzahl der Drogentoten ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten drastisch gestiegen.
    Ausgangspunkt der Opioid-Krise waren Pharmafirmen, die hochwirksame Schmerzmittel mit aggressiven Werbekampagnen in den Markt drückten und dabei das Suchtpotenzial wesentlich geringer angaben, als es tatsächlich ist.
    In Kombination mit einer laxen Verschreibungspraxis von Ärzten führte das zu immer mehr Drogensüchtigen. Sie mussten sich ihren Stoff schließlich illegal besorgen, wenn sich kein Mediziner mehr fand, der bereitwillig den Rezeptblock zückte.
    Die Grafik zeigt die Anzahl der Drogentoten in den USA über zwei Jahrzehnte hinweg. 1999 wurden 16.849 Todesfälle erfasst, 2021 waren es 106.699.
    Die Anzahl der Drogentoten in den USA hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten versechsfacht. (Destatis)
    Im Fokus steht inzwischen vor allem die Droge Fentanyl. Sie ist nach Angaben der US-Regierung inzwischen die Todesursache Nummer eins für Menschen zwischen 18 und 49 Jahren in dem Land. Schätzungen zufolge starben 2021 in den Vereinigten Staaten rund 108.000 Menschen an einer Überdosis Drogen, 17 Prozent mehr als im Jahr davor. Über 70.000 davon waren Opfer synthetischer Opioide. Zum Vergleich: Das ist die komplette Bevölkerung einer Kleinstadt wie Bamberg.
    Fentanyl-Süchtige in Los Angeles: Die Droge verursacht Zehntausende von Todesfällen jedes Jahr.
    Fentanyl-Süchtige in Los Angeles: Die Droge verursacht Zehntausende von Todesfällen jedes Jahr. (picture alliance / dpa / AP / Jae C. Hong)
    Im Kampf gegen die synthetischen Drogen versuchen die USA inzwischen, internationale Allianzen zu schmieden. Im Juli 2023 rief US-Außenminister Antony Blinken über 80 Länder zur Zusammenarbeit auf. Die Situation in den USA sei ein Vorbote für den Rest der Welt, erklärte Blinken bei der Gründung eines internationalen Bündnisses zur Bekämpfung der Opioid-Krise. "Nachdem der US-Markt gesättigt ist, wenden sich länderübergreifende kriminelle Organisation anderswo hin, um ihre Profite zu steigern", warnte er.

    Drogenkartelle in Mexiko und Zentralamerika

    Auf Druck der USA hatte China bereits 2019 den Export von Fentanyl verboten. Die USA werfen dem Land vor, immer noch Hauptexporteur für die Vorläuferstoffe von Fentanyl zu sein. Die Chemikalien werden von Drogenkartellen in Mexiko und Zentralamerika weiterverarbeitet, und das Fentanyl kommt schließlich auf Schmuggelrouten in die USA.
    Vor diesem Hintergrund spielte Fentanyl auch bei einem viel beachteten Treffen von US-Präsident Joe Biden und Chinas Staatschef Xi Jinping Mitte November 2023 eine Rolle. Biden und Xi versuchten bei ihrem langen Gespräch, die derzeit aus vielerlei Gründen stark gestörten Beziehungen der beiden Länder zu verbessern – und vereinbarten dabei auch Maßnahmen, die die Ausfuhr von Fentanyl-Grundstoffen aus China verhindern sollen.

    ahe