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StartseiteMusikjournalUniversalist vom Klavier aus06.09.2016

Ferruccio Busoni Universalist vom Klavier aus

Die Feiern zum 150. Geburtstag des italienischen und wahlberlinischen Komponisten Ferruccio Busoni fielen eigentümlich unscheinbar aus. Eine Ausstellung im Berliner Kulturforum zeigt nun, dass der Universalist Busoni mit seinen vielfältigen Interessen in Musik, Literatur und Malerei immer noch kaum in heutige Konzertformate passt.

Von Matthias Nöther

Historisches Foto des italienischen Komponisten, Pianisten und Dirigenten Feruccio Busoni (picture alliance / dpa)
Vielseitig interessierter Musiker: Ferruccio Busoni (picture alliance / dpa)

Musik: Busoni, Arlecchino

Ferruccio Busonis Oper "Arlecchino" aus dem Jahr 1917 ist heute fast vergessen. Die Hauptfigur, ein Harlekin, singt nicht, sondern spricht nüchtern gegen die aufgeblähten Opernphrasen der anderen Figuren an – hohles Pathos in Kombination mit Nationalismus, das nach Meinung des Pazifisten Busoni zum Ersten Weltkrieg geführt hatte. Arlecchino steht jenseits des musikalischen Geschehens, er ist eine Figur, die nicht durch pompösen Klang vereinnahmen, sondern durch Argumente überzeugen will. Das Rollenporträt des ersten Arlecchino-Darstellers, des legendären Reinhardt-Schauspielers Alexander Moissi, ist großformatig in der neuen Ausstellung platziert – als sei Arlecchino für Busoni programmatisch. Tatsächlich gehörte das Nicht-Vereinnahmen-Wollen auch sonst zum künstlerischen Credo Busonis. Das unterstreicht Thomas Ertelt, Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung in Berlin:

"Busonis Musik ist sicherlich emotional, aber nicht vordergründig emotional. Sie tritt nicht auf den Zuhörer zu und will ihn nicht einnehmen, so wie es Wagners Musik tut. Das hat er strikt abgelehnt. Er wollte sozusagen einen Hörer haben, der bei allem Kunstgenuss doch noch immer er selbst bleibt und nicht irgendwo überrannt oder überwältigt oder vergewaltigt wird – wie immer man das sagen möchte. Und ich glaube, dass in unserer Zeit, wo vordergründige Emotionalität, vor allem im audiovisuellen Bereich, der ja heutzutage eine große Rolle spielt, ganz groß geschrieben wird, ist Busoni deshalb so ein bisschen abgeschrieben."

Multimedial interessierter Komponist

Dabei hatte Busoni ein in seiner Zeit ungewöhnlich multimediales Interesse an der Kunst. Die Ausstellungsmacher in Berlin wollen auf diejenigen Aspekte im Werk des Klavierstars hinweisen, die über das rein Musikalische hinausgehen. Durch die Ausstellung führen nicht musik-, sondern kunsthistorische Kuratoren. Nicht nur Partituren haben sie aus dem immensen Nachlass ausgewählt, sondern auch wertvolle Buchdrucke und Gemälde. Busoni frönte auf den zahlreichen Konzertreisen seinem kostspieligen Hobby als Kunstsammler, was ihn im Jahr 1912 zur Schau der Futuristen in London führte. Kurator Michael Lailach:

"Busoni stolpert geradezu in diese Ausstellung hinein und entscheidet sich als erster Sammler spontan dazu, ein großes, damals muss ich sagen sehr teures Bild – hier steht der Preis – von Boccioni zu kaufen. Und zwar eigentlich eine der Ikonen, der heutigen Ikonen des Futurismus, "Die wachsende Stadt", heute im Museum of Modern Art in New York, das konnten wir leider nicht entleihen. Das MoMA hat sehr klug in den 50er Jahren dieses Bild aus der Familie Busoni gekauft, von dem Sohn. Aber dieser ursprüngliche Kauf führte zu einer intensiven Künstlerfreundschaft zwischen dem könnte man denken eher konservativen Busoni und dem lärmenden Futuristen Umberto Boccioni, was dazu führte, dass es weitere Käufe gab und dann halt, ganz am Ende, dieses große, letzte Porträt Busonis von Boccioni."

Stolz, aber auch ein wenig ermattet und resigniert blickt der Komponist von diesem letzten mächtigen Gemälde kurz vor seinem frühen Tod 1924 herab. So umschwärmt er als Pianist war, so anstrengend war zweifellos der lebenslange Kampf, bei dem Busoni die Tradition in die Avantgarde mitnehmen wollte. Ein gerade noch angefangener Entwurf zu einem eigenwilligen Musiklexikon legt davon Zeugnis ab. Er enthält Stichworte wie "Experiment" und darunter skizzenhafte Bemerkungen wie "Picasso" – ein Name, den man mit Ferruccio Busoni bisher nicht verband. Denn im allgemeinen Bewusstsein ist Busoni immer noch als spätromantischer Künstlergott abgespeichert. 

"Wir können wirklich nur darüber spekulieren, was er in dieser Zeit gesehen hat und, natürlich, dass er mit dem Experiment gerechnet hat – dass er es zuließ als etwas vorübergehend gestattetes."

Kritischer Blick auf Avantgarde

So aufgeschlossen Busoni neuen Strömungen in Kunst und Literatur gegenüberstand, so reserviert sah er Experimente in jener Kunstgattung, in welcher er selbst Fachmann war, zum Beispiel bei der Zwölftonmethode Arnold Schönbergs.

"Als Schönberg dabei blieb, bei seiner Kompositionsweise, hat Busoni Schönberg ja auch die Gefolgschaft verweigert."

Das war eher für Schönberg ein Problem als für Busoni. Entgegen der landläufigen Musikgeschichtsschreibung war um 1910 nicht der radikale Schönberg wichtig, sondern der weltläufige Busoni. Zu ihm pilgerte die Musikwelt nach Berlin wie zu einem Guru. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Dach sich alle an der Ausstellung beteiligten Institute befinden, bezeichnet Busoni dementsprechend neudeutsch als "Netzwerker", wegen seiner vielen Kontakte zu anderen internationalen Künstlern in Berlin. Gerade für Thomas Ertelt, inhaltlich verantwortlich für die Ausstellung, stellt sich das aus der Nahperspektive anders dar.

"Netzwerker ist ein Begriff, den ich nicht sehr glücklich finde für Busoni. Das setzt ja irgendwo voraus diese gegenseitige, wechselseitige Beziehung, ein Geben und Nehmen auf gleicher Ebene. Und das war sicherlich nicht so. Die Leute sind zu Busoni gekommen. Busoni war schon das Attraktionszentrum, das angezogen hat. Und er hat die Kontakte zugelassen oder eben auch nicht."

Doch kann die Ausstellung nun Busoni als jenen Befreier der Tonkunst zeigen, als den sie ihn betitelt? Immerhin ein bisschen. Die Überwindung des festgelegten Tonsystems war eigentlich eine Utopie, für seinen Traum von Drittel- statt Halbtonschritten fand Busoni trotz jahrzehntelanger Suche nie das geeignete Instrument. Das Berliner Musikinstrumentenmuseum seinerseits hat das 1916 erfundene Orthotophonium zu bieten – ein Tasteninstrument, das die Oktave in dreiundfünfzig Tonschritte unterteilt. Busoni hat dieses Instrument wohl nicht gekannt. Trotzdem hat einst ein ehemaliger Museumsdirektor minutiös Busonis Traum darauf umgesetzt. Deshalb ist die Dritteltonskala auf dem Audioguide der neuen Ausstellung zu hören. Ob das Orthotophonium allerdings jenen Klang besitzt, mit dem Ferruccio Busoni gerne die Tonkunst befreit hätte, muss offen bleiben.

Musik: Eine Dritteltonskala auf dem Orthotonophonium

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