Mittwoch, 25. Mai 2022

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Festival "Utopia 2016"
Britische Fantasien für eine bessere Welt

Das Werk "Utopia" des britischen Humanisten Thomas Morus gilt bis heute - 500 Jahre nachdem er es verfasst hat - als Inspiration für alternative Gesellschafts- und Lebenskonzepte. Bei dem Festival "Utopia 2016" in London beschäftigen sich nicht nur Künstler, Designer und Architekten mit Zukunftsgedanken.

Von Ruth Rach | 25.11.2016

Vor dem Somerset House in London reinigt eine Angestellte eine Skulptur, die anlässlig der Design Biennale 2016 dort aufgestellt ist.
Skulptur vor dem Somerset House während der Design Biennale in London im September 2016 (imago stock&people)
Emily Medd ist Schatzmeisterin von "Utopia 2016", einem Festival rund um das Thema Utopie in London. Workshops, Seminare, Ausstellungen, Installationen, zwölf Monate lang wird hier im Somerset House und im benachbarten Kings College der englische Humanist und Staatsmann Thomas Morus gefeiert, der vor 500 Jahren einen kleines Büchlein veröffentlichte, das zu einem großen Klassiker wurde: "Utopia".
Thomas Morus spielte absichtlich mit dem Doppelsinn des Wortes. Utopia kann ja sowohl "guter Ort" bedeuten, als auch "Nichtort" - mit anderen Worten, so eine ideale Welt kann es gar nicht geben, sagt Emily Medd. Bei den Veranstaltungen für Utopia 2016 geht es allerdings nicht darum, das Werk von Thomas Morus zu analysieren. Vielmehr sind die Besucher aufgefordert, selbst kreativ zu werden und sich andere bessere Welten vorzustellen. In ihrer utopischen Schatzkammer im Somerset House organisieren Emily und ihr Team Dutzende von Workshops, für Erwachsene, für Schulklassen, für Familien.
Alternative Lebensmodelle entwickeln
Im Moment sammelt Emily Beiträge für einen praktischen Führer nach Utopia. 500 Antworten auf die Frage: Was könnte mich meiner Utopie einen Schritt näher bringen? Eine Schulklasse von Zehnjährigen weiß es genau: Geld abschaffen, alle Fieslinge töten, ein Pudding Café gründen.
In anderen Veranstaltungen wiederum geht es im Dialog mit Künstlern, Komponisten, Designern und Aktivisten um Anliegen wie Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, Einsamkeit.
In ihren utopischen Projekten und Installationen werden Städte heraufbeschworen, die vom Autoverkehr befreit sind, Bildungseinrichtungen, die für alle offen sind, saubere Meere für glückliche Wale. Ein Wort zieht sich wie ein roter Faden durch alle Veranstaltungen: Community - Gemeinschaft.
Besonders inspirierend fand Emily eine Lesegruppe mit David Bramwell, Verfasser des Buchs "Die Buslinie Nr. 9 nach Utopia". Bramwell stellte ein Community-Projekt vor, in dem alle Bewohner einer Straße an einem Tag im Monat zu einer ganz bestimmten Uhrzeit Tische und Stühle vors Haus stellen, um auf der Straße gemeinsam zu essen, und auf diese Weise die Nachbarn kennenzulernen.
Besonders beliebt sind die Restart Parties. Vom Restart Project organisiert, einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in London, die den Verbrauchern zeigt, wie elektronische Geräte repariert werden können, sodass kaputte Sachen, wie zum Beispiel Handys nicht gleich durch neue ersetzt werden müssen und noch mehr elektronischen Müll verursachen.
Fantasien lassen sich verwirklichen
Manche kreativen Labore im Somerset House und im benachbarten Kings College gehen wiederum philosophische Fragen an: Wie kann man Räume jenseits der Räume schaffen, und Unvorstellbares vorstellbar machen? Der größere Teil der Events aber konzentriert sich auf kleine, praktische Schritte auf dem langen Weg zur Utopie. Es wird auffallend viel gebastelt, gestrickt, gekocht, gesungen, gedichtet, komponiert. Emily Medd kramt in ihrer utopischen Schatzkiste, in der sie Beiträge aus ihren Schul-Workshops aufbewahrt und zieht einen utopischen Dom heraus. Den haben zehnjährige Londoner Kinder aus Dutzenden bunter Becher konstruiert. In jedem steckt ein handbemaltes Dokument mit einem Vorschlag zur Weltverbesserung.
Aber was ist eigentlich aus den umfassenden utopischen Visionen geworden, die in der Tradition von Thomas Morus entstanden sind? Vielleicht haben wir gelernt, dass großangelegte Utopien in Dystopien ausarten können, wenn sie durch totalitäre Gewalt verwirklicht werden, meint Emily Medd mit Blick auf die neuere Geschichte.
Sie glaubt fest daran, dass utopische Bewegungen an der Basis starten sollten. In der Community. Und im kleinen Format. Denn sobald eine Utopie von oben verschrieben werde, fühlten sich die Leute überwältigt und abgehängt, und hätten keine Lust mehr, mitzumachen.