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StartseiteCorso„Berlinale kann Menschen zusammenbringen“20.02.2020

Festivaldirektor Carlo Chatrian„Berlinale kann Menschen zusammenbringen“

Mister Berlinale ist jetzt Carlo Chatrian. Der Italiener folgt Dieter Kosslick nach, in der neu geschaffenen Funktion „künstlerischer Direktor“. Er ist für das Programm zuständig. Verglichen mit dem Filmfest Locarno, das er vorher geleitet hat, sei die Berlinale "eine Galaxie", so Chatrian im Dlf.

Carlo Chatrian im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

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Carlo Chatrian lächelt in die Kamera (www.imago-images.de / N. Kubelkax / Future Image)
70. Internationale Filmfestspiele Berlin -Carlo Chatrian bei der Programm-Pressekonferenz (www.imago-images.de / N. Kubelkax / Future Image)
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Sigrid Fischer: Carlo Chatrian, wie ist Ihr Berlin-Gefühl bis jetzt?

Carlo Chatrian: Sie haben ja im Deutschen das Wort "kennengelernt". Das ist ein Prozess, sich eine Stadt zu eigen zu machen, die aus verschiedenen Gründen sehr faszinierend für mich ist. Ihr Rhythmus zum Beispiel, oder: Sommer und Winter – da erlebt man zwei unterschiedliche Städte. Das Wasser ist ein wichtiges Element. Es ist ein Prozess, der mir gefällt.

Fischer: Nach Ihrem ersten Arbeitseindruck in Berlin: Was ist der Hauptunterschied, ein Filmfestival wie Locarno oder eins wie die Berlinale zu kuratieren? Beides sogenannte "A-Festivals", aber eins ist kleiner, eins größer.

Chatrian: Jedes Festival ist besonders, aber Berlin hat eine sehr einzigartige Struktur. Ich vergleiche sie mit einer Galaxie und den verschiedenen Planeten. Das hilft mir dabei, eine Balance zu finden, denn jeder Planet hat seine eigene Rotation, aber alle spielen zusammen. Das ist neu und spannend für mich – jenseits der Filmauswahl mit den Leitern der anderen Sektionen zu diskutieren. Anders ist auch, dass es mir in Locarno freigestellt war, ob ich im Büro arbeite oder zu Hause oder auf Reisen. In Berlin ist es wichtig, im Büro zu sein, eben wegen dieser Struktur.

"Verschiedene Interessen an einem Ort zusammenbringen"

Fischer: Es ist schon im Vorfeld sehr offensichtlich, dass Sie der Berlinale eine eigene Handschrift verpassen. Zum Beispiel schreiben Sie über Filme in ihrem Blog auf der Webseite, Sie haben eine neue Reihe installiert – "Encounters", und Sie setzen Filme und Regisseure direkt in Beziehung und in Dialog zueinander - "On Transmission". Es gibt aber auch kommerzielle Interessen, Marktinteressen und Presse, die nur Starfotos will, aber an Ihren künstlerischen Ideen nicht interessiert ist. Was haben Sie mit der Berlinale vor, bzw. wie verstehen Sie die Institution "Filmfestival"?

Chatrian: Die Berlinale ist ein großes Festival und kann viel anbieten. Ich hatte auch Spaß dabei, Filme von großen Studios auszusuchen. Alle großen Filmfestivals müssen auf verschiedene Publikumserwartungen reagieren. Meine Aufgabe ist es, diese verschiedenen Interessen an einem Ort zusammen zu bringen. Das ist gerade heute wichtig, wo wir so vorherbestimmt leben und jeder in seiner Gruppe. Die Berlinale kann dagegen Menschen zusammenbringen, die wenig miteinander gemeinsam haben. Und am Ende des Films haben sie vielleicht etwas gemeinsam.

Fischer: Das Besondere an der Berlinale ist auch ihre Geschichte. Gleich zu Beginn sind Sie damit konfrontiert, weil herauskommt, dass der erste Leiter Alfred Bauer offensichtlich stärker mit dem Nationalsozialismus verbunden war und mit der NS-Filmindustrie, als bekannt. Ist das schwierig zu handhaben für Sie, der von außen kommt und gerade erst anfängt?

Chatrian: Das war natürlich eine große Neuigkeit. Ich bin nicht mit allen Details vertraut, ich habe in Büchern über die Geschichte der Berlinale gelesen, und die ist ja immer noch richtig. Neu ist, was über die Vergangenheit des ersten Leiters Alfred Bauer herausgefunden wurde, das wirft ein anderes Licht auf das Festival. Trotzdem ist die Geschichte des Festivals, wie sie ist, und die prämierten Filme sind es auch. Und diese Geschichte ist eine der Freiheit und des Mutes in der Preisvergabe. Wir nehmen diese Neuigkeit als Chance, noch besser auf die Vergangenheit der Berlinale zu schauen. Mit Hilfe einer Kommission, auch um herauszufinden, wie wir mit dem "Alfred Bauer Preis" in Zukunft verfahren werden.

Mit Amazon und Netflix gesprochen

Fischer: Dieses Jahr gibt es keinen Film im Wettbewerb, der von einer Streamingplattform produziert wurde. Ist das Zufall? Denn es hätte schon Optionen gegeben, denke ich.

Chatrian: Wir haben mit Amazon und Netflix über einige Titel gesprochen, aber es wäre für beide Seiten keine gute Option gewesen. Das ist mit Studios genauso. In diesem Fall geht es um Marketingstrategien, wie der Film veröffentlicht wird. Wir haben von Anfang an gesagt, dass das Kinoerlebnis wichtig ist. Es ist ein Unterschied, ob Sie einen Film auf dem Laptop beziehungsweise im Fernsehen schauen, das weiß jeder. Gleichzeitig wollen wir uns nicht vom Filmgeschehen, wie es sich heute darstellt, abkoppeln. Klar, jeder verfolgt seine Interessen. Wichtig ist, die Tür offen zuhalten, ein Festival soll integrieren, nicht ausschließen.

Fischer: Vielleicht müssen wir den Begriff "Film" beziehungsweise "Kino" überhaupt neu definieren für die Zukunft.

Chatrian: Das gilt schon jetzt. Bewegte Bilder gibt es überall. Wenn mein Sohn einen Film auf Instagram guckt, dann guckt er einen Film. Ich habe ein Problem damit, Filme auf dem Smartphone zu schauen, aber ich gucke auch Videos. Das ist sehr spannend gerade. Wir haben immer Angst vor Veränderung, das ist ganz normal, aber Veränderung bringt auch immer etwas Neues, eine neue Art, Geschichten zu erzählen.

"Die Arbeit von Künstlern unterstützen"

Fischer: Und Sie sagen Ihrem Sohn dann nicht: "Aber diesen Film musst Du im Kino sehen!" 

Chatrian: Er geht auch ins Kino. Aber ich sage ihm: "Warum verdirbst Du Dir die Augen, indem Du einen Film auf so einem kleinen Monitor guckst?" Und dann muss ich an meinen Vater denken, der mir gesagt hat: "Du verdirbst Dir die Ohren, wenn Du Musik immer auf dem Kopfhörer hörst". Geschichte wiederholt sich eben.

Fischer: Wissen Sie noch, Carlo Chatrian, warum Sie "Ja" gesagt haben, als Sie gefragt wurden, ob Sie die Berlinale kuratieren möchten?

Chatrian: Ich habe nicht "Ja" gesagt, sondern die Berlinale musste sich entscheiden, ich hatte mich ja beworben, weil ich die Herausforderung mag. Ich dachte, das ist eine andere Möglichkeit, das zu tun, was ich gerne tue, nämlich die Arbeit von Künstlern zu unterstützen. Die Berlinale ist dafür eine tolle Plattform. In Locarno konnte ich zum Beispiel keine Serien platzieren, das geht hier aber. Und das Serienprogramm ist sehr stark. Auch die Kooperation mit den anderen Sektionen war eine Bereicherung für mich. Ich war froh, als man mir sagte: "Ja, Du kannst den Job machen."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Wir haben noch länger mit Carlo Chatrian gesprochen - hören Sie hier das Corsogespräch in englischer Originalfassung

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