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StartseiteInterview"Lasst uns unsere Arbeit machen"29.12.2018

Feuerwehr appelliert vor Silvester"Lasst uns unsere Arbeit machen"

Die Bereitschaft, mit Feuerwerk Unfug zu machen, sei deutlich gestiegen, sagt Frank Hachemer, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands, im Dlf. Das reiche bis zu Angriffen mit Feuerwerk auf Einsatzkräfte. Die Hemmschwelle, uniformierte Kräfte anzugreifen, sei bei einigen Menschen niedriger geworden.

Frank Hachemer im Gespräch mit Philipp May

Feuerwehrleute im Nebel der Neujahrsnacht (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Feuerwehrleute im Nebel der Neujahrsnacht (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Philipp May: Es wird wieder laut in den kommenden Tagen, besonders natürlich dann in der Nacht des Jahreswechsels, in der innerhalb von Sekunden Millionen von Euro buchstäblich verbrannt beziehungsweise in die Luft gesprengt werden. Und es ist ja auch a) Tradition und b) stimmungsvoll, das große Feuerwerk zum Jahresausklang. Dennoch, viele Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt rufen schon länger dazu auf, lieber zu spenden als Raketen zu kaufen. "Brot statt Böller" heißen dann die Aktionen. Ärzte warnen vor der Feinstaubbelastung durch den Pulverdampf, und Feuerwehren rüsten sich wie jedes Jahr für den Dauereinsatz.

Am Telefon ist jetzt Frank Hachemer, Sprecher und Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands. Schönen guten Tag!

Frank Hachemer: Einen wunderschönen guten Tag!

May: Kaufen Sie Böller oder Raketen?

Hachemer: Ja, in kleinem Ausmaß schon. Wir haben ein bisschen Nachwuchs zu Hause, und dann ist das auch Tradition bei uns.

May: Also es ist jetzt keine grundsätzliche Berührungsangst da? Sie wissen ja wahrscheinlich auch, was Sie tun, als Feuerwehrmann.

Hachemer: Zumindest denke ich das mal, ja.

May: Dem entnehme ich, dass Sie Silvester selbst nicht mehr raus müssen?

Hachemer: Doch, das ist schon so. Wir sind alle ganz normal in normaler Einsatzbereitschaft und haben auch immer wieder den Fall, dass das wohl die ersten Einsätze im neuen Jahr werden.

May: Da gehen Sie fest von aus. Dass das ein ruhiger Abend wird beziehungsweise eine ruhige Nacht, das glaubt keiner bei Ihnen?

Hachemer: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Gegenden und Ecken sind einfach etwas ruhiger, manche sind deutlich belebter. Das ist sehr unterschiedlich, das kann man nicht mal so über einen Kamm scheren. Aber es gibt schon Fälle, wo es brennpunktmäßig zur Sache geht, und das ist dann auch für unsere Einsatzkräfte nicht so einfach.

May: Herr Hachemer, jetzt muss ich Sie ganz kurz einmal darum bitten, ob Sie ein bisschen Ihre Position verändern können. Wir hören Sie etwas abgehackt jetzt gerade.

Hachemer: Ja, das ist ein bisschen blöd, weil wir über Mobilfunk sprechen.

"Bereitschaft, mit Feuerwerk Unfug zu machen, ist deutlich angestiegen"

May: Ja, genau. Deswegen, können Sie vielleicht ans Fenster gehen oder so, wo die Verbindung ein bisschen besser ist … Ich frag jetzt einfach mal weiter. Nichtsdestotrotz, man rüstet sich als Feuerwehrmann Silvester, weil jeder weiß, das wird eher ein Großkampftag?

Hachemer: Ja, das muss man schon sagen. Man muss das auf jeden Fall ins Auge fassen. Man kann nicht sagen, es ist alles ganz normal. Aber andererseits, die Feuerwehren sind ja sowieso alle immer 24 Stunden rund um die Uhr in Einsatzbereitschaft. Da ist also schon eine gewisse Grundbereitschaft da.

May: Und was erleben Sie denn so normalerweise an dem Silvestertag beziehungsweise über Neujahr?

Hachemer: Das ist halt schon anders als sonst im Feuerwehrwesen, wo wir ja fast nur andere Einsätze haben und weniger Brandeinsätze inzwischen. Die Zahl der technischen Einsätze hat ja die Zahl der Brandeinsätze längst überholt. Dann haben wir aber an Silvester schon immer solche Einsätze. Einmal der Rettungsdienst natürlich, die mit schlimmen Verletzungen zu tun haben. Und dann natürlich das Thema Feuergefahren. Ich sag mal, eine Rakete, die den Balkon trifft und dort Möbel entzündet. Oder der Knaller, der falsch geworfen wird und unter eine Mülltonne rollt. Oder leider eben auch durch mutwillige Sachen, wo dann jemand das bewusst macht, dass er den Knaller in eine Mülltonne wirft, in einen Kleidercontainer.

Feuerwehreinsatz in der Neujahrsnacht (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)Ein Feuerwehreinsatz in der Neujahrsnacht (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

May: Haben Sie das Gefühl, dass das über die Jahre schlimmer geworden ist, das Problem? Ist es mehr geworden?

Hachemer: Die Bereitschaft, mit Feuerwerk Unfug zu machen, ist durchaus schon beobachtbar hier und da deutlich angestiegen, das muss man einfach sagen. Das geht ja bis hin zu Angriffen mit Feuerwerk, dass als Einsatzkräfte damit beschossen werden.

May: Jetzt verstehen wir Sie wieder ganz schlecht. Können Sie vielleicht doch noch mal gucken, dass Sie irgendwie die Position verändern, sonst würden wir Sie vielleicht auch einfach noch einmal anrufen, weil wir Sie jetzt gerade fast gar nicht verstanden haben.

Hachemer: Ist das besser?

Vierstellige Dunkelziffer bei Angriffen auf Einsatzkräfte

May: Möglicherweise. Ich frag noch mal eine Frage, ansonsten rufen wir Sie einfach noch mal an. Woran liegt das Ihrer Meinung nach, dass das schlimmer geworden ist?

Hachemer: Das hat viele Ursachen. Es ist einmal natürlich das Problem, dass wir durch Veränderungen in der Gesellschaft einen anderen Blick auf Rettungskräfte haben. Rettungskräfte werden als uniformierte Kräfte wahrgenommen, als Staatsdiener. Und da ist man halt eben, je nachdem, welche Sozialisation man selbst hat, vielleicht auch etwas lockerer unterwegs, was so den Respekt vor solchen Kräften angeht. Und da ist die Schwelle, die anzugreifen, hier und da etwas niedriger geworden.

May: Haben Sie das selbst auch schon mal erlebt, oder berichten Ihnen das viele Ihrer Kollegen, dass sie wirklich angegangen werden im Einsatz?

Hachemer: Ja. Da gibt es inzwischen sogar Untersuchungen zu. Wir haben eine Untersuchung kennengelernt von einer Doktorandin, die das genau angeschaut hat. Sie hat sich vor allem die Dunkelziffer angeschaut. Denn Anzeigen machen ist ja schlecht, weil die Einsatzkräfte, die haben was zu tun, die sind mit ihren Augen natürlich und mit ihrem ganzen Sinn auf ihren Einsatzauftrag fokussiert. Die wollen da entsprechend helfen und da einschreiten, wo etwas zu tun ist für sie. Und da merkt man sich nicht unbedingt einen Täter als Erstes oder so was. Deswegen ist das nicht so deren Hauptaufgabe, und Sie haben keine offiziellen Zahlen. Aber... es sind eher geringe offizielle Zahlen zumindest, weil das selten zur Anzeige kommt. Das ist leider schwierig, das zu verfolgen. Es gibt aber eine ganz hohe Dunkelziffer, und diese Kollegin hat das untersucht, und die geht ins Vierstellige.

May: Wenn Sie einen Appell an alle Bürger in Deutschland starten könnten für die Silvesternacht, was würden Sie sagen?

Hachemer: Lasst uns unsere Arbeit machen. Wir sind für euch alle da. Wir kommen von euch, wir sind ganz normale Leute wie ihr und alle anderen auch. Wir wollen das einfach nur machen, um euch zu helfen. Lasst uns einfach unsere Arbeit machen.

May: Sagt Frank Hachemer, Sprecher und Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands. Vielen Dank für das Gespräch. Die Telefonleitung bitten wir zu entschuldigen. Ihnen auf jeden Fall einen guten Rutsch und einen ruhigen Silvesterabend beziehungsweise eine ruhige Silvesternacht.

Hachemer: Ihnen allen und allen Hörern ein gesegnetes neues Jahr! Danke schön!

May: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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