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Fieberhafte Suche nach Verschütteten im Iran

Christine Heuer: Es ist der vierte Morgen nach dem verheerenden Erdbeben im Iran. 22.000 Tote sind nach Angaben des Teheraner Innenministeriums bisher geborgen worden und jeder rechnet damit, dass die offizielle Zahl der Todesopfer noch deutlich ansteigen wird. Unter den Helfern in der Erdbebenregion sind auch Mitarbeiter des technischen Hilfswerks aus Deutschland. Eigentlich hatten wir an diese Stelle mit einem von ihnen sprechen sollen, doch Neuigkeiten, die sich hoffentlich als richtig herausstellen, haben dies in letzter Minute verhindert, es soll nämlich neue Lebenszeichen unter den Trümmern geben und die THW-Helfer vor Ort graben in der Hoffnung, doch noch Überlebende zu finden. Am Telefon in Bonn ist jetzt Nicolas Hefner vom THW, guten Morgen.

    Nicolas Hefner: Schönen guten Morgen.

    Heuer: Sie haben gerade mit ihren Kollegen in Bam telefonieren können, was genau tut sich gerade bei denen?

    Hefner: Die Lage ist folgende: seit 21 Uhr gestern abend verfolgen wir konkrete Klopfzeichen, die wurden als Lebenszeichen gewertet von den Rettungshunden sowohl des THW als auch des Malteser Hilfsdienstens. Mit technischem Ortungsgerät hat man sich nochmal eine Bestätigung verschafft und seitdem arbeitet man sich fieberhaft an die Stelle vor.

    Heuer: Können Sie uns sagen, wie weit man dabei gekommen ist?

    Hefner: Noch nicht. Es gab wohl ein paar Bergungen, man hat schon ein paar Leichen gefunden, die man herausgezogen hat. Dennoch waren danach immer noch Klopfzeichen zu hören. Das liegt wohl daran, dass es sich bei dem Gebäude um ein eingestürztes Backsteinhaus handelt, das wohl unterkellert ist und in diesem Keller scheinen zumindest Überlebenszeichen zu sein.

    Heuer: Das erklärt dann auch den Unterscheid Ihrer Beobachtungen zu früheren, denn es gab ja bislang auch schon Klopfzeichen und Überlebende wurden leider trotzdem nicht gefunden.

    Hefner: Natürlich ist es eine Hoffnung: Wir können nur den Hilfsmitteln folgen, die wir nun mal haben. Leider hat man nie eine hundertprozentige Bestätigung, was sich da unten wirklich abspielt, was es für Lebenszeichen sind. Wir versuchen eben unser möglichstes, uns dahin vorzuarbeiten und hoffen auf Bestätigung.

    Heuer: Damit wir uns besser vorstellen können, wie die Arbeiten in Bam verlaufen, wie kann es eigentlich sein, dass man stundenlang Klopfzeichen hört, wie es in den vergangenen Tagen offenbar der Fall gewesen ist und dass dann eben doch keine Überlebenden gefunden werden? Irren sich die Helfer da oder kommen sie zu spät?

    Hefner: Das kann man so überhaupt nicht beurteilen. Zum einen hatten wir 36 Lebendortungen, das heißt, es ist einmal durch Hunde bestätigt worden, dann wird es noch mal durch Ortungsgeräte bestätigt. Manchmal auch nicht, dann verfolgt man eben den konkreten Verdacht und geht eine Weile bis zu der Stelle vor und wird dann eben enttäuscht, beziehungsweise muss man einfach jedem Zeichen nachgehen als Indiz, um sich die Bestätigung zu holen, auch wenn es eine sehr traurige ist und natürlich besteht die Möglichkeit, dass Hilfe auch zu spät kommt.

    Heuer: Die Hilfsorganisationen waren ja recht früh vor Ort. Muss man davon ausgehen, dass bei diesem Erdbeben und in dieser Stadt, Bam, die Überlebenschancen von Anfang an besonders niedrig waren?

    Hefner: Es scheint so. Das liegt wohl an der oft beschriebenen Lehmbauweise dieser Stadt, die dazu geführt hat, dass die Gebäude einfach wie Kartenhäuser in sich zusammengestürzt sind. Es hat sehr kleine Trümmer gegeben, dadurch eine sehr große Staubentwicklung und es ist wohl so, dass die Überlebenschancen recht gering sind. Aber wie wir jetzt schon wieder sehen, ist ganz einfach die Hoffnung nicht aufzugeben. Das darf man einfach nicht. Es gibt immer wieder Unterkellerungen oder Hohlräume, in denen sich Überlebende zurückflüchten konnten.

    Heuer: In welcher Lage befinden sich denn die Überlebenden über der Erde?

    Hefner: Die Lage ist wohl sehr angespannt, es ist recht kalt in Bam, die Hilfsgütertransporte laufen auf Hochtouren, es wird gemeldet, es seien schon mehrere hundert Maschinen gelandet, genauere Bestätigung hat man noch nicht. Eine Maschine des THW ist dort bereits gelandet, die Trinkwasseraufbereitungsanlagen sowie Jacken, Decken, Medizin und andere medikamentöse Grundausstattung sind ausgeladen, jetzt wird auf den Weitertransport gewartet. An Bord waren auch noch mal fünf Helfer, die diese Trinkwasseraufbereitungsanlagen des THW betreiben sollen, um eben gesundes, sauberes Wasser an die Bevölkerung abzugeben.

    Heuer: Ab wann wird das ganze Material in Bam und der Region angekommen sein?

    Hefner: Das kann man überhaupt nicht sagen. Die Zerstörung ist sehr groß, man weiß nicht, wie die Transportmöglichkeiten jetzt sind. Selbst, wenn wir sofort einen Anschlusszug erhalten würden, ist nicht gewährleistet, dass die Trinkwasseraufbereitungsanlagen unmittelbar aufgebaut werden können. Wir müssen einfach warten, welches Gebiet erkundet wurde, wo die Trinkwasseraufbereitungsanlagen am besten aufgebaut werden.

    Heuer: Es gab viele Spendenaufrufe hier in Deutschland. Was sollten denn die Menschen, wenn sie spenden möchten, Ihnen am sinnvollsten zur Verfügung stellen?

    Hefner: Die Spendenaufrufe kommen natürlich nicht vom THW, weil als Regierungsorganisation im Bereiche des Innenministeriums können wir keine Spenden in der Form entgegennehmen.

    Heuer: Dennoch wissen Sie, was die Leute brauchen.

    Hefner: Die Rettungsorganisationen haben natürlich Spendenaufrufe gestartet, hauptsächlich Sachspenden, natürlich auch Geldspenden, um einfach auch die Chartermaschinen bezahlen zu können, die in dieses Gebiet entsandt werden. Insofern sind beide Spendenweisen sehr sinnvoll.

    Heuer: Angeblich soll spätestens heute abend die Rettungsaktion, die Suche nach Überlebenden unter den Trümmern in Bam eingestellt werden. Wie lange bleibt das THW noch in der Region?

    Hefner: Da wir wegen der Trinkwasseraufbereitungsanlagen und um die Verteilung des Trinkwassers zu gewährleisten, kann das Engagement des THW in Bam selbst noch nicht begrenzt werden.

    Heuer: Nicolas Hefner vom Technischen Hilfswerk war das. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und ich wünsche Ihren Mitarbeitern viel Erfolg in Bam und der Region.

    Hefner: Vielen Dank.