UEFA versus FIFA
Wie die Investorenpläne von Infantino den Weltfußball erschüttern

Die FIFA will die Fußball-WM privatisieren und teilweise an Investoren verkaufen. Die europäischen Verbände reagieren darauf mit einer Boykott-Ankündigung. Eine Zäsur im Weltfußball.

Von Maximilian Rieger |
    Der FIFA-Präsident Gianni Infantino winkt in die Kamera
    Hat sich Gianni Infantino möglicherweise verkalkuliert? Nicht nur der europäische Fußballverband UEFA stellt sich gegen seine Privatisierungspläne der WM. (picture alliance / PA Images / Bradley Collyer)
    Es ist eine historische Entscheidung: Der europäische Fußballverband UEFA verkündet, dass seine 55 Mitgliedsverbände alle FIFA-Wettbewerbe boykottieren werden, bis der Weltverband seine Pläne aufgibt, die Fußball-WM zu privatisieren und teilweise an Investoren zu verkaufen.
    Es ist die schärfste Reaktion, die vonseiten der europäischen Verbände möglich gewesen ist. Damit entwickelt sich zwischen der UEFA und der FIFA ein Konflikt, in dem es um die Zukunft des Weltfußballs geht.

    Was ist der Auslöser für den Boykott der UEFA?

    Begonnen hat die Auseinandersetzung mit einer Idee von Gianni Infantino. Der FIFA-Präsident plant, für die Vermarktung der Turniere des Weltverbandes – also vor allem der lukrativen Männer-WM – eine Tochtergesellschaft zu gründen. Rund 20 Prozent dieser Tochtergesellschaft sollen dann an Investoren verkauft werden.
    Der Verkauf der Anteile soll mehr als vier Milliarden Dollar einbringen. Dieses Geld will Infantino dann an die mehr als 200 Mitgliedsverbände der FIFA weiterleiten. Jeder Verband soll eine Einmalzahlung von 20 Millionen Dollar erhalten. Für viele der kleinen Nationalverbände, die größtenteils von FIFA-Geldern abhängig sind, ein großer Anreiz.
    Sollte eine Privatisierung kommen, würde das eine weitere Kommerzialisierung der Fußball-WM bedeuten. Die ohnehin schon teuren Tickets würden womöglich noch teurer, auch die Trinkpausen, die es bei der WM in Nordamerika gegeben hat, könnten Standard werden, um TV-Sendern weitere lukrative Werbeplätze zu ermöglichen. Zudem könnte die WM auf 64 Teams ausgeweitet werden oder im Extremfall häufiger als alle vier Jahre stattfinden.

    Warum hat sich die UEFA für einen Boykott entschieden?

    Gerade aus dem europäischen Fußball gibt es an diesen Plänen scharf Kritik. Die Seele des Fußballs stehe nicht zum Verkauf, schrieb die UEFA in einer ersten Stellungnahme, nachdem mehrere Medien über die mögliche Privatisierung berichtet hatten.
    Auf einer Dringlichkeitssitzung zwei Tage nach den ersten Berichten haben sich die europäischen Nationalverbände dann für einen Boykott ausgesprochen. In dem Moment, in dem Investoren Anteile an FIFA-Wettbewerben übernehmen würden, würde sich der Fußball für immer verändern, erklärte die UEFA. Gewinne würden Pflicht werden. Jede Entscheidung würde davon abhängig gemacht werden, was gut für die Investoren sei – und nicht, was gut für den Fußball.
    Allerdings passt diese Rhetorik nicht zum Verhalten der UEFA in den vergangenen Jahrzehnten. Denn der europäische Spitzenfußball hat in den vergangenen Jahren die Kommerzialisierung stark vorangetrieben. Die spanische und französische Liga haben zum Beispiel ein Investorenmodell umgesetzt, das Infantinos Plänen ähnelt.
    Der UEFA geht es zudem um die Wahrung von eigenen finanziellen Interessen. „Auch die UEFA hat ein Interesse daran, das Spiel auszubeuten“, sagte der Sport-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling . Sollte die WM tatsächlich häufiger stattfinden, könnte dies zu einer Terminkollision mit der EM führen – einer wichtigen Einnahmequelle für die UEFA.

    Wie wahrscheinlich ist es, dass die Pläne der FIFA jetzt noch umgesetzt werden?

    Ohne die europäischen Spitzenteams, die bei den vergangenen Weltmeisterschaften die Mehrzahl der Viertelfinalteilnehmer gestellt hat, würden die FIFA-Turniere ihren sportlichen Reiz verlieren – und damit auch finanziell wertlos werden.
    Sollten die europäischen Verbände den Boykott also durchhalten, wäre es für die FIFA praktisch unmöglich, den Deal umzusetzen. Dafür muss aber die Koalition der europäischen Top-Verbände halten – anders als bei der WM 2022, als man im Konflikt um die One-Love-Armbinde unter dem Druck der FIFA einknickte.
    Allerdings gibt es nicht nur aus Europa Kritik an Infantinos Vorhaben. Der Verband, der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständig ist, lehnt den Plan ab – ohne allerdings mit Boykott zu drohen. Auch der asiatische Verband solidarisiert sich mit der UEFA. Ohne die Verbände von diesen drei Kontinenten gibt es keine Mehrheit für das Vorhaben. Einzig der afrikanische Verband CAF zeigt sich offen, weiter über die Investorenpläne zu diskutieren.

    Was bedeutet das für FIFA-Präsident Gianni Infantino?

    Für Gianni Infantino muss das ein ungewohntes Gefühl sein. In seinen zehn Jahren als FIFA-Präsident hatte er seine Macht zementiert, vor allem, indem er sein Wahlversprechen umgesetzt hat, die Gewinne der FIFA zu steigern und die Mehreinnahmen an die Mitgliedsverbände weiterzureichen. Bereits vor der WM in Nordamerika hatte er von mehr als 200 Nationalverbänden Unterstützungsschreiben für seine Wiederwahl auf dem FIFA-Kongress im März 2027 erhalten.
    Aufgrund einer Amtszeitbeschränkung wäre für Infantino 2031 als FIFA-Präsident Schluss. Sollte die Tochtergesellschaft zur Vermarktung der WM gegründet werden, könnte Infantino dort dann eine führende Rolle einnehmen – womöglich mit höherem Gehalt, weniger Kontrolle und ohne Amtszeitbeschränkung.
    Aktuell ist die Kritik an Infantino aber so groß, dass es zumindest möglich erscheint, dass er auf dem FIFA-Kongress doch einen Gegenkandidaten bekommt. Ob es eine realistische Chance gibt, dass Infantino abgelöst wird, hängt aber stark von den Entwicklungen in den kommenden Wochen ab.