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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenRassenideologie in der "Feuerzangenbowle"26.04.2018

Filme aus der NS-ZeitRassenideologie in der "Feuerzangenbowle"

Die meisten Filme, die zur Zeit des Hitler-Regimes gedreht wurden, liefen lange im Fernsehen weiter. Die Alliierten stuften sie als unbedenkliche Unterhaltung ein. Unterschwellig halfen die Filme allerdings dabei, den Nationalsozialismus nachträglich im Bewusstsein der Deutschen zu normalisieren.

Von Andreas Beckmann

Heinz Rühmann als Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer im Film "Die Feuerzangenbowle" aus dem Jahr 1944 (Imago)
Heinz Rühmann als Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer im Film "Die Feuerzangenbowle" aus dem Jahr 1944 (Imago)
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"Bei uns zu Hause, bei meinen Eltern, die beide den Nationalsozialismus schon als Erwachsene auch erlebt hatten: Wenn 'Die Feuerzangenbowle' mit Heinz Rühmann kam, war das Pflicht-Event. Das wurde geguckt."

Nicht nur in der Familie von Christoph Classen, der heute am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam arbeitet, wurden noch Jahrzehnte nach dem Krieg NS-Filmstars wie Hans Albers, Marika Rökk oder Zarah Leander verehrt. Gelegenheit dazu gab es reichlich, der filmische Nachlass des Dritten Reichs wurde fast komplett weiter gezeigt: vor allem die 1.200 abendfüllenden Spielfilme, von denen die Alliierten allerdings knapp 300 verboten hatten. Die große Masse war jedoch als unbedenkliche Unterhaltungsware eingestuft worden. Obwohl selbst Pennälerhumor wie in der "Feuerzangenbowle" unterschwellig nazistische Botschaften transportieren konnte, wie Christoph Classen heute analysiert:

"Ich erinnere mich an eine Szene, wo es um die Völkerwanderung geht, das ist sozusagen absolute nationalsozialistische Rassenideologie, die dort in dieser Szene verbreitet wird."

NS-Gedankengut in der "Feuerzangenbowle"

Nicht weil etwa gegen Juden gehetzt worden wäre, dann hätten die Alliierten den Streifen sicher in den Giftschrank verbannt. Sondern weil die Idee, die Menschheit in Rassen einzuteilen, in dem Film wie selbstverständlich verbreitet wurde. Auf diese Weise halfen solche Werke, den Nationalsozialismus nachträglich im Bewusstsein der Deutschen zu normalisieren, meint Bill Niven, der in Nottingham Geschichte lehrt.

"Wenn man diese Filme in den 50er- und 60er-Jahren schauen kann und man hat die vielleicht auch während der Nazi-Zeit geschaut, dann konnte man sich vorstellen: Im Dritten Reich war doch nicht alles so schlimm, oder? Dass die heute noch gezeigt werden, das beweist, diese Filme waren in Ordnung. Und ich frage mich, ob man auf die Art und Weise so langsam das Gefühl bekommt, wenn alles nicht so schlimm war, dann muss ich meine eigene Rolle nicht so genau untersuchen, oder?"

Nicht nur in der Bundesrepublik, auch in der DDR nahm ein Millionen-Publikum gern das Angebot an, vor Leinwand und Bildschirm in Erinnerungen an scheinbar unbelastete Zeiten der eigenen Jugend zu schwelgen, ergänzt Andreas Kötzig, Film-Historiker am Hannah-Arendt-Institut in Dresden.

"Ab Ende der 50er-Jahre, als das Fernsehen sich stärker durchgesetzt hatte in der DDR als Massenmedium, gab es einen festen Sendeplatz im DDR-Fernsehen, immer montags 20 Uhr, die Rubrik hieß 'Für den Filmfreund ausgewählt'. Da sind bis zum Ende der DDR regelmäßig alte Ufa-Filme gezeigt worden, mit großem Zuspruch auch beim Publikum."

NS-Filme auch in der DDR

Dabei war den ost- wie westdeutschen Redakteuren bewusst, dass das Kino neben dem Radio das erfolgreichste Propaganda-Instrument von Joseph Goebbels gewesen war. Der antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" von Veit Harlan etwa hatte im Deutschen Reich mehr Zuschauer gefunden als Jahrzehnte später der Hollywood-Blockbuster "Titanic" auf der ganzen Welt. Folgerichtig hatten die Alliierten 1945 die deutsche Filmwirtschaft zerschlagen. Während sich im Westen langsam eine neue, etwas dezentralere Produzentenszene etablierte, schuf die Sowjetische Militäradministration 1946 mit der DEFA für Ostdeutschland wieder eine Monopolgesellschaft.

Andreas Kötzig: "Es gab bei der DEFA nicht ganz so große persönliche Kontinuitäten, wie es sie in der Bundesrepublik gegeben hat. Karrieren wie die von Wolfgang Liebeneiner, Leni Riefenstahl, Veit Harlan, die alle letzten Endes zurückgekommen sind in ihre Ämter, die wieder Filme machen konnten, solche Äquivalente dazu hat es bei der DEFA tatsächlich nicht gegeben."

Auf das Fachwissen von Mitläufern wollte aber auch die DEFA nicht verzichten. So durfte Wolfgang Staudte, der in "Jud Süß" eine kleine Rolle gespielt hatte, die erste große DEFA-Produktion "Die Mörder sind unter uns" mit der jungen Hildegard Knef realisieren.

"Wenn wir uns die Zuschauerzahlen anschauen, dann fällt schnell auf, dass die Reprisen aus der Zeit vor 1945 deutlich höhere Zahlen hatten als die DEFA-Filme aus der damaligen Zeit."

Selbst Propagandastreifen schienen wieder vorzeigbar

Die Leute wollten lieber Luis Trenkers "Der Berg ruft" oder Heinz Deppes Heimatfilm "Drei tolle Tage" sehen. In den 50er-Jahren begriffen die SED-Funktionäre dann, dass sie manche der alten Propagandawerke in der neuen, sozialistischen Zeit ganz gut verwenden konnten.

"Ein Film wie 'Titanic', der zur NS-Zeit gar nicht im Reichsgebiet aufgeführt werden konnte und wegen seines antibritischen Impulses in der Bundesrepublik erst mal verboten gewesen ist, den konnte man zum Beispiel in der DDR im Kino sehen."

Joseph Goebbels hatte diesen Film zwar 1943 finanziert, dann aber befürchtet, die Geschichte des Untergangs könnte die Kriegsbegeisterung der Deutschen dämpfen. Der DDR-Propaganda kam später diese Analogie ebenso zupass wie der anti-westliche Impetus des Streifens. Auch in der Bundesrepublik entdeckte man übrigens, dass sich manches Material aus dem Filmfundus der Nazis durchaus wiederverwenden ließe, fügt Bill Niven hinzu.

"Vor allem Wochenschau-Material. Ich habe gelesen, dass das Verteidigungsministerium 13 Lehrfilme gemacht hat für die Bundeswehr, 1959 glaube ich, aus einem Film 'Die Deutschen' von 1945. 'Die Deutschen' bestand zum Teil aus Propaganda-Wochenschau-Material. Die Idee war, dass eben die Bundeswehr von Wochenschau-Material lernen soll."

Die lange Wirkungsgeschichte von "Triumph des Willens"

Im Laufe der Jahre nahm die Zahl der dauerhaft verbotenen NS-Filme immer mehr ab und umfasste schließlich fast nur noch Werke, die offen indoktrinierten, wie Leni Riefenstahls "Triumph des Willens". Doch selbst diese Glorifizierung Hitlers und seiner Partei durfte noch ganz legal ins Ausland verkauft werden. "Triumph des Willens" wurde, auch wegen seiner handwerklichen Meisterschaft, zu einem der meistzitierten Filme aller Zeiten, berichtet Christoph Classen.

"Da geht es darum, wie 'Triumph des Willens' weitere Filme geprägt hat. Welche Sequenzen aus diesem Film tauchen immer wieder auf? Wie hat er als Modell gewirkt für bestimmte Szenen und Einstellungen bis hin zu 'Star Wars' etwa, wo man Massenszenen hat mit Aufmärschen, die sehr, sehr eindeutig an die Ästhetik von 'Triumph des Willens' anschließen."

Auch "Die Blechtrommel" nimmt darauf Bezug, aber im negativen. Während bei Riefenstahl die Hitlerjugend unter strahlender Sonne angetreten war, ließ Volker Schlöndorff in seinem Film Nazi-Horden in sintflutartigem Regen untergehen. In den 70er Jahren wurde das NS-Filmerbe endlich kritisch beleuchtet. Mit entsprechenden Kommentaren wurde jetzt selbst "Triumph des Willens" zweimal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt.

Christoph Classen: "Wenn man das zeigen wollte, auch im Rahmen der kritischen Auseinandersetzung, der politischen Bildung, dann musste man diese Alt-Nazis oder ihre Erben dafür bezahlen. Bis hin zur Sportpalast-Rede von Goebbels."

So brachten NS-Filme noch jahrzehntelang Lizenzgebühren ein. Wie sehr sie Heldenbilder, Geschlechterstereotype und politische Einstellungen der Deutschen beeinflussten, ist noch weitgehend unerforscht.

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