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Filmfestspiele CannesPolitik und Tränen

Bei den Filmfestspielen in Cannes sind wie in jedem Jahr die großen Namen vertreten. So zum Beispiel Regisseur Mike Leigh mit seinem Film über den Maler William Turner. Auffällig sind aber vor allem die vielen politischen Filme über beispielsweise Syrien, die Ukraine oder Mali. Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako etwa schickt mit "Timbuktu" einen Film über die blutige Herrschaft der Dschihadisten ins Rennen.

Von Josef Schnelle | 18.05.2014

Ein schwarzer Mann mit kurzen grauen Haaren hat die Brille nach oben geschoben und drückt seine Finger in die Augen, um Tränen wegzuwischen.
Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako brach bei der Pressekonferenz in Cannes in Tränen aus. (dpa/picture alliance/Ian Langsdon)
Das Filmfestival von Cannes mag die wichtigste Bühne für Glanz und Glamour sein. Trotzdem sind alle Krisen und Kriege, die gerade stattfinden, mit Filmen vertreten. Das Festival gibt sich extrem politisch. Meist mit Dokumentarfilmen: zum Beispiel über die Maidan-Revolte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und über die Ereignisse in Syrien. Jede Menge aktueller Sondervorführungen.
In den Wettbewerb schaffte es ein Spielfilm über die islamistische Herrschaft in Mali, die 2013 von den Franzosen beendet wurde. Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako brach auf der Pressekonferenz in Tränen aus. "Timbuktu" heißt der afrikanische Film, der die blutige Herrschaft der fremden Dschihadisten schildert und doch alle Seiten zu ihrem Recht kommen lässt. Die Islamisten sind keine blutigen Draufgänger. Sie haben schon ihre Regeln, aber für den Viehhirten Kidane wird ihre Herrschaft zum Schicksal. Im Zorn über den Tod seiner Kuh, die die Kinder GPS nennen, hat er den Fischer am Fluss totgeschlagen. Das Blutgeld von 40 Kühen kann er nicht zahlen. Auch verzeiht die Familie des Opfers nicht. Inzwischen fahnden die bewaffneten Banden nach Musik, die verboten ist und nach allerlei Verstößen gegen die Scharia, die mit Peitschenhieben oder sogar Steinigung bestraft werden.
Trotz seines ernsten Themas hat dieser Film viel Poesie und sogar Humor. Wenn etwa die Jugendlichen mit Messi-Trikots und Zinedine-Zidane-Verehrung ein Fußballspiel ohne Ball zelebrieren oder wenn einer der Islamkämpfer, ein Zweifler, in einem (ebenfalls verbotenen) Tanz seinen Frust ausdrückt. Der Film ist bei aller Tragik eine Hommage an die Überlebenskräfte der einfachen Menschen und an ihre Liebe zum Leben, außerdem eine Rückkehr des afrikanischen Kinos mit seiner besonderen Erzählweise in das Festival von Cannes.
"Mr. Turner": Kein autobiografischer Film
Abderrahmane Sissako ist ein Neuling im Wettbewerb um die Goldene Palme. Natürlich stammen aber die meisten Filme von den üblichen Verdächtigen, von denen, die mit den meisten ihrer Filme schon im Wettbewerb von Cannes waren. Mike Leigh eröffnete den Reigen der Veteranen mit seiner Filmbiografie "Mr. Turner", in dem es um den epochalen Maler geht. Ein Auftritt. William Turner begrüßt das Hängungskomitee der Royal Academy. Bis unter die Decke hängen die Bilder. Turner macht sich lustig über John Constable mit seinen aufdringlichen Rot-Akzenten. Dann erfährt er: Eines seiner Werke hängt im Ante-Room, einem eher abgelegenen Vorraum. Im Mainstream der Malerei des beginnenden 19. Jahrhundert ist die fast abstrakte Malerei Turners noch nicht angekommen.
Mike Leigh schildert das Leben des Malers als nuancenreiches Fresko, nicht nur seine Auftritte in der Öffentlichkeit, auch sein merkwürdiges Verhältnis zu seiner devoten Haushälterin Hannah und sein Doppelleben mit Geliebter und Zimmer am Meer. Immer wieder zelebriert Leigh auch lustvoll Szenen, in denen Turner - gespielt von Timothy Spall - die Eigentümlichkeit seiner Malerei entdeckt, das spezielle Licht und die immer mehr verschwimmenden Konturen. Rastlos begibt er sich auf die Suche nach immer neuen Landschaftsmotiven. In seinem Leben ist er ein gar nicht so einfacher Typ, egozentrisch und oft schwer erträglich. Er grunzt und rülpst, ist mehr Urviech als Schöngeist.
Mike Leigh - sonst eher bekannt für den sozialen Realismus seiner Filme - begibt sich mit diesem opulenten Kostümfilm auf eine ganz spezielle filmische Reise in die Vergangenheit. Etwas Ähnliches hat er nur 1999 versucht mit dem Film "Topsy-Turvy" über die Vaudevillekünstler des 19. Jahrhunderts Gilbert and Sullivan. Die Goldene Palme hat er ja schon einmal gewonnen: 1996 mit "Secrets and Lies". Jetzt, mit 71 Jahren, könnte er noch einmal punkten. Sein Film ist jedenfalls ein ernsthafter Anwärter. Aber dass "Mr. Turner" ein wie auch immer gearteter autobiografischer Film sei, wies Mike Leigh in der Pressekonferenz weit von sich:
"Das ist er nicht. Es ist ein Film über einen der größten Maler aller Zeiten und den größten englischen Maler. Ein faszinierender Charakter und ein Mann, der wirklich ein Pionier war und ein revolutionärer Maler."