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StartseiteInterviewFinanzethiker: Variable Vergütungen fördern "System der Gier"17.09.2008

Finanzethiker: Variable Vergütungen fördern "System der Gier"

Thielemann fordert staatliche Regulierung der Finanzbranche

Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann hat angesichts der US-Finanzkrise von einem "System der Gier" gesprochen und eine Abschaffung der variablen Vergütungen bei Bankmanagern gefordert. Wenn es in Bankhäusern nur darum ginge, Cash zu generieren und dafür "große Boni" einzustreichen, ohne über die Folgen nachzudenken, sei die Gefahr groß, dass die nächste Blase bereits vor der Tür stehe, so Thielemann.

Ulrich Thielemann im Gespräch mit Mario Dobovisek

Hektik an der New Yorker Börse: "Man glaubt an das Wunder des Marktes." (AP)
Hektik an der New Yorker Börse: "Man glaubt an das Wunder des Marktes." (AP)
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US-Regierung rettet weltgrößten Versicherer AIG vor der Pleite

Mario Dobovisek: Wirtschaftskenner sprechen von einem Erdbeben, einem Tsunami, einer Tragödie. In jedem Fall ist die US-Finanzkrise eine Katastrophe, nicht nur für die Märkte in den Vereinigten Staaten. Die Notenbanken stützen weltweit die fallenden Aktienkurse mit Milliarden. Allein die US-Notenbank hilft dem angeschlagenen Versicherungsriesen AIG mit einem 85 Milliarden Dollar Kredit. Die Hilfsmaßnahmen greifen zum Teil. Zumindest fallen die Kurse an den Börsen vorläufig nicht weiter ins Bodenlose. Am Telefon mitgehört hat Ulrich Thielemann. Er ist Wirtschaftsethiker an der Universität in St. Gallen. Guten Tag, Herr Thielemann.

Ulrich Thielemann: Guten Tag!

Dobovisek: Die Ausmaße der Finanzkrise sind - wir haben es im Bericht gehört - offenbar noch lange nicht in ihrer vollen Breite absehbar. Täglich gibt es neue Hiobsbotschaften. Wer ist Schuld an der Krise, Herr Thielemann?

Thielemann: Ich möchte lieber von Verantwortung sprechen. Man sollte das auch nicht zu leicht einfach personalisieren. Ich spreche gerne davon, dass es die Gier ist, aber man muss es eben auch im richtigen Zusammenhang sehen. Es sind vor allen Dingen die Anreizsysteme, die die Gier der Beschäftigten in diesen Banken entfacht haben. Und das bedeutete folgendes: Ihr könnt machen was ihr wollt, aber ihr müsst Cash für uns generieren und ihr bekommt dafür große Boni, große variable Vergütungen, Anreize, wie man auch gerne sagt. Damit ist man eben Geschäfte eingegangen, die nicht nur einen selbst, sondern auch andere in Mitleidenschaft ziehen und die hoch riskant und auch gefährlich sind für andere, und dort liegt das Problem oder eines der Hauptprobleme.

Dobovisek: Ist das auch ein Stück weit die Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten seitens der Bänker, oder ist das dann tatsächlich klares Kalkül, vielleicht sogar kriminelle Energie?

Thielemann: Das fragt man sich ja von außen, weil es war eigentlich klar. Die Experten mussten wissen, dass die Blase irgendwann platzen wird, wobei im Hintergrund spielt meines Erachtens immer auch die Marktgläubigkeit. Man glaubt an das Wunder des Marktes. Die unsichtbare Hand wird es ja schon richten. Und es ist ja dann richtig, dass wir unseren eigenen Interessen folgen, weil die unsichtbare Hand das zum Wohl aller irgendwann mal hinbiegen wird, und das hat sich jetzt eben als falsch erwiesen.

Dobovisek: Aber genau diejenigen, die am lautesten von den Selbstheilungskräften des Marktes tönten, fordern jetzt das Eingreifen des Staates. Warum sollten wir als Steuerzahler für die Fehler einzelner Manager einstehen, und zwar in Milliarden-Höhe?

Thielemann: Ja, das ist ein Skandal. Aber die Situation ist eben da und man sagt "too big to fail", weil sonst die Realwirtschaft, wir alle auch, die wir ja dort eigentlich keine Verantwortung tragen, sonst zu sehr in Mitleidenschaft gezogen würden. Das kann man auch hinterfragen, aber im Grundsatz stimmt es offenbar. Das bedeutet aber, man muss jetzt die Weichen stellen, damit es nicht noch mal passiert.

Dobovisek: Wie kann man das tun?

Thielemann: Mein Vorschlag wäre ja, dass man das Problem an der Wurzel packt, und das heißt, den Anteil variabler Vergütungen begrenzt. Das hört sich vielleicht harmlos an, und was hat das damit zu tun, könnte man meinen. Aber damit würde sich der Geist innerhalb der Unternehmen deutlich verändern, weil dann nicht mehr nach der Karotte sozusagen, nach den Boni gelaufen wird, sondern dann professionell gearbeitet wird nach der Branche, in der man halt ist. Da spielen auch viele andere Gesichtspunkte eine Rolle.

Dobovisek: Sie, Herr Thielemann, wollen sozusagen Wirtschaftsbeamte?

Thielemann: Nein. Sind Sie Beamter, weil Sie keinen Bonus bekommen? Man muss sich das noch mal klar machen, was das bedeutet. Die sachliche Aufgabenerfüllung ist etwas ganz anderes als "die Sache ist vollkommen egal und wie gut ich sie mache ist auch vollkommen egal; Hauptsache es wird Cash generiert". Das ist ein falsches Verständnis von Marktwirtschaft.

Dobovisek: Aber was muss dort genau passieren? Wer sollte da eingreifen?

Thielemann: Vermutlich - und da sind sich die Experten einig -, der Ruf nach der Begrenzung der variablen Vergütung ist ja auch im Schwange. Es sieht aber wahrscheinlich so aus, dass die globale Wirtschaft, dass die Staaten innerhalb der globalen Wirtschaft das nicht selbst machen können, weil sie sonst ins Hintertreffen geraten. Das ist letztlich vermutlich nur möglich in einer globalen Anstrengung. Das wäre eine globale Regulierung des Marktes, aber der Markt ist eben global und wenn er nicht global reguliert wird, dann gilt dieses System der Gier, wenn man so will, was dann zu den Folgen führt, die wir im Moment beobachten, und andere haben dafür die Zeche zu zahlen.

Dobovisek: Nun ist das aber höchst menschlich. Der Mensch ist ein homo oeconomicus, ein Nutzenmaximierer. Was ist also daran verwerflich, wenn einzelne auf ihr eigenes Konto schauen und sagen, wenn es mir gut geht, dann sind die anderen egal?

Thielemann: Man sieht dabei - sorry, wenn ich das so offen sagen darf -, wie weit der Ökonomismus und die Marktgläubigkeit um sich greift. Man lernt ja in Ökonomiestudien eigentlich nichts anderes als "der Mensch ist ein homo oeconomicus". Blödsinn! Eigene Interessen zu verfolgen, ist legitim. Aber sie dürfen nicht die Maßgabe sein. Das ist der feine und wichtige Unterschied dabei. Da werden die Eigeninteressen der Akteure zur Maßgabe erhoben und daraus erfolgt eben nicht, wie wir doch im Moment deutlich sehen, das Wohl aller, sondern das führt dazu, dass man in solche Krisen schliddert.

Dobovisek: Sie sagen, Herr Thielemann, wir müssten jetzt global handeln. Fragen wir aber nach der Institution: Welche Institution hätte denn genügend Kraft, um das tatsächlich anzugehen?

Thielemann: Da müssen die Regierungen, die entsprechenden Finanzminister vielleicht, zusammenspannen, die Finanzbranche regulieren in ihrem Land und dann eben sagen, Leute, wir brauchen eine Regelung dahin gehend, dass nicht beliebige variable Vergütungen vergeben werden dürfen. Man muss ja sehen: die Legitimität dessen ergibt sich daraus, dass die Privatwirtschaft offenkundig nicht bloß private Wirkungen hat. Wenn das ein Spiel der Finanzmarktakteure unter sich wäre, okay. Dann kann man vielleicht Pech haben. Dann ist man Risiken eingegangen. So spricht man ja auch dann. Das kann halt passieren. Aber es ist ja nicht so. Es ist so, dass alle anderen auch in Mitleidenschaft gezogen werden, sei es über die Folgen dieser Krise, die wir noch gar nicht absehen können, einerseits, andererseits dadurch, dass Milliarden messende Steuermittel in die Branche gepumpt werden müssen.

Dobovisek: Braucht die Wirtschaft vielleicht ein Verhaltenskodex?

Thielemann: Ja, aber der Verhaltenskodex ist zu schwach. Man muss ja sehen: Ich gehe nicht davon aus, dass die Leute, die Akteure das unbedingt von sich aus wollen, sondern es geht darum, dass ihnen der Freiraum gegeben wird, so dass sie dann, wenn sie Skrupel haben, etwas zu tun, was eigentlich falsch wäre, sich nicht auf der Verliererstraße finden und nicht die Dummen sind. Es geht bloß darum.

Dobovisek: Dass die Finanzminister weltweit sich jetzt zusammensetzen und möglicherweise einen Fahrplan generieren, um eben solchen Krisen entgegenzusteuern, das klingt erst mal höchst unrealistisch, zumindest mittelfristig. Was passiert, wenn das nicht gelingt?

Thielemann: Wenn das nicht gelingt, werden wir in die nächste Krise schliddern. Dann wird die nächste Blase kommen. Das dauert dann wieder fünf, vielleicht zehn Jahre, so in der Größenordnung. Vielleicht geht es auch schneller. Vermutlich wird die nächste Blase sich im Ressourcen-Bereich bewegen. Davon haben wir ja schon eine deutliche Andeutung. Das gilt übrigens auch für die Nahrungsmittel.

Dobovisek: Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität von St. Gallen in der Schweiz. Vielen Dank für das Gespräch.

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