Meurer: Kursverluste an den Börsen. Sie treffen die deutsche Wirtschaft in einem Augenblick, da eigentlich die Konjunktur recht gefestigt gilt. Die Zahl der Arbeitslosen war von fünf auf etwa dreieinhalb Millionen zurückgegangen. Wie sehr gerät das jetzt möglicherweise in Gefahr? - Die Bundesregierung beruhigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel heute im Norddeutschen Rundfunk:
O-Ton Angela Merkel: "Die Bürger sollen auf gar keinen Fall jetzt in vorschnelle Reaktionen ausbrechen. Wir tun alles, um ein Stück Stabilität zu bringen. Wir können nicht alles auf der Welt beeinflussen - das müssen wir auch sagen -, aber es gibt keinen Grund, an eine Rezession in Europa oder in Deutschland irgendwie zu glauben oder das zu vermuten."
Meurer: Bundeskanzlerin Angela Merkel. - Mitgehört hat Professor Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Guten Tag Herr Scheide!
Scheide: Guten Tag!
Meurer: Teilen Sie die Auffassung der Kanzlerin, kein Anlass zur Unruhe?
Scheide: Es ist schwer, der Kanzlerin zu widersprechen. Ich teile das im Moment auch. Es herrscht im Moment sehr viel Nervosität an den Märkten. Es ist auch klar, dass die amerikanische Wirtschaft in Problemen ist. Dort droht möglicherweise eine Rezession. Aber selbst wenn es dazu kommt ist es nicht ausgemacht, dass Deutschland oder Europa auch in eine Rezession gerät. Ich glaube, wir sind noch ganz gut aufgestellt.
Meurer: Normalerweise gilt doch die US-Wirtschaft sozusagen als Leitwirtschaft. Warum sollten wir ungeschoren davon kommen, wenn es in den USA eine Rezession gibt?
Scheide: Wir werden nicht ungeschoren davon kommen. Das ist ganz klar. Es ist aber auch so, dass wir unsere Prognosen ja eigentlich schon zurückgenommen haben, weil wir eine schwache Entwicklung in den USA erwarteten. Wenn es jetzt dort zu einer Rezession kommt, dann läuft es noch etwas schlechter als gedacht, aber eigentlich ist es in vielen Prognosen ja schon enthalten, dass die amerikanische Konjunktur schwach läuft. Dort wird das Wachstum eine Zeit lang nahe null sein oder sogar zeitweise negativ sein. Das kann uns natürlich auch treffen und das wird uns auch berühren. Wir werden weniger exportieren und so weiter. Aber zu einer Rezession führt das alleine noch nicht.
Meurer: Wenn die Wirtschaftsforscher sozusagen schon vorausgesehen haben, was in den USA passieren könnte, welche Folgen das hat und dies einberechnet haben, warum spielt dann die Börse verrückt?
Scheide: Es kann sein, dass einige Dinge noch nicht aufgedeckt sind. Ich denke da an die Bankenbilanzen. Hier wird ja demnächst noch mal Farbe zu bekennen sein. Wir wissen noch nicht genau, wie stark die Banken involviert sind, wie stark die Abschreibungen vorgenommen werden müssen. Das ist alles unsicher und hier gibt es ja nach und nach immer wieder Hiobsbotschaften, die die Märkte noch mal wieder beunruhigen können. Das wird wohl eine Zeit lang noch so weiter gehen. Deshalb wird die Nervosität an den Märkten wohl noch eine Zeit lang erhalten bleiben. Ansonsten gibt es aber aus fundamentaler Sicht eigentlich keinen Grund, dass die Börsen nun weltweit abstürzen. Eigentlich ist die Weltwirtschaft ganz gut aufgestellt. Natürlich ist es sicher, dass die Weltwirtschaft nicht mehr so stark wächst wie in den vergangenen Jahren. Das war ein exorbitant hohes Wachstum. Wir können aber immer noch mit einem guten Wachstum in der Weltwirtschaft in diesem und im nächsten Jahr rechnen.
Meurer: Gehen Börsenkurse und Wirtschaftswachstum Hand in Hand?
Scheide: Das geht nicht immer Hand in Hand, schon gar nicht von Tag zu Tag. Manchmal reagieren die Märkte eben auch sehr stark. Es kann auch dann wieder sehr leicht zu Gegenreaktionen kommen. Das haben wir immer wieder erlebt. Zum Beispiel war es so: vor einem Jahr gab es weltweit eine Erschütterung, als Alan Greenspan eine Rezessionsbefürchtung für die USA geäußert hatte, da gingen alle Börsen weltweit in die Knie. Das hat man heute schon wieder fast vergessen, weil die Kurse danach wieder sehr stark gestiegen sind. Es kann also sein, dass es nur eine Eintagsfliege ist, aber es ist noch nicht ganz sicher, dass es tatsächlich so sein wird.
Meurer: Wenn es in den USA tatsächlich ein Null-Wachstum gibt, was bedeutet das für die deutsche Exportwirtschaft?
Scheide: Die deutschen Exporte werden etwas langsamer steigen als in den vergangenen Jahren. Damit war ohnehin zu rechnen. Aber noch einmal: Wir rechnen jetzt in den USA nicht mit einem markanten Abschwung, mit einer richtigen Rezession, wie wir sie sagen wir in den 70er oder 80er Jahren erlebt haben, als das Bruttoinlandsprodukt mehrere Quartale deutlich fiel. Es wird in den USA eine sehr leichte Rezession wenn überhaupt geben und da werden die Auswirkungen doch sehr begrenzt sein.
Meurer: Wann werden wir das Ende der Talfahrt an den Börsen erreicht haben?
Scheide: Das würde ich auch gerne wissen. Dann könnte ich sehr viel Geld verdienen. Ich kann mich an solchen Spekulationen nicht beteiligen. Es kann sein, dass es diese Woche vorbei ist, aber eigentlich wird es wie gesagt so sein, dass die Nervosität erhalten bleibt. Das heißt, wir werden noch eine Zeit lang Kursschwankungen in die eine oder andere Richtung sehen, denn es kommen immer wieder Meldungen, die negative oder positive Signale auslösen können. Das sind entweder Konjunkturdaten, Handlungen der Notenbanken und Meldungen aus Banken und so weiter. All das kann die Märkte noch beunruhigen.
Meurer: Joachim Scheide war das vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Herr Scheide, schönen Dank und auf Wiederhören!
Scheide: Ich danke auch. Auf Wiederhören!
O-Ton Angela Merkel: "Die Bürger sollen auf gar keinen Fall jetzt in vorschnelle Reaktionen ausbrechen. Wir tun alles, um ein Stück Stabilität zu bringen. Wir können nicht alles auf der Welt beeinflussen - das müssen wir auch sagen -, aber es gibt keinen Grund, an eine Rezession in Europa oder in Deutschland irgendwie zu glauben oder das zu vermuten."
Meurer: Bundeskanzlerin Angela Merkel. - Mitgehört hat Professor Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Guten Tag Herr Scheide!
Scheide: Guten Tag!
Meurer: Teilen Sie die Auffassung der Kanzlerin, kein Anlass zur Unruhe?
Scheide: Es ist schwer, der Kanzlerin zu widersprechen. Ich teile das im Moment auch. Es herrscht im Moment sehr viel Nervosität an den Märkten. Es ist auch klar, dass die amerikanische Wirtschaft in Problemen ist. Dort droht möglicherweise eine Rezession. Aber selbst wenn es dazu kommt ist es nicht ausgemacht, dass Deutschland oder Europa auch in eine Rezession gerät. Ich glaube, wir sind noch ganz gut aufgestellt.
Meurer: Normalerweise gilt doch die US-Wirtschaft sozusagen als Leitwirtschaft. Warum sollten wir ungeschoren davon kommen, wenn es in den USA eine Rezession gibt?
Scheide: Wir werden nicht ungeschoren davon kommen. Das ist ganz klar. Es ist aber auch so, dass wir unsere Prognosen ja eigentlich schon zurückgenommen haben, weil wir eine schwache Entwicklung in den USA erwarteten. Wenn es jetzt dort zu einer Rezession kommt, dann läuft es noch etwas schlechter als gedacht, aber eigentlich ist es in vielen Prognosen ja schon enthalten, dass die amerikanische Konjunktur schwach läuft. Dort wird das Wachstum eine Zeit lang nahe null sein oder sogar zeitweise negativ sein. Das kann uns natürlich auch treffen und das wird uns auch berühren. Wir werden weniger exportieren und so weiter. Aber zu einer Rezession führt das alleine noch nicht.
Meurer: Wenn die Wirtschaftsforscher sozusagen schon vorausgesehen haben, was in den USA passieren könnte, welche Folgen das hat und dies einberechnet haben, warum spielt dann die Börse verrückt?
Scheide: Es kann sein, dass einige Dinge noch nicht aufgedeckt sind. Ich denke da an die Bankenbilanzen. Hier wird ja demnächst noch mal Farbe zu bekennen sein. Wir wissen noch nicht genau, wie stark die Banken involviert sind, wie stark die Abschreibungen vorgenommen werden müssen. Das ist alles unsicher und hier gibt es ja nach und nach immer wieder Hiobsbotschaften, die die Märkte noch mal wieder beunruhigen können. Das wird wohl eine Zeit lang noch so weiter gehen. Deshalb wird die Nervosität an den Märkten wohl noch eine Zeit lang erhalten bleiben. Ansonsten gibt es aber aus fundamentaler Sicht eigentlich keinen Grund, dass die Börsen nun weltweit abstürzen. Eigentlich ist die Weltwirtschaft ganz gut aufgestellt. Natürlich ist es sicher, dass die Weltwirtschaft nicht mehr so stark wächst wie in den vergangenen Jahren. Das war ein exorbitant hohes Wachstum. Wir können aber immer noch mit einem guten Wachstum in der Weltwirtschaft in diesem und im nächsten Jahr rechnen.
Meurer: Gehen Börsenkurse und Wirtschaftswachstum Hand in Hand?
Scheide: Das geht nicht immer Hand in Hand, schon gar nicht von Tag zu Tag. Manchmal reagieren die Märkte eben auch sehr stark. Es kann auch dann wieder sehr leicht zu Gegenreaktionen kommen. Das haben wir immer wieder erlebt. Zum Beispiel war es so: vor einem Jahr gab es weltweit eine Erschütterung, als Alan Greenspan eine Rezessionsbefürchtung für die USA geäußert hatte, da gingen alle Börsen weltweit in die Knie. Das hat man heute schon wieder fast vergessen, weil die Kurse danach wieder sehr stark gestiegen sind. Es kann also sein, dass es nur eine Eintagsfliege ist, aber es ist noch nicht ganz sicher, dass es tatsächlich so sein wird.
Meurer: Wenn es in den USA tatsächlich ein Null-Wachstum gibt, was bedeutet das für die deutsche Exportwirtschaft?
Scheide: Die deutschen Exporte werden etwas langsamer steigen als in den vergangenen Jahren. Damit war ohnehin zu rechnen. Aber noch einmal: Wir rechnen jetzt in den USA nicht mit einem markanten Abschwung, mit einer richtigen Rezession, wie wir sie sagen wir in den 70er oder 80er Jahren erlebt haben, als das Bruttoinlandsprodukt mehrere Quartale deutlich fiel. Es wird in den USA eine sehr leichte Rezession wenn überhaupt geben und da werden die Auswirkungen doch sehr begrenzt sein.
Meurer: Wann werden wir das Ende der Talfahrt an den Börsen erreicht haben?
Scheide: Das würde ich auch gerne wissen. Dann könnte ich sehr viel Geld verdienen. Ich kann mich an solchen Spekulationen nicht beteiligen. Es kann sein, dass es diese Woche vorbei ist, aber eigentlich wird es wie gesagt so sein, dass die Nervosität erhalten bleibt. Das heißt, wir werden noch eine Zeit lang Kursschwankungen in die eine oder andere Richtung sehen, denn es kommen immer wieder Meldungen, die negative oder positive Signale auslösen können. Das sind entweder Konjunkturdaten, Handlungen der Notenbanken und Meldungen aus Banken und so weiter. All das kann die Märkte noch beunruhigen.
Meurer: Joachim Scheide war das vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Herr Scheide, schönen Dank und auf Wiederhören!
Scheide: Ich danke auch. Auf Wiederhören!
