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Finnische Kinder- und Jugendliteratur
Innovative Märchen und Mythen

Was die finnischen Kinder- und Jugendbücher auszeichnet, ist ihre erfrischende Innovationslust, die sich oft auf interessante Weise mit ihrem ausgeprägten Traditionsbewusstsein paart. Viele Autoren verstehen es auch meisterhaft, Text und Illustration aufeinander abzustimmen.

Von Angela Gutzeit | 27.09.2014

Muminmama und Muminpapa bei einer Theateraufführung im Vergnügungspark Mumin-Welt in Naantali in Finnland. In diesem Freizeitpark können große und kleine Besucher die Welt der Mumins entdecken, die von der dänischen Schriftstellerin Tove Jansson erdachten wurden.
Die wohl bekanntesten Figuren der finnischen Kinder- und Jugendliteratur sind die Mumins. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)
Lieder, Sagen, Märchen, Geschichten - die Länder des hohen Norden Europas haben eine reiche Erzähltradition und nicht selten steht am Anfang ein Ursprungsepos, das zum Mythos verdichtet das Nationalbewusstsein stärkte. Bei den Isländern sind es die Islandsagas, bei den Finnen das "Kalevala", eine Heldenerzählung, die Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert auf seiner 20.000-Kilometer-Reise durch Karelien zusammentrug. Ihre Spuren reichen bis in die heutige moderne Dichtung und Prosa. Nun sollte man ihren Einfluss auch nicht überschätzen. Aber ganz offensichtlich hat die Neigung insbesondere der Kinder- und Jugendbuch-Autoren Finnlands ihre Geschichten mit mythischen, märchenhaften und fantastischen Elementen zu durchweben, viel mit diesem Grundstein der finnischen Literatur zu tun.
Natürlich arbeitet die Kinder- und Jugendliteratur immer schon und überall gern mit Märchen und Mythen. Aber was die Finnen auszeichnet, das ist ihre erfrischende Innovationslust, die sich oft auf interessante Weise mit ihrem ausgeprägten Traditionsbewusstsein paart. Mauri Kunnas zum Beispiel hat eine unterhaltsame wie lehrreiche Bilderbuchreihe entworfen, in der Hunde die Welt- und Literaturgeschichte erklären. In ausgefeilter Text-Bildgestaltung und mit viel Witz werden in diesen Büchern das Nationalepos Kalevala, Geschichten über Robin Hood oder über die Wikinger präsentiert. Der 1950 in Vammala geborene Mauri Kunnas ist als Comiczeichner und Karikaturist weit über die Grenzen Finnlands bekannt. Die finnische Sprachlektorin Heidi Viherjuuri am Institut für Skandinavistik und Finnistik an der Uni Köln ergänzt:
"Ja, Kalevala ist immer noch wichtig. Da kommen viele Beeinflussungen von Kalevala, zum Beispiel so eine Fantasy-Serie von Timo Parvela. Da gibt es eigentlich zwei: ‚Tulitera' und ‚Sammon Vartijat'. Die sind beide für die Mythen von Kalevala begründet. Insofern Kalevala hat vielleicht eine kleine Renaissance."
Kultstatus in Finnland
Der eben genannte Timo Parvela, Jahrgang 1964, ein ehemaliger Grundschullehrer, hat für seine Fantasy-Trilogie, die in Finnland zwischen 2007 und 2009 erschien, das Kalevala als inhaltlichen Ausgangspunkt gewählt. Das Interessante daran ist, dass Parvela hier Erzählkonzepte entwickelt, die nicht nur eine Verbindung schaffen zwischen Tradition und Moderne, sondern auch der Fantasy-Literatur neue Möglichkeiten eröffnen. Bekannt geworden ist Timo Parvela bei uns mit seinen Ella-Büchern. Die Grundschülerin Ella erzählt hier aus ihrem turbulenten Schulalltag. Erschienen sind in diesem Jahr in deutscher Übersetzung die Bände "Ella und ihre Freunde außer Rand und Band" und "Ella und der Millionendieb". Im letztgenannten Buch geht es um einen zufällig gefundenen Lottoschein und das Bemühen der Kinder, ihn einzulösen, um an den Millionengewinn zu gelangen. Zur Spannungsdramaturgie gehört natürlich, dass zwischendurch der Schein verschwindet.
"Wir müssen systematisch vorgehen", sagte Timo, der die verrücktesten Wörter kennt. "Wer nicht systematisch vorgeht, läuft Gefahr, die Heunadel im Steckhaufen zu suchen." Wir nickten, weil wir das natürlich nicht wollten, schon weil wir gar nicht wussten, wie eine Heunadel aussah.
"Statt über Orte sollten wir lieber über mögliche Verdächtige nachdenken", fuhr Timo mit düsterer Miene fort. Mir fiel die Kinnlade herunter. Verdächtige - das hörte sich ja schrecklich an. Und schrecklich erwachsen. "Erst haben wir den Schein der Blumentante gezeigt", erinnerte sich Hanna. "Der Zeitschriftenonkel hat uns das mit dem Gewinn erklärt", erinnerte sich Tiina. "Die zwei Onkel von der Lottogesellschaft haben vielleicht erraten, warum wir wirklich dort vorbeigekommen sind", sagte ich. "Und wir haben alles dem Vertretungslehrer erzählt", sagte Timo düster. "Aber da war der Schein schon verschwunden", sagte ich. "Stimmt", sagte Timo. "Aber er kann den Schein auch schon vorher gestohlen und hinterher nur so getan haben, als wüsste er von nichts. Vergesst nicht, dass er die Million für seinen Riesengarten gut gebrauchen kann."
Die Ella-Bücher haben in Finnland Kultstatus, was durchaus nachvollziehbar ist, da Parvela hier ein Feuerwerk des Wortwitzes und der Situationskomik entfacht.
Vorbild Tove Jansson
Viele finnische Kinderbuch-Autoren - wie Mauri Kunnas - verstehen es meisterhaft, Text und Illustration aufeinander abzustimmen. Stilbildend wirkte in dieser Hinsicht die finnisch-schwedische Künstlerin und Schriftstellerin Autorin Tove Jansson. In diesem Jahr wäre die Schöpferin der Mumin-Bücher 100 Jahre alt geworden. Die Mumins sind nilpferdartige Trolle mit Schwanz, dicker Schnauze und einem kompakten Körper. Auch Tove Jansson hatte sich also der nordischen Mythologie bedient. Aber seine ursprünglichen Eigenschaften als eher unheimliches Fabelwesen hat der Troll bei der Künstlerin vollkommen abgelegt. Hören wir doch einmal hinein in das Hörbuch "Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft", unnachahmlich vorgetragen von dem früh verstorbenen Dirk Bach.
(Einspielung: Hörbuch "Mumins")
Die Mumins in ihren insgesamt neun Büchern, die von 1945 an erschienen, sind äußerst freundliche Gesellen, die im Mumin-Tal in friedlicher Gemeinschaft mit anderen skurrilen Gestalten leben, aber natürlich viele Abenteuer erleben. Die Mumin-Figur entwickelte Tove Jansson schon sehr früh, bevor überhaupt die Idee zu den Büchern entstand. Sie tauchte bereits in den 30er Jahren als Signatur in ihren politischen Karikaturen auf. Finnland war bekanntlich einst Teil Schwedens, dann Russlands. Erst 1917 wurde das Land unabhängig. Im Zweiten Weltkrieg befand es sich in reichlich ungemütlicher Position zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland, mit dem es bis 1944 kooperierte. Tove Jansson aber lehnte beide Diktaturen ab. Ihre radikalen und angriffslustigen Anti-Hitler- und in etwas abgemilderter Form auch Anti-Stalin-Karikaturen in den großen finnischen Zeitungen zeugten nicht nur von Mut und humaner Gesinnung, sondern belegten auch ihr großes zeichnerisches Talent.
Das alles ist nachzulesen in der kenntnisreichen wie unterhaltsamen Tove-Jansson-Biografie der finnischen Kunsthistorikerin Tuula Karjalainen. Das Buch ist gerade im Verlag Urachhaus erschienen. Es erzählt von der engen Beziehung zur Mutter, vom Unglück mit den Männern und dem fast 50 Jahre währenden Glück in der Lebensgemeinschaft mit der Künstlerin Tuulikki Pietila. Und es zeigt die vielen Facetten und künstlerischen Begabungen der Tove Jansson. Auch wenn es die Wissenschaftlerin etwas anders sieht, Tove Jansson war keine bedeutende Malerin, sondern eine großartige Zeichnerin und Karikaturistin. Dass die Mumins schließlich ihr gesamtes Werk in den Schatten stellten, hat sie bedrückt. Andererseits genoss sie den internationalen Ruhm, den ihr die Mumin-Bücher und die Mumin-Comicstrips für eine englische Zeitung bescherten. Insgesamt 120 Zeitungen veröffentlichten schließlich ihre Comic-Serien mit den lustigen Trollen.
Tove Jansson, finnische Künstlerin, mit ihren Mumin-Figuren im Jahr 1956.
Tove Jansson mit ihren Mumin-Figuren im Jahr 1956. (dpa / picture-alliance / Lehtikuva Reino Loppinen)
Trotz dieses Erfolgs, in Deutschland zum Beispiel blieb Tove Jansson weitgehend unbekannt, abgedrängt von ihrer großen schwedischen Zeitgenossin und Nobelpreisträgerin Astrid Lindgren, wie die Skandinavistin Judith Meurer-Bongardt von der Uni Bonn bestätigt.
"Ja, das ist eigentlich ganz schade, weil Tove Jansson und Astrid Lindgren gehören ja derselben Generation an und sind eigentlich auch aus demselben Milieu erwachsen. Sie haben ja auch viele Einflüsse des Modernismus, der dann in Skandinavien sehr groß war in der Zwischenkriegszeit. Da ist Tove Jansson eigentlich auch viel radikaler und innovativer - gerade, was die ästhetischen Mittel betrifft - als Astrid Lindgren gewesen. Vielleicht zu radikal auch. Das dauert ja immer eine Weile, bis das Publikum solche Einflüsse überhaupt aufnimmt."
Berührende Einblicke in die Seelenzustände ihrer kleinen Helden
Tove Jansson schuf eben keine niedlichen Kinderbuch-Illustrationen, die für sich stehen, sondern ließ Text und Bild miteinander korrespondieren. Denn auch ihre Zeichnungen, meist in schwarz/weiß, zunehmend auf wenige Striche und Schraffuren reduziert, erzählen Geschichten, fangen komplexe Familien- und Freundesbeziehungen ein und geben dem Betrachter auf berührende Weise Einblick in die Seelenzustände ihrer kleinen Helden. Die Comic-Kunst hat sich von dieser Gestaltungsweise viele Anregungen holen können. Judith Meurer Bongardt:
"Also, es ist, glaube ich, schon so, dass diese Zeichnungen von Tove Jansson und dieses Spiel mit Text und Bild etwas ist, was man wiederfindet und zwar nicht nur in der finnischen, sondern eben in der gesamtskandinavischen Literatur, vor allen Dingen in der schwedischen, weil in Schweden ist Tove Jansson aufgrund der Sprache schon viel rezipiert wurde."
Die Schriftstellerin Hannele Houvi, um nun zur aktuellen finnischen Kinder- und Jugendliteratur zu kommen, hat es zwar nicht mit den Trollen. Aber dafür bevölkern andere fantastische und märchenhafte Wesen ihre preisgekrönten Bücher. In ihrem jetzt bei Hanser erschienenen Jugendbuch "Die Federkette" sind es beispielsweise sprechende Vögel und launische Hexen. Aber es tritt noch ein Element hinzu, das nicht nur in finnischen Büchern verbreitet ist - das Dystopische. In Finnland, so hört man auch von Finnen immer wieder, stimmen die langen, dunklen Winter schwermütig. Aber davon abgesehen, die düstere Sicht auf das Zusammenleben und die Zukunft der Menschen in Jugendbüchern ist durchaus ein zeittypisches und sehr verbreitetes Phänomen.
In Hannele Houvis Buch "Die Federkette" wird gleich im ersten Kapitel deutlich, dass es um das menschliche Dasein schlecht bestellt ist.
"Die große Stadtmauer war eingestürzt. Aus den Ruinen stieg Rauch. In der Dunkelheit sah ich, dass noch Wände von Häusern standen. In einer Fensteröffnung flackerte Licht, das beruhigte mich: Auch hier in den Außenbezirken musste es noch Menschen geben. Als ich über die Trümmer eines Hauses auf die Straße kletterte, trat ich Ziegel los, die unter mir auf die gepflasterte Straße krachten. Das Krachen und meine Schritte waren die einzigen Geräusche in der Dunkelheit. In einer Fensteröffnung flatterte ein Vorhang. Die Schatten näherten sich jetzt schon dem Loch in der Mauer. In den letzten Monaten hatte ich gelernt, die Zähne zusammenzubeißen, aber meine vom Buckel und den ungleich langen Beinen verursachte schlechte Haltung bereitete mir von Tag zu Tag größere Schmerzen. Trotzdem muss ich in der Welt, wie sie jetzt ist, klarkommen, dachte ich. (...) Wieder bewegten sich die Schatten, und ich begann zu rennen. (...) Die aus rohen Balken und Brettern gezimmerte Bühne stand noch, das sah ich, als ich in die Gasse einbog (...). Ich sprang auf die Bühne und schlüpfte durch die Lücke im roten Samtvorhang. Hinter mir schloss ich die Lücke wieder. "Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren, Doppelgesicht!", sagte ich zu mir selbst. (...) Ich traf mit zitternden Händen meine Vorbereitungen. (...) Dann zog ich die roten Vorhänge auf. Ich war dort."
Mit fantastischen Einfällen gespickte Zauberwelt geschaffen
In dieser Geschichte gibt es zwei junge Ich-Erzählerinnen, ein Mädchen mit Namen Eleisa und ein Mädchen namens Doppelgesicht. Und - es gibt zwei Welten, die der Menschen und die der Vögel. Da wo in der Menschenwelt Krieg und Feindschaft herrschen, lösen sich die Schatten von den Menschen und bilden ein immer bedrohlicher auftretendes Heer.
Doppelgesicht stammt aus einer Theaterfamilie. Die Vogelwelt, die die Autorin entwirft, ist eine mystische Gegenwelt. Den Vögeln wird Weisheit zugesprochen, aber, wie sich zeigt, ist auch ihr Reich kein Paradies. Beiden Mädchen ist die Fähigkeit der Grenzüberschreitung eigen. So versteht Eleisa die Sprache der Vögel. Als sie durch einen Zufall die Schwelle in das Land der Vögel übertritt, verletzt sie einen jungen Falken und wird zur Strafe mit einer Federkette mit ihm zusammengebunden. Doppelgesicht hilft ihr fortan, diesen Zauber zu lösen - nicht zuletzt mithilfe der Kraft ihres magischen Theaterspiels. Auf diese Magie der Kunst angesprochen, sagte Hannele Houvi:
"Ja, also, was ich damit ausdrücken wollte war, dass unsere Fantasie uns eine eigene Welt schafft, und dabei kann eben Theater oder Kunst im Allgemeinen behilflich sein, sodass wir uns einen eigenen Platz schaffen, in dem wir frei agieren können."
Hannele Houvi, die für ihre zahlreichen Bücher mehr als 35 Literaturpreise erhielt, hat hier eine mit fantastischen Einfällen gespickte Zauberwelt geschaffen, eine parabelhafte Geschichte über Missbrauch und Faszination von Macht, über Barbarei und über die Schwierigkeit, sich aus diesen Fesseln zu lösen. Die Idee zu diesem Buch, das am Schluss zwar Hoffnung zulässt, aber mit Bedacht die Zukunft offenlässt, kam Houvi, leider, muss man in diesem Fall wohl sagen, in Deutschland.
"Also, ich war in Berlin bei den Märchentagen und als ich auf der Suche nach dem Sightseeing-Bus war, geriet ich in eine Demonstration. Da trafen Nazis und Anarchisten aufeinander und die ganze Atmosphäre war voll Hass und Angst und Chaos, sodass ich im Moment dachte, die Leute haben den eigenen Schatten verloren ..."
Besonders angesagt: Ökokritizismus
Gewalt in der Gesellschaft, im Elternhaus, das Leben in einer Patchwork-Familie, Homosexualität - diese Themen, so sagen die beiden Skandinavistinnen Heidi Viherjuuri und Judith Meurer-Bongardt im Gespräch, hätten die Schweden zwar viel früher aufgegriffen, aber die finnischen Autoren hätten aufgeholt, zum Teil mit sehr schrägem Witz wie zum Beispiel Siri Kolu in einer ihrer Räubergeschichten, die vom Kidnapping handelt. Besonders angesagt sei zurzeit aber auch das Thema Ökokritizismus, also die Frage nach der Macht des Menschen über die Natur und wie er sie zu seinem eigenen Schaden misshandelt.
Das Verhältnis von Mensch und Natur ist allerdings kein neues Thema. Es ist der finnischen Literaturgeschichte geradezu eingeschrieben. Seit der frühen Volksdichtung ist die Natur - oft in mythischer oder symbolhafter Gestalt - im menschlichen Dasein machtvoll präsent. Gewandelt hat sich die Problemlage: Der Mensch verändert durch sein Wirken die Natur und wird der Folgen nicht mehr Herr.
Genau dieses Thema hat die Schriftstellerin Emmi Itäranta in ihrem Roman "Der Geschmack von Wasser" aufgegriffen. Auch eine Dystopie, die aber alles Märchenhafte meidet. Auch Witz und Ironie haben in dieser harten Geschichte über den Kampf um das Wasser und ums Überleben keinen Platz. Die Welt, die die 1976 in Tampere geborene Autorin in ihrem Romandebüt erzählt, ist eine düstere Welt nach unserer Zeit: Durch die Erderwärmung erzeugte Umweltkatastrophen haben ganz Japan verschwinden lassen. Die Kontinente haben sich verschoben. Finnland steht - wie die gesamte Skandinavische Union - unter der diktatorischen Militärherrschaft Chinas. Man braucht als Leser eine Weile, um diese neuen geografischen Verhältnisse nachvollziehen zu können, und nicht alle Zutaten dieses dystopischen Entwurfs überzeugen. Aber zunächst: Warum hat Itäranta überhaupt für ihr Thema dieses Genre gewählt?
"Das Katastrophische bietet für Schriftsteller und Filmemacher sehr viel Material. Das zwingt die Menschen aus ihrer normalen Gewohnheit auszubrechen und sehr, sehr wichtige Entscheidungen zu treffen. Und daraus kann man natürlich sehr gut eine Geschichte spinnen. Aber andererseits interessiert mich persönlich dieses Hauptthema, das im Buch sehr wichtig ist, der Klimawandel, natürlich sehr. Ich finde auch, dass dagegen zu wenig unternommen wird. Man sollte sich die Gefahr doch bewusster machen."
Ton der traurigen Vergeblichkeit
Zum Inhalt: Noria und ihre Eltern sind aus dem untergegangenen Japan nach Finnland geflohen. Der Vater ist Meister der Teezeremonie, deren Kunst er an seine Tochter weitergibt. Die Mutter ist Wissenschaftlerin. Von der alten Welt ist nicht viel übrig geblieben. Die Menschen leben mit Sonnenergie, Leuchtkäferlampen und seltsamen handyähnlichen Pods. Das Wasser wird zugeteilt. Wer sich illegal Wasser besorgt, wird hingerichtet. Und so nehmen die Dinge ihren tragischen Verlauf, als der Vater eine Quelle entdeckt, die er für seine heiligen Teezeremonien nutzt und schließlich auch den Dorfbewohnern offenbart. Das Militär kommt ihm bald auf die Spur. Dieses Buch hat etwas sehr Elegisches, da Itäranta ihre Heldin Noria als Teemeisterin auf die Seite der Tradition stellt, sie aber von den Wurzeln dieser Tradition, das heißt von der Welt vor der Katastrophe bis auf schwer deutbare Reste und Zeichen abschneidet. Die Spannung, die dadurch entsteht, erzeugt einen Ton der traurigen Vergeblichkeit.
"Ich stelle mir einen Menschen der alten Zeit vor, wie er an dem Fluss steht, der jetzt nur noch eine trockene Narbe in der Landschaft ist, eine Frau, nicht jung und nicht alt, oder vielleicht ein Mann, es spielt keine Rolle. Die Haare dieses Menschen sind hellbraun, und er schaut auf das vorüberfließende Wasser, das damals vielleicht schlammig war, vielleicht aber auch klar, und etwas dringt plötzlich in seine Gedanken ein. Ich möchte mir vorstellen, dass er sich dann umdreht und nach Hause geht und wenigstens eine Sache an dem Tag anders macht, weil er nach dem, was er plötzlich vor sich gesehen hat, nicht anders kann. (...) Doch dann sehe ich den Menschen noch einmal, und er ist ein anderer, einer der sich umdreht und nichts anderes macht, und ich weiß nicht, welcher von beiden wirklich ist ..."
Mit dem Element des Wassers verbinden sich Leben und Tod. Gehen wir mit unserem Planeten nicht pfleglich um, so will die finnische Schriftstellerin wohl sagen, versiegen alle Quellen. So ist der Tod als schemenhafte Figur in Itärantas bedrückendem Roman ein ständiger Begleiter ihrer Protagonisten. Eigentlich soll nicht zu viel verraten werden. Aber diese kritische Anmerkung muss doch sein: Warum am Schluss die Figuren, die die Tradition verkörpern, untergehen, wogegen denen, die für die Wissenschaft stehen, wie die Mutter, das Potenzial für eine vielleicht doch noch lebenswerte Zukunft zugetraut wird, dafür lässt sich keine plausible Begründung finden. Trotzdem Respekt für diesen Roman-Erstling und seinen komplexen Entwurf einer hoffentlich niemals Wirklichkeit werdenden Welt.
"Finnish Weird"
In Anlehnung an die mit "Nordic Noir" bezeichneten skandinavischen Krimis kreierte die finnische Science Fiction- und Fantasy-Autorin Johanna Sinisalo den Begriff "Finnish Weird". Dieser Begriff steht für die Neigung junger finnischer Autoren, Schreibtraditionen wie Fantasy, Horror, Surrealismus, Folklore, Mythen miteinander zu vermischen. Die finnische Literaturexpertin Maria Antas meinte dazu kürzlich, dass sich diese Geschichten nicht selten in realistischen Umgebungen bewegten, aber auf eigentümliche Weise bizarr seien. Das ist eine gute Beschreibung vielleicht weniger für Itärantas dystopische Geschichte "Der Geschmack des Wassers" als für Seita Vuorelas Jugendroman "Wir fallen nicht".
Die 1971 geborene Autorin arbeitet hier mit Mitteln des magischen Realismus und mit Fantasy-Elementen. Aber zunächst spielen diese kaum eine Rolle. Der Handlungsverlauf wirkt erst einmal ganz realistisch: Angedeutet wird zu Beginn, dass sich ein schrecklicher Unfall ereignet haben muss. Der Freund des jungen Mitja ist von einem Silo-Dach gestürzt. Mitja erzählt davon. Er war dabei und fühlt sich schuldig am Tod des Freundes. Erst als Mitja mit seinem Bruder Wladimir und seiner Mutter sich auf eine Urlaubsreise zu einen Campingplatz am Meer begibt, der als Land's End oder auch als "letzter Hafen" bezeichnet wird; erst als er dort einem Mädchen in einem weißen Kleid begegnet und weiteren Jungen, die am Strand ein merkwürdig eigenständiges und wildes Leben führen - dann erst wird deutlich, Mitja ist tot und nicht etwa sein Freund. Mitja und auch einige der anderen Jungen am Strand begreifen erst nach und nach, dass sie nicht mehr zu dieser Welt gehören und dass am Schluss eine Fähre auf sie wartet.
"Auf eine bestimmte Art und Weise glaubte ich dem Mädchen, denn vieles, was sie sagte, schien mir wahr zu sein. Zum Beispiel über die Erinnerung, die immer mehr verblasste, denn genau das hatte ich auch erlebt. Die Wochen, bevor ich an den Strand gekommen war, die letzten Jahre, die Zeit ganz allgemein blich aus, bekam Risse, zerfiel und verschwand. An diesem Strand verblassten die Erinnerungen wie ein T-Shirt nach Dutzenden von Wäschen. Wie ein Graffiti im Regen. Wie die Farben auf einem alten Foto. Plötzlich konnte man sich kaum noch an die ursprünglichen Farben erinnern, an die Einzelheiten. Und wenn man etwas verloren hatte, vermisste man es nicht lange."
Auf Messers Schneide
Seita Vuorelas Geschichte handelt vom Abschiednehmen eines toten Kindes von seinen liebsten Menschen und diese müssen sich auch von ihm lösen. Die Autorin balanciert dabei auf Messers Schneide. Denn in einem Trauerbuch - und das ist es ganz offensichtlich - lauert immer die Gefahr, in sentimentalen Kitsch abzustürzen. Dass sie diese Gratwanderung meistert, liegt an Vuorelas Vermögen, sprachlich, aber auch durch geschickte Perspektivwechsel eine imaginäre Zwischenwelt zu schaffen, die aber mit der Realität verbunden bleibt. Es ist zu spüren, dass die Autorin dieses Buch mit Herzblut geschrieben hat.
Wenn am Anfang davon die Rede war, dass die finnische Kinder- und Jugendliteratur sich zwar oft der Mythen, Sagen und Märchen bedient, diese aber immer wieder auf kreative Weise mit anderen Genres kreuzt, dann ist die Kriminalgeschichte "So rot wie Blut" der 1981 geborenen Salla Simukka ein treffendes Beispiel. Die junge Autorin schreibt an einer sogenannten "Lumikki"-Trilogie und dieses Buch ist der erste Teil. Lumikki heißt "Schneewittchen" und ist der Name der jungen Protagonistin, die zusammen mit zwei Klassenkameraden einen Mord aufklärt. Das Opfer, eine junge Frau, wird zu Beginn als schwarzhaarig beschrieben, die im weißen Schnee liegt, in dem sich das Rot ihres vergossenen Blutes ausbreitet. Das Märchenmotiv vom Schneewittchen scheint aber auch bei Lumikki auf, die immer tiefer in den Fall verwickelt wird, in Todesgefahr gerät, aber dadurch auch ein Kindheitstrauma bewältigt. Eine am Schluss etwas überdrehte, aber durchaus spannende und vor allen Dingen vielschichtige Geschichte der Selbstfindung und des Erwachsenwerdens, in eigenwilliger Weise durchwoben von Literaturzitaten und vom Geist der Gebrüder Grimm.
"Sechs Tage lang trieb Vainämoinen im Fluss. Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und wiegte sich in den Wellen, die allmählich größer wurden. Das Wasser schmeckte salziger, und wenn er die Augen öffnete und genug vom grauen Himmel hatte, dann drehte er den Kopf langsam nach links und rechts und sah die Ufer. Der Abstand wurde größer."
So wie Grimms Märchen zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur gehören, so ist das Kalevala das wichtigste und bekannteste Epos der Finnen und deshalb kommen wir zum Schluss auf diese Ursprungserzählung der finnischen Literatur noch einmal zurück. Nacherzählt hat diese Schöpfungsgeschichte um den meergeborenen Vainämionen der Journalist und Autor Tilman Spreckelsen, ergänzt von den eindrucksvollen Zeichnungen der Illustratorin Kat Menschik. Das eben gehörte Zitat stammt aus ihrem Buch. Die beiden hatten sich im finnischen und russischen Karelien auf die Spuren Elias Lönnrots begeben, um zu verstehen, wie dieser Mann zum Schöpfer des gewaltigen Langgedichts, zusammengefügt aus tausenden von Geschichten, Liedern und Gedichten, werden konnte. Ein wunderschönes, stimmungsvolles Buch ist entstanden, in dem Spreckelsen und Menschik sowohl von ihren Reiseerlebnissen erzählen wie auch von den Abenteuern des mythischen Helden Vainämionen. Wer sich für finnische Kinder-, Jugend- oder Erwachsenenliteratur interessiert, dem sei zur Einstimmung dieses Buch empfohlen.

Verwendete Literatur/Hörbuch:
- "Kalevala". Eine Sage aus dem Norden. Nacherzählt von Tilman Spreckelsen und Kat Menschik. Galiani Berlin 2014. 204 Seiten, 24.99 Euro.
- Tuula Karjalainen: Tove Jansson. Die Biografie. Verlag Urachhaus. Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen und Regine Pirschel. 352 Seiten, 36.- Euro.
- Tove Jansson. Alle neun "Mumin"-Bücher liegen im Arena-Verlag
- Vor. Die gesammelten Comic-Strips von Tove Jansson im Reprodukt Verlag.
- Tove Jansson: Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft. Hörbuch. Argon Verlag. Gesprochen von Dirk Bach. 2 Cds, 14.95 Euro.
- Mauri Kunnas: u.a. "Ich bin's, Robin Hood!", Verlag Friedrich Oetinger 2011. Aus dem Finnischen von Nina Schindler. 48 Seiten, 12.95 Euro.
- Timo Parvela: u.a. "Ella und ihre Freunde außer Rand und Band", 144 Seiten, 9.90 Euro. Und "Ella und der Millionendieb", 176 Seiten, 9.90 Euro. Hanser Verlag 2014. Übersetzung aus dem Finnischen von Anu und Nina Stohner.
- Siri Kolu: u.a. "Vilja und der Räuberschatz". Heyne Verlag 2014. Aus dem Finnischen von Anu Katariina Lindemann. 336 Seiten
- Hannele Houvi: "Die Federkette". Hanser Verlag 2014. Aus dem Finnischen von Anu Stohner.240 Seiten, 14.90.
- Emmi Itäranta: "Der Geschmack von Wasser". dtv Reihe Hanser 2014. In der Übersetzung aus dem Finnischen von Anu Stohner. 340 Seiten12.99 Euro.
- Seita Vuorela "Wir fallen nicht". Ravensburger Buchverlag 2014. Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann. 352 Seiten, 16.99 Euro.
- Salla Simukka: "So rot wie Blut". Arena Verlag 2014. In der Übersetzung aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. 304 Seiten. 14.95 Euro.