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StartseiteBüchermarktVom Versagen der Erinnerung05.07.2019

Florjan Lipuš: "Schotter"Vom Versagen der Erinnerung

Eine Gruppe von Dorfbewohnern fährt in ein KZ, um die Erinnerung an ermordete Vorfahren wachzuhalten. Bei ihrer Rückkehr schlägt ihnen Ablehnung entgegen. Florjan Lipuš beschreibt in seinem neuen Buch die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit - und den Verlust der slowenischen Sprache und Identität.

Von Dorothea Dieckmann

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Eine Gedenkplatte in der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück in Fürstenberg/Havel (Brandenburg), umgeben von schwarzem Schotter. (picture alliance / Patrick Pleul)
Auf dem Schotterfeld des ehemaligen KZs suchen die Nachfahren nach einem Zeichen der damals dort festgehaltenen Frauen (picture alliance / Patrick Pleul)
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Es beginnt mit einem Lauern, Flüstern und versteckten Blicken hinter beiseitegeschobenen Fenstervorhängen, mit dem Druck eines kaum verhehlten Hasses im Dorf. Die aufgeladene Stimmung gilt einer Gruppe Dorfbewohner, die nach zweitägiger Reise von einem Ort zurückkehrt, aus dem vor Jahrzehnten kaum jemand wieder heimgekommen ist. Bald ermisst der Leser, dass der sogenannte Gedächtnismarsch in ein ehemaliges Frauen-Konzentrationslager führte. Dieses hat ebenso wenig einen Namen wie das Dorf.

Zu sehen ist der Autor Florjan Lipuš und das Cover seines Romans "Schotter". (Autorenfoto: Marko Lipus / Cover: Verlag Jung und Jung )Die Verleugnung der eigenen Sprache - für Lipsuš ist das Anpassung, Dummheit und Verrat an den Ahnen (Autorenfoto: Marko Lipus / Cover: Verlag Jung und Jung )

Doch wer den Autor Florjan Lipuš kennt, wird das Dorf im Kärntner Siedlungsgebiet der slowenischen Minderheit verorten und in dem Lager das KZ Ravensbrück erkennen. Hier wurde Lipuš’ Mutter ermordet. Wie ein schwarzer Faden durchzieht die Erinnerung an ihre Deportation das Werk des slowenischsprachigen Autors. Zugleich erzählt es von der Zersetzung seiner bäuerlichen Herkunftswelt und der Verdrängung der slowenischen Sprache durch die deutsche.

"Es ist eine Sprache hinter Mauern, hinter Riegeln (...). Wie Rindvieh wurden die Vorfahren der Gedächtnismarschteilnehmer damals in die Waggone gepfercht, und schier drang während der Fahrt ins Lager das Muhen durch die vergitterten Fenster. Auch diejenigen, die zu Hause geblieben waren (...), näherten sich dem Vieh in den Waggonen. Eine Dörflerin, die sich vergeblich in die einflussreichste Schicht der Gesellschaft hineinzukämpfen versucht hatte, traf ins Schwarze, als sie behauptete, dass ihre Sprache für den Stall sei, dabei war es vor nicht langer Zeit noch ihre eigene Sprache."

Eine Totenklage

Unerbittlich werden in diesem Bild die Schreie der eingepferchten Deportierten mit dem Dünkel der assimilierten Dorfbewohner zusammengedacht, die ihre Herkunft verdrängen und die eigene Geschichte dem Fortschritt opfern. Von diesem quälenden Zusammenhang spricht Lipuš’ jüngstes Buch "Schotter". Changierend zwischen Erzählung, poetischem Essay und Totenklage berichtet es vom Versagen der Erinnerung und der Fortsetzung des Krieges in Zeiten des Friedens. Noch bevor die Leser mit den Besuchern der KZ-Gedenkstätte die damaligen, wie es heißt, "Produktionsstätten des Todes" betreten, verzeichnet es im biblischen Ton die Voraussagen der Alten, die vom Ende des Gemeinwesens künden:

"Wenn ein Hut zu Boden fällt, wird ihn niemand aufheben. Die Dörfler werden keine Grüße mehr tauschen, keine Glückwünsche mehr, weder einen Guten Morgen noch eine Gute Nacht wünschen, denn es wird an jedem Wort mangeln. Die Leute werden nicht mehr lesen, sich nicht mehr unterhalten (...), sie werden suchen und nicht finden, sich von hier nach dort bewegen und von dort nach hier. Von dort wird der Weg nirgendwohin führen."

Auf dem schwarzen Schotterfeld des ehemaligen KZs verschränkt sich die Perspektive der "Gedächtnisgeher" mit jener der damals dort ankommenden Frauen. Hier, im Zentrum des Erinnerns, werden Qual und Tod gegenwärtig, und Florjan Lipuš findet eine Sprache, die das Paradox aushält, vom Unsagbaren zu sprechen. Er erzählt von der Auslöschung des Menschen ebenso wie von dem Versuch der Nachkommen, den Verschwundenen auf die Spur zu kommen, ja buchstäblich mit den eigenen Füßen die in der Erde bewahrten Fußabdrücke der Lagerinsassinnen zu berühren. Die Füße nehmen im Lager die Hauptrolle ein – am durchschlagendsten bei der Folter des Appellstehens, wo eine winzige Bewegung den Tod bedeuten kann. Zwei Kinder, die vergeblich hoffen, auf dem Gelände ihre Großmutter zu treffen, die sie nie kennengelernt haben. Sie wollen die Verlorene herbeibeschwören, indem sie auf der Plattform stehen bleiben:

"Lang stehen die beiden stramm, unbeweglich und still, mit erstarrten Gesichtern, so wie die Großmutter Stunden gestanden war. Sie waren die Großmutter, sie standen an ihrer statt, nahmen in ihre Füße die Schwerfälligkeit derjenigen der Großmutter auf, das Ziehen ihrer Krämpfe, sie erlebten das Zucken der Muskeln, die schmerzhaft ihre Spannung wechselten. Ihrer beider Füße waren die Großmutterfüße, die Großmutterfüße waren ihrer beider Füße."

Verlust der Muttersprache

Doch der Moment der Anverwandlung an die Tote bringt keine Katharsis. Die Gedächtnisgeher kehren als Verlierer zurück. Mit der Erinnerung an die Toten tragen sie das Kainsmal ins Dorf, eine Störung, eine Unruhe, und fühlen sich schuldig. Desto mehr bemühen sie sich um Wiedereingliederung in das stumpfe Dorfleben. Der Totentanz ist nicht zu Ende; er trägt den Keim der Wiederholung in sich. Lipuš’ Erfahrungen – die freiwillige Unterwerfung der slowenischen Kärntner unter die Vorherrschaft der deutschen Sprache und der Ausverkauf der Überlieferung – formen sich zu einem umfassenden Pessimismus:

"Die Volksherrschaft ist eine zu dünne Schicht, um die Verderbtheit, die sich darunter verbirgt, zu verdecken. Früher war man sich der Schmählichkeit dieses oder jenes Tuns bewusst, (...) heute kennt man keine Scham mehr. (...) Das Volk ist jenes Gebilde und jene Sache, die entstehen, wenn man mit der Volksweisheit am Ende ist. (...) Das Volk richtet sich nach dem Volk, das Volk bedient das Volk. "

So kommt es dazu, dass die Gedenkwanderung in Vergessenheit gerät, ja sogar nachträglich als Irrtum erscheint. Lipuš zeigt es an den beiden Kindern. Die Beschädigung, die ihnen auf dem Appellplatz widerfuhr, wird mit dem Erwachsenwerden eingekapselt. Sie entfernen sich von der Großmutter und ihrem Erbe im selben Zug, in dem sich die Mutter- und Großmuttersprache verliert. Kurz, sie sind "verdörflicht". Für den Erzähler ist das Dorf der Inbegriff von Anpassung, Dummheit, geistiger Korruption und Verrat an den Ahnen, mehr noch: eine heimliche, subtile Form des Lagers selbst – zuallererst durch die Verleugnung der eigenen Sprache. Das Slowenische ist mit Lipuš’ erstem Roman "Der Zögling Tjaž" wieder zur Literatursprache geworden. Doch der Verlust ist nicht aufzuhalten. 45 Jahre später bringt das neue Buch, von Lipuš’ treuem Übersetzer Johann Strutz in die deutsche "Erfolgssprache" übertragen, diesen Verlust auf den äußersten Punkt:

"Die Geistigkeit artikuliert sich in der Sprache und in nichts anderem, nur die Sprache macht, dass der Wert ein Wert ist. Und wo die Sprache abhanden kommt, greift man nach der Waffe."

Florjan Lipuš: "Schotter"
Aus dem Slowenischen von Johann Strutz
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2019, 140 Seiten, 20 Euro

                                                                                                         

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