Montag, 22. April 2024

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Flüchtlinge auf der Balkan-Route
"Vergleichbar mit Somalia"

Felix Wolff von der Hilfsorganisation CARE hält die Lage der Flüchtlinge auf der Balkan-Route für vergleichbar mit der von Fliehenden bei humanitären Krisen wie in Somalia. Die Leute seien unter "erbärmlichen Bedingungen" unterwegs, sagte er im DLF. Er forderte mehr Mittel für die Hilfe - und endlich eine Einigung der europäischen Regierungen.

Felix Wolff im Gespräch mit Peter Kapern | 22.10.2015
    Flüchtlinge an der mazedonisch-griechischen Grenze mit Regencapes
    Flüchtlinge an der mazedonisch-griechischen Grenze (ROBERT ATANASOVSKI / AFP)
    Peter Kapern: Innerhalb von 24 Stunden sind 12.400 Flüchtlinge nach Slowenien gekommen. Das hat die Polizei des Landes wissen lassen. Slowenien mit seinen zwei Millionen Einwohnern zeigt sich dieser Flüchtlingszahlen nicht gewachsen und hat nun sogar sein Militär mobil gemacht. - Bei uns am Telefon ist Felix Wolff von der Hilfsorganisation CARE Deutschland. Guten Tag, Herr Wolff.
    Felix Wolff: Guten Tag, Herr Kapern.
    Kapern: Herr Wolff, Ihre Organisation spricht in einer Pressemitteilung von heute Früh von einer dramatischen Zuspitzung der Situation der Flüchtlinge auf dem Balkan, und CARE zieht sogar einen Vergleich zu den schlimmsten humanitären Krisen, die es zum Beispiel in Somalia gegeben hat. Beschreibt das tatsächlich die Lage der Flüchtlinge auf der Balkan-Route?
    Wolff: Ja. Ich denke, das kann man schon vergleichen. Es ist natürlich so, dass in vielen anderen humanitären Krisen sich auch Flüchtlinge in einer verzweifelten Lage befinden. Das wollen wir gar nicht relativieren. Und die schlechten Bedingungen für die syrischen Flüchtlinge im Nahen Osten sind ja zum Beispiel auch ein Grund dafür, dass sie versuchen, nach Europa zu kommen jetzt. Aber wir gucken uns hier ja eine Krisensituation in Europa an, wo man eigentlich erwarten sollte, dass die Situation und auch die Versorgung von Flüchtlingen ein bisschen besser ist und besser funktioniert, und das ist jetzt nach unserer Erfahrung in Serbien und auch in Kroatien momentan leider nicht der Fall, weil die Flüchtlinge häufig überhaupt nicht für die schlechten Wetterbedingungen, die sie hier vorfinden, ausgerüstet oder auch gekleidet sind. Viele sind mit dem geflohen, was sie so eben tragen können, was sie am Leibe trugen, und jetzt müssen sie in Kälte und auch in Regen teilweise nächtelang an Grenzübergängen ausharren, oder vor dem Auffanglager in Kroatien auch Schlange stehen, in der Regel unter freiem Himmel, im Schlamm, umgeben von Müll, ohne jeglichen Wetterschutz, ohne Versorgung, und es gibt tatsächlich auch nur relativ wenige Organisationen wie CARE, die dann dort vor Ort sind und Decken und Regenmäntel verteilen. Auch das kroatische Übergangslager in Opatovac ist ein Provisorium, das schnell aus dem Boden gestampft wurde und das überhaupt nicht auf die jetzigen schlechteren Wetterbedingungen ausgelegt ist. Die Zelte haben teils keinen Boden, die Wege sind nicht befestigt. Wir haben tatsächlich die Situation, dass es sehr durcheinander ist, sehr chaotisch zugeht und die Leute wirklich unter erbärmlichen Bedingungen dort unterwegs sind.
    "Keine Planbarkeit"
    Kapern: Die Bilder, die uns im Moment erreichen, Herr Wolff, die zeigen immer Flüchtlingstracks, wie sie sich über Feldwege oder Straßen schleppen. Wir wissen aus den Nachrichten, da werden Grenzen geschlossen, Grenzen wieder aufgemacht, die Flüchtlingskolonnen werden hin- und hergeworfen. Aber wie sieht es denn eigentlich mit der konkreten Hilfe aus? Wer ist denn eigentlich noch vor Ort? Wie viele sind vor Ort? Wie viele Helfer und was tun die?
    Wolff: Es gibt natürlich mehrere Organisationen so wie CARE, die versuchen, den Flüchtlingen hier zu helfen. Auch die Behörden geben sich Mühe vor Ort, sowohl in Serbien als auch in Kroatien, da ein bisschen Unterstützung zu leisten. Aber natürlich sind alle ein bisschen überfordert und ein Problem ist auch, dass man schlecht vorhersagen kann, was in den nächsten Tagen oder Wochen passieren wird. Die Routen der Flüchtlinge ändern sich, immer mal wieder werden Grenzübergänge geschlossen, die Flüchtlinge werden dann umgeleitet, an der serbisch-kroatischen Grenze ist es immer wieder so, natürlich auch infolge des Rückstaus dann von der kroatisch-ungarischen oder kroatisch-slowenischen Grenze, dass die Behörden die Leute dann nicht mehr ins Land lassen, weil sie überfordert sind, und insofern ist keine Planbarkeit und man weiß immer nicht, wie viele Flüchtlinge werden wir morgen haben, wie viele kommen als nächstes an, können die dann weitergehen, bleiben die stecken, müssen wir die über Nacht in irgendeiner Form versorgen, und das ist natürlich eine Problematik, die sich auch ein bisschen von anderen Flüchtlingskrisen auf der Welt unterscheidet, die es sehr schwer macht für Hilfsorganisationen, Hilfe zu leisten. Aber natürlich ist es möglich, dann den Leuten immer noch Regenschutz, Decken, Lebensmittel oder auch ein bisschen Unterstützung für Hygiene oder Winterklamotten zu überreichen, damit sie zumindest unter den Bedingungen, in denen sie sich befinden, einigermaßen überleben können.
    "Regierungen müssen sich einigen"
    Kapern: Herr Wolff, wenn Sie die zwei, drei wichtigsten Dinge noch nennen können, die getan werden müssen aus Ihrer Sicht, um dieser Überforderung, von der Sie gesprochen haben, jetzt Herr zu werden?
    Wolff: Insgesamt müssen aus der Sicht von CARE natürlich Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit wir unsere humanitäre Hilfe, um die dringendsten Bedürfnisse der Leute zu befriedigen, weiterführen und ausbauen können, gerade im Hinblick auf die jetzt schlechter werdenden Wetterbedingungen. Natürlich müssen sich auch die Regierungen in irgendeiner Form einigen, wie sie dieses Flüchtlingschaos steuern und hier zu einer legalen Lösung auch führen, dass die Flüchtlinge legal sich in Sicherheit bringen können. Und letzten Endes müssen natürlich auch die Bedingungen in den Herkunftsländern der Menschen verbessert werden und dafür müssen natürlich alle Anstrengungen unternommen werden.
    Kapern: Felix Wolff von der Hilfsorganisation CARE Deutschland. Danke für die Informationen. Danke, dass Sie heute Mittag Zeit für uns hatten.
    Wolff: Danke Ihnen, Herr Kapern.
    Kapern: Einen schönen Tag noch.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.