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StartseiteTag für TagDie Scham des Scheiterns18.08.2016

FlüchtlingeDie Scham des Scheiterns

Afghanen werden in Deutschland nur noch selten als Asylberechtigte anerkannt. Manche kehren in ihre Heimat zurück, bevor sie zurückgeschickt werden. Wenn sie dort ankommen, ist ein Neuanfang schwierig. Ihnen schlägt Misstrauen und Feindschaft entgegen. Ein Entwicklungshelfer erzählt.

Von Martin Gerner

Flüchtling aus Afghanistan an der gesperrten Grenze zu Mazedonien. (dpa / picture-alliance / Georgi Licovski)
Ein Flüchtling aus Afghanistan an der Grenze zu Mazedonien. Anders als Syrer und Iraker bekommen Afghanen in Deutschland schwerer Asyl. (dpa / picture-alliance / Georgi Licovski)
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Ein afghanischer Entwicklungshelfer für internationalen Hilfsorganisationen, 33 Jahre, Jurist mit Bachelor-Abschluss. Das ist mein Gesprächspartner. Nennen wir ihn Farhad, zu seinem Schutz. Er erzählt: "Zwei meiner guten Freunde sind jüngst zurückgekehrt. Der eine aus Bielefeld, der andere aus einem Vorort von Stuttgart. (...) Beide waren die Fremde nicht gewohnt. Der eine ist aus Shindand, in der afghanischen Provinz. Der andere hatte in Afghanistan studiert, kannte nur den Iran. Beide waren fast ein Jahr in Deutschland, haben Deutsch gelernt. Aber sie merkten: Es wird sehr lange dauern, bis sie Fuß fassen. Kann ich jemals als Arzt hier arbeiten?, fragte sich der eine. Bis sie realisiert haben: lass uns zurückgehen. Beide sind erwachsene Singles. Sie haben Familie, Eltern und Geschwister vermisst. Auch deshalb sind sie zurück." 
 
Anders als Syrer und Iraker bekommen Afghanen in Deutschland schwerer Asyl, zumal nachdem die Bundesregierung Teile von Afghanistan für Rückkehr als 'sicher' erklärt hat. Deutsche Medien berichten von einem Trend zur Rückkehr nach Afghanistan. Ob in allen Fällen freiwillig, ist unklar.  Der Druck von Behörden kann real sein. Farhad weiß von seinen Bekannten: "Für die Rückkehr gibt es ein Zubrot: 700 Euro pro Person und das Rückflugticket dazu. (…) Das Geld gibt es bar, in einem versiegelten Umschlag am Flughafen. Es sind Gruppen von 20 bis 30 Personen, die so weitergeleitet werden. Nach Dubai, wo sie jemand kontrolliert, dann weiter bis nach Kabul."  
 
700 Euro reichen für einen Neu-Anfang in Afghanistan nicht aus. Wer zurückkehrt, den erwarten keine offenen Arme. Vielmehr Gefühle von Scham, Angst und neuer Not. "Wer mit eigenen Geld-Reserven auf der Flucht ist, der wird weniger Probleme haben. Aber jene, die alles verkauft haben, alles aufgegeben haben für den Weg nach Europa, für die ist es mehr als nur eine Scham zurückzukehren. Für sie ist es noch viel schlimmer. Sie können kein neues Leben starten."

"Europa ist wie eine Fata Morgana"  

Farhads Heimat, eine große afghanische Metropole im Westen, sei nach wie vor unsicher, sagt er. Fundamentalisten, Selbstmordanschläge, Entführungen. Er selbst geht kaum auf die Straße. Unlängst hat er geholfen, einen Verwandten aus den Händen einer Entführungs-Mafia freizukaufen. Unverändert aber wollen viele junge Männer nach Europa. Er will sie jetzt aufklären, nach seiner Deutschlandreise:
 
"Zweimal die Woche treffen sich hier Ausreisewillige, die nach Deutschland wollen. Ich rede jetzt mit ihnen. Ich bin wohlgemerkt kein Rückkehrer. Auch kein Flüchtling wie Tausende. Ich bin jetzt dreimal nach Deutschland gereist, ganz offiziell. Ich sage diesen jungen Männern: Wenn ihr wissen wollt, was euch erwartet, hört gut zu. Das erwartet euch als Single, das als Familie. Ich sage ihnen nicht: Geht nicht. Aber ich sage: seid euch im Klaren, was da auf euch zukommt."
 
Trotz geschlossener Balkan-Route: Der Traum von Europa ist für viele Afghanen zu einer Mode, einem way of life geworden.  
 
"Es ist wie wenn sie die Wüste betreten. Sie sehen die Spiegelungen auf dem Sand und halten es für Wasser. Wie eine Fata Morgana! Sie bekommen Bilder von Freunden in Europa über die sozialen Medien. Schöne Strände und grüne Wälder sind da zu sehen. Ein Trugbild, aber eben nicht die Wirklichkeit."

"Ich habe mich erkundigt: was macht die Deutschen unzufrieden?"

Farhad hat gerade etwas Ungewöhnliches unternommen: eine mehrwöchige Erkundungsreise durch Deutschland und Europa, um zu verstehen, ob Emigrieren für ihn Sinn ergibt. Jetzt sitzt er wieder zuhause in Afghanistan:  "Es ist zu teuer für mich. Von der Türkei aus kostet es zur Zeit vier bis sechs Tausend Dollar nach Deutschland. Bis zu 5000 Euro. Fußmärsche sind auch dabei. Meinen Kindern kann ich das nicht zumuten."
 
Not- und Übergangsunterkünfte hat sich Farhad in Deutschland angeschaut, mit Betroffenen Afghanen und Flüchtlingen gesprochen, sich viele Notizen gemacht: "In Deutschland würde ich meinen sozialen Status nicht halten können. In meiner Heimatstadt in Afghanistan bin ich bekannt und anerkannt. Hier habe ich Einfluss und genieße Respekt, ich kann mitentscheiden. In Deutschland sehe ich all das nicht für mich."
 
Auch Anwälte im Ausländerrecht hat er befragt. Sechs Monate auf ein Interview zu warten findet er, der Akademiker, vergeudete Zeit. Ein Familien-Nachzug? Fraglich. Farhad sagt, er habe auf dieser Reise auch versucht, die Deutschen zu verstehen: "Ich habe versucht, Deutschland zu verstehen, ohne afghanische Augen. Ich habe mich erkundigt: was macht die Deutschen unzufrieden? Ich habe gelernt: Sie zahlen fast 50 Prozent Steuern. Und: die Leute sind oft gestresst hier. Immer hektisch unterwegs. Sie laufen. Sie rennen vor Stress. Das ist nicht mein Ziel. (...) Ich habe auch gesehen: Deutschland braucht Menschen von Aussen. Aber nicht jeden und nicht beliebig. Sondern talentierte, qualifizierte Menschen. Mit Fremdsprachen-Kenntnissen." 

Vorbei an Frau Merkels Büro

Viele ernüchterte, frustrierte junge Landsleute habe er auf der Route zwischen Mazedonien und Deutschland gesehen, so Farhad. Er selbst will durch Leistung den Sprung schaffen, mit einem Stipendium. Einmal hat das nicht geklappt. "Ich habe lange überlegt. Und am Ende meine Meinung geändert. Ich werde vorerst in Afghanistan bleiben: mich auf ein Master-Stipendium bewerben, in Europa, den USA oder Asien. Solange arbeite ich hier. In 6 Monaten oder einem Jahr weiß ich mehr."
 
Über seine jüngsten Reise-Erlebnisse sinniert er ohne Groll. Eher wie einer, der an der Reise gewachsen ist und seine Wissen jetzt weitergibt.
 
"Ich habe die großen deutschen Städte gesehen. Frankfurt. Schönes Design. Schnelle Strassen und Züge. Ich bin an Frau Merkels Büro in Berlin vorbeigekommen. Habe dort meine Fotos gemacht. Jetzt bin ich zurück. Ich glaube, es ist eine gute Entscheidung für's Erste. (...) Es gab dann die Anschläge von München und Würzburg. Ich habe mir gesagt: Das verändert tatsächlich die Haltung der Menschen zu den Flüchtlingen. Ich denke, es ist auch deshalb die richtige Wahl."

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