Sonntag, 17.11.2019
 
Seit 02:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterviewAuch Afrika ist in der Pflicht07.08.2015

Flüchtlinge im MittelmeerAuch Afrika ist in der Pflicht

Nicht nur die Europäer, auch die afrikanischen Staaten seien mitverantwortlich für die zahlreichen Flüchtlinge. Bisher habe ihm gegenüber aber noch keiner der afrikanischen Präsidenten seine Trauer über die vielen Unglücke auf dem Mittelmeer geäußert, sagte Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation Grünhelme im DLF.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Sandra Schulz

Rupert Neudeck bei einer Rede (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
Rupert Neudeck gründete die Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
Weiterführende Informationen

flucht ff Rupert Neudeck im Gespräch in "Essay und Diskurs" (DLF, 9.8.2015)

Bootsunglück im Mittelmeer Hilfsorganisation befürchtet Hunderte tote Flüchtlinge

Flüchtlingsdebatte Die Politik darf die Dinge nicht vermischen

Flüchtlinge in Bremen Ein neues fremdes Leben

Es sei ein Glück, dass Europa sich für das Schicksal der Flüchtlinge verantwortlich fühle und bereit sei, sich um diese zu kümmern. "Das ist eine großartige Verpflichtung", sagte Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Grünhelme, im DLF. "Wir müssen retten. Man darf Menschen nicht einfach auf dem Meer ertrinken lassen." Er habe nicht nur in Deutschland, sondern auch in südeuropäischen Staaten eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung für die Flüchtlinge erlebt.  

Die Menschen, die über das Mittelmeer kämen, seien schier verzweifelt. Wenn sie einmal an den afrikanischen Küsten seien, könnten sie nicht mehr zurück in ihre Heimat. Denn ihre Dörfer hätten ihnen Kredite für die Flucht gegeben und erwarteten dafür Gegenleistungen. Würden diese nicht erbracht, seien die Rückkehrer nicht mehr ihres Lebens sicher. Neudeck forderte, diesen Flüchtlingen eine Berufsausbildung zukommen zu lassen. So könnten sie zurückkehren und ihren Dörfern von Nutzen sein.


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Hunderttausende haben sich allein in diesem Jahr auf den Weg gemacht, auf den gefährlichen Weg von Afrika – die meisten kommen über Libyen – über das Mittelmeer nach Europa.
Nach UN-Angaben sind mehr als 220.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gelangt, und das sind diejenigen, die Glück hatten, denn geschätzt 2.000 Menschen haben es nicht geschafft, alleine in diesem Jahr nicht geschafft, sind ertrunken, waren auf einem der Schiffe, die oft völlig überbesetzt sind, in Seenot geraten sind, gekentert.

Auch heute Morgen wissen wir noch nicht ganz genau, wie viele Menschen beim jüngsten Flüchtlingsdrama jetzt gestern im Mittelmeer gestorben sind relativ nah vor der libyschen Küste, es könnten rund 200 sein, es wird noch nach Überlebenden gesucht.
Am Telefon verbunden bin ich jetzt mit Rupert Neudeck, Mitbegründer und Vorsitzender der Hilfsorganisation Grünhelme. Guten Morgen!

Rupert Neudeck: Gute Morgen, Frau Schulz!

Schulz: Wer ist für den Tod dieser Menschen verantwortlich?

Neudeck: Nicht allein wir, das ist, glaube ich, ganz wichtig zu sagen, nicht nur wir Europäer. Wir haben zwar, Gott sei Dank, das Gefühl dafür, dass wir verantwortlich sind dafür, dass auf dem Mittelmeer das alte, uralte Gesetz, dass Menschen in Seenot nicht ertrinken dürfen, sondern dass sie unbedingt gerettet werden müssen. Dass wir das in Europa hochhalten, das ist eine großartige Verpflichtung, aber auch afrikanische Regierungen haben Verantwortung dafür, dass die Jugend ihrer Länder davonrennt und dass sie sich nicht darum kümmern.
Ich habe immer wieder erwartet, dass irgendwann ein Präsident der afrikanischen Länder, aus denen diese Menschen zu Zigtausenden kommen, sich mal in Lampedusa einfindet und seine Traurigkeit und seine Trauer über diesen Tod solcher vieler junger afrikanischer Migranten ausdrückt, aber bisher ist diese Erwartung fehlgegangen.

"Das ist eine totale Verzweiflung"

Schulz: Wie verzweifelt ist die Lage für die Menschen, die lieber ihr Leben riskieren, als so weiterzumachen wie bisher?

Neudeck: Das ist eine totale Verzweiflung, das müssen wir auch verstehen, wenn man mit diesen Menschen, mit diesen jungen Menschen spricht, die wahrscheinlich die Besten der Besten aus ihren Gesellschaften sind, weil sie nur eine Arbeit haben wollen und eine Berufsausbildung haben wollen.

Die können aus eigener Kraft an der Küste Libyens, Algeriens, Marokkos, Tunesiens und Mauretaniens nicht zurück, weil sie dann ihres Lebens nicht sicher sind. Man muss sich das ganz klar so vorstellen – die bekommen von ihrer Dorfgemeinschaft oder von ihrer Großfamilie einen Kredit, so muss man das nennen, über 1.000 Dollar oder 1.500 Dollar – das ist eine gewaltige Summe für diese afrikanische Realität – und damit sollen sie etwas bringen, wie man immer für einen Kredit etwas bringen soll. Wenn sie jetzt aber zurückgehen und sagen, ich habe das in Libyen an der Küste gesehen, das ist viel zu gefährlich, da werden Leichen angeschwemmt, dann sind sie, wenn sie zurückkehren aus eigener Kraft, ihres Lebens nicht sicher, weil sie mindestens die Hälfte des Kredits verbraucht haben und nichts gebracht haben.

Das Einzige, was wir herausgefunden haben bei unserer Arbeit damals in Mauretanien und was man jetzt herausfinden kann in Marokko, das Einzige, was ihnen die Rückkehr ermöglichen würde vielleicht und vielleicht auch die Notwendigkeit, diese mörderische Fahrt über das Mittelmeer zu machen, wäre eine Berufsausbildung, die ihnen mit einem Zertifikat die Rückkehr erlaubt und auch den Aufbau eines Gewerbes oder eines Shops in ihrem Land.

"Wir müssen retten"

Schulz: Das ist natürlich was, was die Europäische Union nicht leisten kann, aber was müsste in Europa passieren? Europa steht ja trotzdem in der moralischen Verantwortung, damit eben nicht weiter Tausende ihr Leben auf der Flucht verlieren.

Neudeck: Das Eine ist, und da bin ich eigentlich ganz zuversichtlich, dass in den letzten zwölf Monaten eine ganze Menge durch den Widerstand und durch Empörung in der Öffentlichkeit Europas, zumal auch Deutschlands, geschehen ist.

Wir müssen retten, man darf Menschen nicht einfach auf dem Meer ertrinken lassen, das ist ein uraltes Gesetz des humanitären Völkerrechts und auch der Verpflichtung der Religionen. Es gibt, Gott sei Dank, drei bis vier private Schiffe, die das gegenwärtig tun – das eine ist das kleine Schiff, das "Seahawk", das herausgegangen ist mit einem Kapitän aus Brandenburg, Köppne, das liegt vor Lampedusa und tut seinen Teil, kann aber, selbst weil es zu klein ist, kaum retten.

Es gibt ein zweites Schiff, das in Malta seinen Heimathafen hat, das heißt "Phoenix", und ist von einem reichen maltesischen Ehepaar gemietet. Das ist ein vorzügliches Schiff für die Rettung, weil es nicht nur selbst retten kann bis zu 400 Menschen, sondern weil es auch in der Lage ist, über unbemannte Drohnen an Bord an dieses Schiffes, einen Umkreis von 180 Kilometern über dem Mittelmeer auszuleuchten und Informationen über Schlauchboote, die in Gefahr sind, diese Menschen ertrinken zu lassen, an andere Schiffe, an kommerzielle Schiffe, auch an Schiffe der Marine zu geben. Dann gibt es noch ein drittes Schiff, "Dignity", von der internationalen Organisation Ärzte ohne Grenzen. Es soll ein viertes geben, das in Deutschland gegenwärtig gekauft werden wird, wie ich höre.

Also wir haben eine Steigerung dieser Aufmerksamkeit für die Situation auf dem Mittelmeer. Man muss auch dazu sagen, Gott sei Dank ist die deutsche Bundesmarine dabei, die Verteidigungsministerin hat damals, nach dem Ende, nach der Empörung über das Ende der Aktion "Mare Nostrum" der italienischen Marine, eine Fregatte und eine Korvette der Bundesmarine ins Mittelmeer geschickt, und die hat, glaube ich, auch schon über 6.000 Menschen retten können.

"Man muss sich von den Schreihälsen in Europa nicht irritieren lassen"

Schulz: Und die Sorge für eine zunehmende – das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber so wird es ja immer wieder gesagt – Das-Boot-sei-voll-Mentalität in Deutschland oder auch in anderen Ländern, die auch in Europa sagen, wir können keine Flüchtlinge nehmen, wir machen das nicht – diese Mentalität, die fürchten Sie nicht?

Neudeck: Das sehe ich eigentlich weniger bei der Mehrheit der Bevölkerung hier in meinem Land. In meiner Gesellschaft erlebe ich eigentlich eher das Gegenteil. Wenn man den Menschen erzählt und erklärt, in welcher furchtbaren ausweglosen Situation diese jungen Menschen sind – das gilt auch für die Syrer, die über Ägypten kommen, über die ägyptische Küste und dort diese Boote nehmen –, dann erlebe ich eigentlich eher Hilfsbereitschaft, eher Bereitschaft, hierzulande auch Patenschaften zu übernehmen, eine helfende Hand zu geben. Ich erlebe das auch in Italien, ich erlebe das auf Malta.
Also ich glaube, dass man sich nicht von den Schreihälsen, die es auch gibt in Europa, zu sehr irritieren lassen muss. Ich bin davon fest überzeugt, dass die Grundvoraussetzung für Rettung in Europa weiter gegeben ist.

"Man kann auch in in einer fast aussichtslosen Situation noch helfen"

Schulz: Rupert Neudeck, jetzt wechseln wir noch ganz kurz den Blickpunkt. Sie starten heute mit Ihrer nächsten Hilfsaktion, Sie wollen Babynahrung liefern nach Syrien. Welche Chancen gibt es denn, dass diese Güter da überhaupt sicher ankommen?

Neudeck: Wir haben durch die Arbeit an der türkischen, syrischen Grenze herausgefunden, dass man doch noch in einer fast ausweglosen Situation, auch in Syrien, noch helfen kann über befreundete Syrer, die auf der anderen Seite der Grenze – das muss man sich vorstellen dabei, Reyhanli und Antakya in dem südlichen Zipfel der Türkei –, dort kann man über die Grenze kommen, auch Konvois, Lkws rübergeben, die werden dann umgeladen an der Grenze. Also heute geht ein großer Konvoi los in Hof in Bayern mit Babynahrung. Das ist so unglaublich wichtig, das wird auch jeder verstehen, weil die UNO hat die Belieferung dieser Region um Aleppo mit Babynahrung eingestellt.

Jede Mutter weiß, wie unglaublich wichtig das ist für junge Frischgeborene, Babymilch zu haben und Babymilchpulver, und das werden jetzt 120 Paletten sein, die für die Versorgung von 600.000 Menschen in dem Gebiet um Aleppo herum notwendig sind. Und wir sind ganz zuversichtlich, dass dieser Konvoi, der erst einmal über das Meer geht, in Mersin ausgeladen wird, und dann über die Grenze geht – wir haben schon Erfahrungen darin, dass Konvois angekommen sind –, wir sind also ganz zuversichtlich, dass diese Versorgung mit Babynahrung für die jungen Kinder und die Babys in und um Aleppo gelingen kann.

Schulz: Herzlichen Dank für das Interview, Herr Neudeck, sorry, ich muss Sie an dieser Stelle schroff unterbrechen. Danke an Rupert Neudeck von den Grünhelmen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk