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StartseiteCampus & Karriere"Kinder nicht in der Opferrolle lassen"21.06.2016

Flüchtlinge in der Schule"Kinder nicht in der Opferrolle lassen"

Die Schulpädagogin Claudia Solzbacher spricht sich dafür aus, Flüchtlingskinder in der Schule zu mehr Eigenständigkeit zu ermutigen. Die oft traumatisierten Kinder seien häufig zu lange in einer Opferrolle, sagte sie im DLF. Sie müssten in die Lage versetzt werden, ihre Situation kontrollieren zu können - das sei Voraussetzung dafür, damit zurechtzukommen.

Claudia Solzbacher im Gespräch mit Sandra Pfister

Grundschulkinder und die Schulleiterin singen und bewegen ihre Arme. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Syrische Flüchtlingskinder in einer Grundschule in Golzow, Brandenburg. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Sandra Pfister: Die UNICEF hat heute Alarm geschlagen. Für viele Flüchtlingskinder in Deutschland bleibe Bildung eine Illusion. Sie kommen teilweise erst nach Monaten in Schulen an und bekommen auch kaum andere Bildungsangebote. Ersatzunterricht in Flüchtlingsunterkünften reicht nicht, sagt die UNICEF. Die Schule ist der wichtigste Ort, an dem geflüchtete Kinder wieder Zuwendung und Ordnung erfahren können. Das ist ganz sicher richtig, aber das macht Lehrern auch enormen Druck. Das haben uns viele in den letzten Monaten immer wieder geschildert. Und deshalb reden wir jetzt darüber mit Claudia Solzbacher, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Osnabrück. Guten Tag, Frau Solzbacher!

Claudia Solzbacher: Guten Tag!

Pfister: Frau Solzbacher, Sie sagen, wir müssen versuchen, den Lehrern den Druck zu nehmen. Wie denn?

Solzbacher: Ich glaube, dass der Druck vieler Lehrkräfte daraus entsteht, dass sie davon ausgehen, Kinder zu bekommen, deren Sprache sie nicht sprechen, Kinder, die schlimme traumatische Erlebnisse haben und deshalb auch wirklich traumatisiert sind. Und mit diesem Begriff - was bedeutet traumatisiert, welche Aufgaben habe ich hier, kann ich die überhaupt lösen, ich bin doch gar kein Psychologe - diese Fragen führen Lehrer dazu, schon eine innere Abwehrhaltung zu dieser Thematik zu bekommen. Oder aber vor lauter unglaublichem Mitleid keine professionelle Distanz mehr zu dieser Thematik zu bekommen.

"Kinder sind unglaublich anpassungsfähig"

Pfister: Aber es kommen ja tatsächlich viele traumatisierte Kinder. Das ist tatsächlich doch für Lehrer ein Problem, das sie verunsichern kann.

Solzbacher: Ja. Wir wissen zum Beispiel aus der Resilienzforschung, dass Kinder unglaublich anpassungsfähig sind an schwierige Situationen. Und zentrale Faktoren dafür sind, dass Kinder in die Lage versetzt werden müssen, wieder ihre Situation auch kontrollieren zu können. Das heißt, wir wissen aus der Traumaforschung, aus anderen Forschungen, wie wichtig das ist, Kinder auf Dauer nicht in der Opferrolle zu lassen, sondern schnell wieder als Gestalter. Und dafür braucht es bestimmte Situationen in der Schule, die eben in der Schule hergestellt werden müssen.

Pfister: Welche sind das, welche Situationen?

Solzbacher: Ich war ganz erstaunt, wie viele Piktogramme es schon gibt, wo zum Beispiel Verhaltensstandards auf Bildern dargestellt werden. Ich war ganz erstaunt, wie viele Wortschatzhilfen und Kommunikationstafeln in den verschiedenen Sprachen der Flüchtlingskinder es zum Beispiel schon im Internet gibt. Das liefert den Kindern das Gefühl, wertgeschätzt zu werden, und dass man sich unglaublich viel Mühe um diese Kinder gibt. Und sie spüren, ich bin als Person gemeint, um die man sich wirklich bemüht. Das gibt den Kindern schon mal das Gefühl der Sicherheit zurück und gibt ihnen das Gefühl, nicht ganz fremd zu sein, sondern tatsächlich, dass jemand sich um sie kümmert.

"Tanz und Bewegung schafft Kindern Zugang zu Emotionalität"

Pfister: Und Sie sagen ja auch, was ich ganz interessant fand, vielen würden auch nonverbale Aktivitäten sehr helfen - Sport, Theater, Pantomime, so was. Stößt jetzt natürlich im Schulalltag auf eine Situation, wo wenig Personal verfügbar ist und auch wenig Zeit dafür ist.

Solzbacher: Aber zuerst muss man sich mal überlegen, was man für ein Ziel hat. Man braucht das Ziel, Kinder schnell wieder in Situationen zu bringen, wo sie an ihre Emotionen herankommen. Und an ihre Emotionen heranzukommen, ist vor allen Dingen für Kinder wichtig, die relativ wenig emotionale Regungen zeigen, weil sie die in der Situation von Angst und Flucht sozusagen verloren haben, diese Emotionalität. Und wenn wir uns jetzt vorstellen, wir haben diese Kinder nicht nur in Willkommens- oder Sprachlernklassen, sondern auch, wie das heute ja schon ganz oft passiert, parallel dazu direkt in Regelklassen, dann können wir im Sportunterricht, im Musikunterricht, aber auch in anderen Phasen von Unterricht versuchen, diesen Kindern einen Anker zu geben, an ihre Emotionen heranzukommen. Wir wissen, dass vor allen Dingen Tanz und Bewegung Kindern nicht nur Entspannung liefert oder Vertrauen in die eigene Körperlichkeit, sondern auch wirklich einen Zugang zur eigenen Emotionalität schafft. Es kommt immer von Lehrkräften das Argument, "aber ich habe ja noch 30 andere Kinder in der Klasse". Ich möchte unbedingt darauf hinweisen, dass alle Kinder einer Klasse feststellen, wenn man sich um das einzelne Kind in der Klasse kümmert.

Pfister: Leiten Sie daraus eine politische Forderung ab, eine politische Forderung, mehr Freiräume in diesem Schulalltag zu schaffen?

Solzbacher: Ich glaube grundsätzlich, dass wir ein bisschen wenig Wert legen auf Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitserziehung von Kindern. Das ist untergegangen in einem Höher-schneller-weiter. Und wir machen uns zu wenig Gedanken darüber, was das heißt. Das Recht von Kindern auf persönliche Entwicklung oder das Recht auf soziale Zugehörigkeit oder auf kulturelle Betätigung und Ähnliches. Ich glaube ganz bestimmt, dass, wenn wir diese Grundlagen der Kinderrechte der UN-Konvention für Kinderrechte ernster nehmen würden, käme das der ganzen Klasse und allen Kindern zugute.

Pfister: Claudia Solzbacher, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Osnabrück, war das. Danke Ihnen, Frau Solzbacher!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen. 

 

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