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Flüchtlinge in KölnHilfsbereitschaft statt Angst

Zu Anfang war die Skepsis groß: 200 Flüchtlinge sollten in der Turnhalle eines Kölner Gymnasiums unterkommen. Die eigentlich vorgesehene Unterkunft war von Unbekannten demoliert worden. Doch schnell wich die Angst großer Hilfsbereitschaft: Eine Elterninitiative unterstützte die Flüchtlingen in vielen Bereichen.

Von Jonas Reese | 22.12.2014

Matratzen liegen am 17.07.2014 in der Kapelle der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf (Bayern). Etwa 30 Asylbewerber mussten zu der Zeit auf Matratzen in der Kapelle schlafen, weil die Einrichtung überbelegt war.
Nicht nur in Köln müssen Flüchtlinge in Notunterkünften bleiben. In einer offiziellen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber im bayerischen Zirndorf mussten Flüchtlinge zum Beispiel in einer Kapelle schlafen, weil die Einrichtung überbelegt war. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Langsam schiebt sich die siebte Klasse des Georg-Büchner-Gymnasiums durch das Souterrain ihrer Sporthalle. Viel ist nicht mehr zu sehen von den kurz zuvor abgereisten Gästen: Blaue Feldbetten stapeln sich. Decken sind in gelbe Plastiksäcke gestopft. Müll zusammengekehrt in den Ecken. Die Luft ist verbraucht. Die 28 Kinder ahnen, wie beengt das Zusammenleben hier gewesen sein muss:
"Zu 28 Leuten war schon wenig Platz auf diesem kleinen Raum. Und dann zu 200 Menschen, und die Betten waren total klein und nebeneinander beengt. Und das total ungemütlich. Und ein Dach war undicht, ein Fenster war undicht, da hat es durchgetropft."
Ihre Besichtigung ist Teil des Projekttages "Menschen auf der Flucht", den die Schule veranstaltet. Einen Tag nachdem die Flüchtlinge die Halle wieder verlassen haben. Sie sind jetzt in einen umgebauten Baumarkt am anderen Ende der Stadt umgezogen. Dort sollten sie schon ursprünglich untergebracht werden. Nachdem Unbekannte jedoch das Dach des Baumarkts demoliert hatten, musste die Schule als Notlösung her.
"Alles ist besser, als auf der Flucht zu sein"
Für das Gymnasium ist der Projekttag nun quasi der vorläufige Schlusspunkt einer sechswöchigen, unfreiwilligen Nachbarschaft. Rund 150 Oberstufenschüler sitzen im Musikraum des Schulgebäudes. Eine vierköpfige syrische Familie steht ihnen an diesem Projekttag Rede und Antwort. Eine Übersetzerin hilft dabei. Eine Schülerin will wissen, wie das Leben in der Turnhalle gewesen ist:
"Für eine kurze Zeit wäre das noch okay gewesen, aber wenn man dort für eine längere Zeit wohnt, geht das gar nicht, weil man dort überhaupt keine Privatsphäre hat. Also man kann nicht einfach die Türe zu machen, und sagen: So, jetzt bin ich mit meiner Familie zusammen. Sondern man ist mit ganz vielen Leuten zusammen."
Die Familie lebte nur kurz in der Halle. Da die Frau hochschwanger ist, durften sie bald in ein Flüchtlingshotel umziehen. Die gemischten Toiletten, hygienische Bedenken und die fehlende Heizung machten das notwendig. Aber alles sei besser, als auf der Flucht zu sein, sagen sie.
Rund eine Stunde beantwortet die Familie jede Frage zu ihrem Schicksal, zu ihrer Heimat Syrien und zu Deutschland. Dick eingepackt in Winterjacken und Handschuhe. Zum Schluss möchte der Vater dann noch selbst ein paar Worte an die Schüler richten. Auf arabisch, auf deutsch traut er sich noch nicht.
"Aus Unwissenheit ängstlich"
Die Worte Merhaba und Schukran verstehen sie hier auch ohne Übersetzung. Sie heißen "Danke". Der Vater dankt den Deutschen außerdem, dass seine Kinder hier in Frieden leben können und für ihre großartige Willkommenskultur.
Die Willkommenskultur brauchte am Büchner-Gymnasium ein wenig Anlauf. Die Skepsis war vor allem auf Elternseite groß, als bekannt wurde, dass 200 Flüchtlinge direkt neben ihren Kindern leben sollten. Man hatte Angst vor Gewalt, Krankheiten, gar vor Ebola, erzählt man hier hinter vorgehaltener Hand.
Doch dann sei die Angst Hilfsbereitschaft gewichen, sagt Markus Valder, Vater eines Siebtklässlers und Elternvertreter:
"Am Anfang war große Angst, große Skepsis der Elternschaft, der Schülerschaft, Lehrerschaft. Viele waren einfach aus Unwissenheit ängstlich. Und hatten Vorurteile. Und die Flüchtlinge haben uns widerlegt. Durch ihre Herzlichkeit."
Als bekannt wurde, dass die Halle keine Heizung hat, wurden innerhalb von sechs Stunden 500 Decken für die frierenden Flüchtlinge organisiert. Eine private Elterninitiative erwuchs daraus. Sie sammelte Spenden, organisierte Fahrdienste, begleitete bei Behördengängen. Die Schule veranstaltete ein Weihnachtskonzert; Schüler kümmerten sich um das Buffet. Mittlerweile geht die Hilfsbereitschaft weit über die Grenzen der Schule hinaus, sagt Valder:
"Wenn ich mir überlege, dass ich im Grunde alleine damit angefangen habe und jetzt wahrscheinlich den gesamten Stadtteil Köln-Weiden-Junkersdorf-Lövenich hinter mir habe, dann finde ich das schon beachtlich. Wir haben jetzt Eltern, die kommen und sagen: Hier haste Tausend Euro, mach damit, was du für richtig hältst. Oder ein Vater hat gesagt: 'Steck die Flüchtlinge in ein Hotel, schick mir die Rechnung, ich bezahl das. Egal was es kostet. Egal wie lange.'"
Deutsche Willkommenskultur
Um die deutsche Willkommenskultur geht es auch mit der nächsten Gesprächspartnerin, die zu den Schülern für den Projekttag in den Musikraum kommt: Henriette Reker, parteilose Sozialdezernentin der Stadt Köln. Und damit verantwortlich für die Notunterkunft Turnhalle. Warum es denn soweit kommen konnte, dass Flüchtlinge in einer Turnhalle wohnen müssen, wollen die Schüler wissen, und ob die Politik nicht schon viel früher hätte reagieren müssen bei den sich abzeichnenden Flüchtlingsströmen.
"Wir können als Stadt auch nicht einfach hingehen und einen Bauunternehmer beauftragen und sagen: Bau das mal für uns! Es gibt Richtlinien, und das ist auch richtig, wenn man mit Steuergeldern umgeht, die einfach prozesshaft dauern.
Also, ich hatte auch noch nie die Verantwortung, einen Baumarkt umzubauen. Wusste ich auch noch nicht, wie das geht. Jetzt weiß ich das ein bisschen. Aber auch das sind Prozesse, die man auch erst lernen muss. Und deswegen können wir hoffentlich in Zukunft auf solche Notlösung wie hier verzichten."
Nach den Weihnachtsferien soll die Schule dann ihre Halle zurückbekommen. Auch die Kölner Karnevalsgesellschaft war schon besorgt. Denn traditionell finden im Frühjahr in der Halle viele ihrer Sitzungen statt. Zum Schluss will dann auch Reker noch von den Schülern lernen. Was sollte sie beim nächsten Mal besser machen?
"Also auf jeden Fall: Wissen, mit wem man es da zu tun hat. Das man weiß, wo die Leute herkommen. Und auch mal in der Schulzeit ein Treffen mit irgendwelchen Flüchtlingen zu machen, dass man die auch mal näher kennenlernt."
Reker: "Ok, Danke!"