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StartseiteTag für Tag"Gehässige Denunzierung des Helfers"14.10.2016

Flüchtlingshilfe"Gehässige Denunzierung des Helfers"

Dass es keine selbstlose Hilfe gebe, sei eine Unterstellung, sagte Tillmann Bendikowski, Autor einer Kulturgeschichte des Helfens, im DLF. Deshalb müsse man mit der "Denunzierung des Helfers", wie sie gerade bei Flüchtlingshelfern geschehe, vorsichtig sein. Dies sei eine "höchst unglückliche Modeerscheinung" und eine "sehr bedenkliche Situation".

Tillmann Bendikowski im Gespräch mit Christiane Florin

Der Historiker Tillmann Bendikowski sitzend auf dem blauen Sofa. (dpa/picture alliance/Jens Kalaene)
Flüchtlingshelfern würden oft unlautere Motive unterstellt, kritisierte der Historiker Tillmann Bendikowski im Interview mit dem Deutschlandfunk. (dpa/picture alliance/Jens Kalaene)
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Christiane Florin: Es gibt Organisationen, die für Hilfe zuständig sind, für medizinische Hilfe, für Katastrophenhilfe. Es gibt Persönlichkeiten, die als große Helfer bekannt sind. Mutter Teresa, Albert Schweizer, der kürzlich verstorbene Rupert Neudeck. Über die Familie als Hilfsorganisation wird wenig gesprochen. Ist Hilfe in der Familie so selbstverständlich, dass sie nicht erwähnt werden muss?

Tillmann Bendikowski: Wenn wir sie genau betrachten, werden wir sehr rasch sehen, dass die Familie traditionell sozusagen der erste und vornehmste Ort des Helfens ist. Um es noch deutlicher zu sagen: Die Familie ist die Schule des Helfens schlechthin, nicht nur der Ort des Helfens, sondern die Schule. Hier erlernen wir die Kulturtechnik des Helfens von Kind auf.

Florin: Was haben Sie bei Ihren Recherchen über die Familie in der Vergangenheit herausgefunden? Wurde da aus Liebe geholfen, aus Konvention, aus Pflicht?

Helfen in der Familie als "unausgesprochener Generationenvertrag"

Bendikowski: Na ja, die Liebe zu rekonstruieren, da stößt selbst der Historiker irgendwann an seine Grenzen. Familiäre Hilfe hat kulturhistorisch eine große, eine lange Tradition. Das heißt: Das Helfen innerhalb der Familie gehörte stets zu den Selbstverständlichkeiten. Das unser Erbe, das unser Familienleben heute noch prägt. Es ist so etwas wie ein unausgesprochener Generationenvertrag. Das heißt: Früher half man vor allen Dingen den Älteren auch finanziell aus - das hat sich verändert.

Bis in die Gegenwart hinein war es so, dass die ältere Generation finanziell so gut gestellt war, dass sie auch den Kindern oder Enkeln finanziell helfen konnte, aber immer war im Falle von Krankheit oder von Unfall, von Pflegebedürftigkeit, die Familie als erster Ansprechpartner vorhanden. Und es waren immer Familienangehörige, in der Regel die Frauen, die als erste Helferinnen auf den Plan traten. Das ist das kulturelle Erbe unserer Familie.

Florin: Als Frauen nicht berufstätig waren, sie haben das angesprochen, als man noch in Großfamilien zusammenlebte, da haben sich manche Betreuungsfragen gar nicht gestellt. die sich heute stellen. Es war ja immer jemand da, eine Tochter, Schwiegertochter, eine unverheiratete Tante, um auf die Kinder aufzupassen oder Kranke zu versorgen. Heute leben wir anders, wir müssen mehr untereinander raushandeln, auch an Profis delegieren, Kindererziehung, Pflege. Was macht das mit der Familie als Hilfsverband?

Pflege von Familienangehörigen führt zu "Grenzen des Helfens"

Bendikowski: Gerade die Pflege von Familienangehörigen führt zu einer Doppel- und Mehrfachbelastung vor allem der Helferinnen in der Familie, also den Frauen. Wir wissen, dass ein gutes Drittel der pflegenden Angehörigen berufstätig ist. Hier haben sie eine Belastung, Tage, an denen eben 24 Stunden kaum ausreichen. Das betrifft vor allem die Helferinnen, die Mütter - etwa zwischen 40 und 60 Jahren - die einerseits die eigenen Eltern pflegen müssen oder ein Elternteil und gleichzeitig sich dann noch um zu Hause lebende Kinder kümmern müssen.

Das heißt: Wir haben hier eine Überstrapazierung der Helferinnen, die letztlich dadurch auch an die Grenzen ihres Helfens kommen. Wir haben Helferinnen, die selber Hilfe brauchen und wir haben Familien, die zunehmend auch selbst der Hilfe bedürfen. 

"Zwangsläufigkeit des Helfens in der Familie hilft über Krisenmomente hinweg"

Florin: Sind Eltern ethisch verpflichtet, sich um die Enkel zu kümmern, wenn sie in der Nähe wohnen, oder haben sie ihre Schuldigkeit mit der Erziehung der eigenen Kinder getan?

Bendikowski: Wir brauchen das gar nicht moralisch zu beantworten, sondern wir können den Vergleich ziehen zu Hilfe in Freundschaften und Hilfe innerhalb der Familie. Dort können wir sehr schön unterscheiden: Freunde helfen einander in einem Akt der Freiwilligkeit und zwar ohne, dass man auf Rückzahlung achtet, auf Rückzahlung besteht. Aber das ist ein rein freiwilliges Helfen, das ist flüchtig. Das kann einmalig sein. Wenn man unzufrieden ist, kann man sich aus dieser Struktur der Hilfe auch wieder zurückziehen.

Verwandte helfen sich gewissermaßen aus Zwangsläufigkeit, sie können gar nicht anders. Diese Zwangsläufigkeit der Hilfe beinhaltet, dass Sie selber als Kind Hilfe erfahren haben, von Eltern, von Großeltern. Und in aller Regel, soweit es funktionierende Strukturen sind, dann als Vater, Mutter oder Großeltern auch selber das Bedürfnis haben, davon etwas zurückzugeben von der Hilfe, die sie empfangen haben.

Das heißt: Wir haben so etwas wie einen unausgesprochenen Generationenvertrag. Und wenngleich wir alle wissen, dass Familie keine soziale Idylle ist: Diese Zwangsläufigkeit, die unser Helfen in der Familie prägt, hilft auch über Krisenmomente hinweg. Umfragen haben gezeigt, dass man angehörigen hilft, auch in einem Moment wo man sie eigentlich nicht mehr mag, wo man Konflikte hat, wo man Krisen durchlebt, aber trotzdem fühlt man die Verpflichtung zur Hilfe. Das ist der große Unterschied zu einer Hilfe außerhalb der Familie, die es auch gibt, die auch hoch zu schätzen ist, die aber in hohem Maße auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und dann auch wieder der Flüchtigkeit besteht.

"Die Denunzierung und Verdächtigung des Helfers hat eine große Konjunktur"

Florin: Aber es ist ja ein heikles Verhältnis zwischen Hilfe-Dankbarkeit. Hilfe ist ja selten selbstlos, sondern schon in der Erwartung, dass es irgendwann einmal eine Gegenleistung gibt.

Bendikowski: Also zunächst einmal ist es eine Unterstellung, dass es keine selbstlose Hilfe gäbe. Und wenn wir genauer hinschauen, müsste man differenzieren: Warum hilft eigentlich jemand? Und da bin ich nach meinen Recherchen doch zu dem Ergebnis gekommen, dass wir vorsichtig sein müssen in der Denunzierung des Helfers. Ich halte es für plausibel, aber wir schauen uns die geleistete Hilfe an, ob sie für den Hilfeempfänger sinnvoll ist.

Florin: Haben Sie den Eindruck, dass Helfer denunziert werden?

Bendikowski: Ja, wir haben gerade, wenn es über Familie hinausreicht, die Diskussion um die Hilfe an Flüchtlingen. Hier erleben wir seit seinem Jahr eine ganz breite, zum Teil unreflektierte, zum Teil sehr gehässige Denunzierung des Helfers. Im besten Falle noch als politische Naivlinge, die dort etwas tun und politisch gar nicht sehen, was die Realität eigentlich verlangt. Die Denunzierung und Verdächtigung des Helfers hat im Moment eine große Konjunktur.

Wir unterstellen lautere, wie unlautere Motive: "Die wollen sich nur wichtig tun. Die leiden an einem Helfersyndrom. Die sind politisch naiv. Die haben nichts Besseres zu tun. Die haben ein schlechtes Gewissen." Einige bemühen sogar noch die NS-Vergangenheit, um den Deutschen so etwas wie ein Helfersyndrom aufzuschwatzen. Das heißt: Da gibt es im Moment eine höchst unglückliche Modeerscheinung der Denunzierung des Helfers - eine sehr bedenkliche Situation.

"Familie ist keine soziale Idylle"

Florin: Aber nochmal: Wie ist dieses heikle Verhältnis zwischen Hilfe und Erwartung einer Gegenleistung? Ist das nicht doch in der Familie so, dass Eltern etwas von Kindern erwarten und erwachsene Kinder auch noch immer von ihren Eltern?

Bendikowski: Die Erwartung, dass man Hilfe bekommt, ist ja auch überhaupt nichts Dramatisches, das ist völlig in Ordnung. Grundsätzlich aber noch einmal: Auch innerhalb einer Familie ist Hilfe immer eine asymmetrische Beziehung. Das heißt: Derjenige, der hilft, ist in dem Moment stärker, gesünder, reicher als derjenige, dem geholfen wird. Das ist natürlich, wenn Sie so wollen, auch eine Situation des Machtgefälles. Der Starke und der Schwache.

Und diese Situation stellt sich immer ein, wenn Hilfe geleistet wird. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen sie hat. Es gibt Momente, wo der Hilfeempfänger dann sagt: Das möchte ich nicht. In der Familie das typische Beispiel sind kleine Kinder, die sagen irgendwann: "Lass das, das kann ich alleine, du brauchst mir nicht helfen." Das findet sich in der Pflege von Senioren auch wieder, die durch die übermäßige Pflege die Sorge haben, sie würden entmündigt, dabei können sie das doch noch selber.

Und es gibt natürlich auch Momente, wo in der Familie überbehütete Hilfe genau aus diesem Grund geleistet werden soll, um den anderen an sich zu binden. Aber das ist das, was ich sagte: Familie ist keine soziale Idylle, aber in der Regel ist es ein Prozess, der sich über die Generationen hinweg ausgleicht und zu einem gesunden Ausmaß kommt.

"Es gibt ein Gewissen der Familie"

Florin: Unternehmen geben sich Ethik-Codes. Wäre es sinnvoll, wenn Familien Ethik-Codes hätten mit Hilfspflichten. Oder ist gerade das Unausgesprochene wichtig?

Bendikowski: Da bin ich ein Anhänger der Freiheit der Familie. In jeder Familie sollte es eigene Vorstellungen von gegenseitiger Hilfsbereitschaft geben - das liegt an der Verfasstheit der Familie, an den Präsenzzeiten der Eltern, an der Größe der Familie. Das liegt an der Familiengeschichte, an den ökonomischen Bedingungen, an den Erfahrungen, die eine Familie macht.

Ich würde darauf vertrauen, dass es so etwas wie das moralische Selbst, also so etwas wie ein Gewissen einer jeden Familie gibt. Das Vertrauen müssen wir aufbringen, dass eine Familie diese gegenseitige Hilfe für sich selber schafft, durch das Milieu das es selber darstellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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