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Flüchtlingslager DadaabEin bisschen wie im Gefängnis

Seit fast 30 Jahren gibt es das Flüchtlingslager Dadaab im Osten Kenias, mehr als 200.000 Menschen leben dort. Mohamed Abdi Abdullahi wurde dort geboren, verlassen darf er Dadaab nicht. Nach Somalia könnte er ausreisen, doch das Land ist nicht sicher und Mohamed war noch nie dort.

Von Karin Bensch | 18.12.2019

Ein Luftbild auf den östlichen Teil des Flüchtlingslagers Dadaab.
Ein Luftbild auf den östlichen Teil des Flüchtlingslagers Dadaab aus dem Jahr 2015 (AFP)
Mohamed Abdi Abdullahi steht am Grab seines Vaters. "Er hat uns hier im Flüchtlingslager aufgezogen", sagt Mohamed und klingt traurig.
"Er hat für uns gesorgt, Feuerholz gesammelt und Wasser herbeigetragen. Immer, wenn ich ihn hier an seinem Grab besuche, denke ich daran, erzählt er."
Mohamed ist 28 Jahre alt. Er wurde im Flüchtlingslager Dadaab, organisiert von den Vereinten Nationen, geboren und ist hier aufgewachsen. Er kennt nichts anderes. Das Camp besteht aus tausenden Zelten und Häusern, umgeben von einer kargen Landschaft. Aus der Luft sieht man die riesigen Siedlungen als rechteckige Formen. Dadaab ist eine Kleinstadt. Hier gibt es einfache Läden, Marktplätze, Schulen und Moscheen.
Die meisten Bewohner sind Somalier
Entstanden ist das Flüchtlingslager Dadaab Anfang der 90er-Jahre im Osten Kenias, nahe der Grenze zu Somalia. Von dort stammen die meisten Menschen. Sie sind ehemalige Bürgerkriegsflüchtlinge. Bis heute ist Somalia ein instabiles Land. Die islamistische Terrorgruppe Al Shahab verübt regemäßig Anschläge. Es gibt Gewalt auf den Straßen, Armut und Perspektivlosigkeit.
Auch Mohameds Eltern kamen aus Somalia ins Flüchtlingslager Dadaab. Mittlerweile ist er selbst Vater. Mohamed hat drei kleine Kinder, die genau wie er im Camp zur Welt kamen. Auch seine 22-jährige Frau Sarah hat er hier kennengelernt.
"Wir können hier nicht raus", klagt Mohamed. "Du hast nicht die Freiheit, irgendwohin zu gehen, oder die Arbeit zu machen, die Du machen möchtest. Die Flüchtlinge in Dadaab dürfen das Camp nicht verlassen. Um heraus zu gehen, bräuchten sie eine Genehmigung der kenianischen Behörden, aber die ist schwer zu bekommen. Ich fühle mich wie ein Häftling, der nicht die Kraft hat zu fliehen, sagt Mohamed."
Manche Flüchtlinge nehmen aus Frust Drogen oder haben sich sogar das Leben genommen. Mohamed fühlt sich oft gestresst, sagt er, doch seine Kinder geben ihm Zuversicht. Mohamed wünscht sich, dass seine drei Kinder anders aufwachsen als er. Sie sollen eine bessere Schulbildung, einen höheren Lebensstandard und mehr Freiheit haben.
Nach Kenia darf Mohamed nicht
Mohamed hat den Traum noch nicht aufgegeben, dass sie das Flüchtlingslager eines Tages verlassen können. "Ich wünsche mir so sehr, dass wir ein besseres Leben führen können", sagt er.
Doch wohin könnten sie gehen? Zurück nach Somalia? Nein, sagt Mohamed. Die Situation dort sei noch immer zu unsicher. Außerdem kenne er das Land gar nicht und fühle sich nicht als Somalier, sagt Mohamed. Er würde gern in Kenia leben – außerhalb des Flüchtlingslagers. Doch die kenianische Regierung lässt Flüchtlinge aus Dadaab nicht raus. Sie würde das Camp am liebsten schließen und die Menschen in ihre Herkunftsländer zurückschicken.
Mohamed steht am Grab seines Vaters. Ihm gehen schwere Gedanken durch den Kopf. "Irgendwann werde ich hier möglichweise auch begraben. Hier im Flüchtlingslager", sagt er. Und davor habe er große Angst.