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StartseiteEine WeltTestlabore für humanitäre Hilfe21.04.2018

Flüchtlingslager in Jordanien und im LibanonTestlabore für humanitäre Hilfe

Bankkarten und Geldkontingente statt Lebensmittelgutscheine: Im Libanon und Jordanien testet das World Food Programm der UNO neue Werkzeuge für Krisenregionen. Bargeldloses Bezahlen soll für mehr Sicherheit und weniger Kosten sorgen. Doch Iris-Scans und Kryptowährung haben einen faden Beigeschmack.

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley (Hintergrund), beobachtet, wie ein bandagierter syrischer Flüchtling seine Iris am 21. Mai 2017 im Zaatari Flüchtlingslager in einem Supermarkt gescannt hat. (AFP PHOTO / POOL / Raad Adayleh)
Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley informierte 2017 im Flüchtlingslager Zaatari über Programm (AFP PHOTO / POOL / Raad Adayleh)
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What the World Food Programme is doing in Jordan [wfp.org]

Direkt hinterm Eingang liegt wie üblich das Gemüse. Um Ahmed und ihre Tochter schieben ihre beiden Einkaufswagen zur Kasse, vorbei an Regalen voller Mehl und Reis, Tee und Keksen, roten Linsen und Dosen mit Tomatenpüree.

Ein gewöhnlicher Supermarkt - eigentlich. Doch in dem Laden im Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens, an der Grenze zu Syrien, zahlt Um Ahmeds Tochter nicht mit Bargeld, sondern mit einem Blick.

Bargeldlos Bezahlen per Augenscan

"Es ist ein ganz normaler Laden: Wir haben Lebensmittel, frisches Fleisch und Gemüse, und die Flüchtlinge bezahlen mit Augenscan."

Erklärt Ladenbetreiber Samir. Während Um Ahmed an der Kasse die Waren einpackt, schaut ihre Tochter geradeaus in eine Art Kamera. Es piept – und der Betrag wird von einem virtuellen Konto abgebucht, und zwar in der virtuellen Währung Ethereum. Um Ahmed hat sich an die neue Technik gewöhnt, allerdings:

"Ich habe ein Problem mit der Iris, deshalb klappt das bei mir nicht immer. Ich muss dann drei Mal in das Gerät schauen. Bei meinen Kindern geht das problemlos, und wir haben ja ein Familienkonto."

Datenschutz ist vorerst kein Thema

Die 50-Jährige aus dem syrischen Ghuta gehört mit ihren Kindern und Enkeln zu den 100.000 Flüchtlingen, die derzeit in den beiden Lagern Zaatari und Azraq auf diese Weise bezahlen. Bis Ende des Jahres will das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, kurz WFP, das bargeldlose Bezahlen per Augenscan auf ganz Jordanien ausweiten, auf eine halbe Million Geflüchtete – auch aus Kostengründen, sagt Naser, WFP-Mitarbeiter in Zaatari.

"Vor kurzem sind wir zum Blockchain-Verfahren gewechselt, das verringert die Kosten enorm, weil kaum noch Überweisungen anfallen. Einmal im Monat werden die Konten der Flüchtlinge aufgeladen, dann kommen sie hierher, bezahlen mit dem Iris-Scan und werden über die Datenbank identifiziert. Der Supermarkt hier ist vom WFP lizensiert, wir können alle Zahlungen einsehen und abgleichen."

Eine virtuelle Brieftasche mit virtuellem Geld, das per Biometrie umgebucht wird: Datenschutz ist hier vorerst kein Thema. Das Welternährungsprogramm nutzt die Syrienkrise aber nicht nur in Jordanien, um neue Werkzeuge für humanitäre Hilfe zu testen.

Großteil wird für Grundnahrungsmittel ausgegeben

Von der jordanischen Hauptstadt Amman nach Beirut sind es nur 300 Kilometer Luftlinie. Doch das Flugzeug fliegt nicht auf direktem Weg, sondern in einem Riesenbogen um Damaskus herum, Syriens Hauptstadt. Vor dem Krieg in ihrer Heimat sind allein 1,5 Millionen Syrer in den Libanon geflohen, ein Land halb so groß wie Hessen.

"Ich heiße Najah, ich komme aus Homs, ich habe mit meiner Familie sicher in unserem Haus gelebt, aber als der Krieg begann und der Raketenbeschuss, bin ich mit meinen Kindern geflohen. Erst nach Deir ez-Zor, dann nach Jableh, dann zurück nach Homs. 2013 sind wir dann über die Grenze gegangen, in den Libanon."

Syrische Flüchtlinge warten in einem Camp nahe der Syrischen Grenze in Libanon auf ihre Registrierung.  (picture alliance / EPA / STR)Flüchtlinge warten in einem Camp nahe der Syrischen Grenze in Libanon auf ihre Registrierung. (picture alliance / EPA / STR)

Seitdem lebt Najah Al Mahmud in. Ihr Mann starb bei dem Raketeneinschlag damals, ihre Mutter wurde am Rücken verletzt. Najah bewohnt mit ihren drei Kindern und der Mutter eine Hütte aus Planen am Ortsrand. Seit Kurzem erhält die fünfköpfige Familie umgerechnet 250 Euro im Monat, eine Art Grundeinkommen, abzuheben mit einer ganz normalen Bankkarte.

"Ich habe lange elektronische Gutscheine für Lebensmittel bekommen. Natürlich war ich froh über die Hilfe, ohne die hätten wir nichts. Aber die Gutscheine konnte ich nur in den lizenzierten Supermärkten einlösen. Jetzt wurde das System umgestellt auf Bargeld, seitdem ist es besser. Ich gehe zum Automaten, ziehe Geld und kann dann entscheiden, wofür ich es einsetze: für die Miete, für Medizin, einen Arztbesuch, Windeln für meine Mutter. Das Meiste aber für Lebensmittel. Ich vergleiche Preise und warte, bis Gemüse oder Brot etwas älter sind. Dann wird es billiger. Dadurch spare ich ein bisschen."

Teilhabe am Wirtschaftsleben möglich

Die ersten Erfahrungen mit dem Projekt seien gut, so das Welternährungsprogramm. Die eigens geschaffene Geldkarte lasse den Flüchtlingen ihre Würde und erhöhe ihre Akzeptanz, denn es lasse sie teilhaben am Wirtschaftsleben im Libanon. Seit 2012 sei so mehr als eine Milliarde Dollar ins Land geflossen. Dass die Hilfe aus Bargeld besteht, sei viel einfacher und werde kaum missbraucht, sagt WFP-Landesdirektor Dominik Heinrich.

"Wenn wir wirklich sehr notbedürftigen Familien Unterstützung geben, dann haben wir eine große Sicherheit, dass wirklich die essenziellen Bedürfnisse mit dem Geld getätigt werden. Und wir haben Daten und Analysen dazu: Bei ganz armen Familien wird bis zu 80 Prozent für Grundnahrungsmittelgüter ausgegeben."

Wissen, Technik und Erfahrung wollen die Vereinten Nationen in Zukunft auf andere Krisen übertragen – zumindest in Schwellenländern, wo lokale Märkte und Bankautomaten funktionieren.

Najahs Augen sind umschattet. Ihre Hände stecken in schwarzen Handschuhen und drehen fortwährend ein weißes Taschentuch. Auch bei der Frage nach der Rückkehr.

"Heimkehren ja, aber nicht in naher Zukunft. Meine Kinder fragen mich häufig, ob wir nicht heimkehren können. Dann erkläre ich ihnen, dass es immer noch nicht sicher ist dort. Aber ich wünsche es mir sehr – so schnell wie möglich."

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