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StartseiteKultur heute"Fokus Israel"02.04.2007

"Fokus Israel"

Bilanz des F.I.N.D.-Festivals an der Berliner Schaubühne

Zeitgenössisches Theater hat in Israel eine immense Bedeutung: Klassiker werden dort so gut wie gar nicht gespielt, 80 Prozent der Stücke sind von zeitgenössischen Autoren und die Menschen gehen wie besessen ins Theater. Aber kann man israelisches Theater in Deutschland überhaupt zeigen? An der Berliner Schaubühne fand jetzt das jährliche <papaya:link href="http://www.schaubuehne.de/spielplan/festival.php?id_language=1" text="Festival Internationaler Neuer Dramatik (F.I.N.D.)" title="Festival Internationaler Neuer Dramatik (F.I.N.D. 7)" target="_blank" /> statt. Diesmal mit neuen Stücken aus Israel.

Von Dorothea Marcus

Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (AP Archiv)
Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (AP Archiv)
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Festival Internationaler Neuer Dramatik (F.I.N.D. 7)

Ausweiskontrolle bei Theatereinlass. Zwei Soldaten mit MGs stehen an den Türen des Schaubühnensaals, schreien die wartenden Zuschauer an und lassen lange Schlangen entstehen, bis das Gastspiel "Plonter" (Verworren) beginnt. Die Soldaten sollen eigentlich israelische Zuschauer ahnen lassen, was es heißt, an einem Checkpoint zu stehen. Viele gehen in Tel Aviv daraufhin aus Protest nach Hause, erzählt die 31-jährige Autorin und Regisseurin Yael Ronen. Für ihre Inszenierung haben israelische und arabische Schauspieler monatelang gemeinsam geprobt, mit Kameras auf Tel Avivs Straßen wahre Geschichten recherchiert.

Zustande kommt ein verwobener Teppich aus aberwitzigen Szenen, der dem israelischen Alltag wütende Komik abtrotzt: die Mauer wird direkt durch das Haus einer palästinensischen Familie gebaut, zum Zähneputzen muss sie am Soldaten im Wohnzimmer vorbei. Ein orientalisch aussehender Israeli betritt mit Rucksack einen öffentlichen Bus und muss sich nackt ausziehen. Ein israelisches Paar kocht für arabische Gäste und verheddert sich in Klischees. Das Bühnenbild ist eine Mauer, auf die immer wieder Trauernde, Demonstranten, Sargträger projiziert werden. Man kann nicht unterscheiden, ob es israelische oder arabische Stimmen sind - Trauer und Entsetzen sind auf beiden Seiten gleich.

In Yael Ronens anderem, an der Schaubühne übersetzt gelesenem Stück "Reiseführer in ein gutes Leben" grundiert der Terror das Leben gehetzter Großstadtmenschen: ein Fernsehreporter hastet sensationsgierig von Anschlag zu Anschlag. Ein Liebesdoktor betrügt seine Frau mit einem Aktmodell. Soldaten schänden eine Leiche - und verheiraten sich direkt danach fröhlich. Menschen wie du und ich, die sich durch den Dschungel des Alltags schlagen: ständig läuft der Fernseher und schrillt das Telefon: eine absurde Hektik, in der niemand mehr etwas spürt und Moral nur das Zeitmanagement stört. Die Autorin Yael Ronen:

"Es ist ein sehr direktes Stück, das die Dinge sehr aggressiv sagt, denn es ist speziell für die israelische Gesellschaft geschrieben. Aber wenn man es nicht in Israel zeigt, klingt es auf einmal anders. Es fühlte sich komisch an, es von Deutschen gesprochen zu hören. Ich will nicht, dass es jemandem hilft, Hass auf Israel oder Antisemitismus zu schüren. Oder um das geschichtliche Gewissen der Deutschen reinzuwaschen. Dies sind sehr unterschiedliche Dinge. Die Kritik, die Israelis gegenüber ihrer eigenen Geschichte äußern können, klingt sehr anders, wenn sie von außen kommt. Für mich war das verwirrend, denn ich konnte nicht sagen, wie das deutsche Ohren beeinflussen würde."

In "Der Unfall" des 57-jährigen Hillel Mittelpunkt überfahren ein Filmemacher, eine Raketenexpertin und ein Marketing-Spezialist einen Chinesen und begehen Fahrerflucht. Das Stück erzählt meisterhaft, wie verdrängte Schuld auf die Schuldigen zurückfällt und jede folgende Familienkatastrophe ihren Ursprung in diesem Ereignis hat. Schuldverstrickung scheint in Israel allgegenwärtig: der Filmemacher im Stück macht einen Film über die Verbrechen der israelischen Armee, der von der Armee kofinanziert wird, der Marketing-Spezialist betrügt seine Frau mit seiner Tochter. In Israel ist es rund 200 Mal mit riesigem Erfolg gelaufen. Warum ist die zeitgenössische Dramatik in Israel so immens erfolgreich? Autor Hillel Mittelpunkt, einer der wichtigsten Dramatiker.

"Israel ist eine sehr politische Gesellschaft. Menschen wollen im Theater ihre eigene Realität sehen, um die Konflikte des Alltags zu reflektieren - wie vor einer Art Lagerfeuer. Schreiben über Krieg, über den Armeealltag, über Gewalt ist Normalität. Man muss keine Recherchen dafür machen. Das Diskussionsbedürfnis danach ist enorm - bis an die höchsten Stellen, selbst im Parlament wird manchmal über Stücke gesprochen! Wir behandeln im Theater kaum abstrakte Themen. Ich glaube, die ästhetische Seite unseres Theater ist manchmal etwas schwach. Aber Theater ist eben unheimlich populär bei uns."

Die meisten neuen israelischen Stücke sind sprachlich eher einfach - im Gegensatz zu ihrem anspruchsvollen Inhalt. Komisch und zynische, gut gebaute und vielschichtige Well-Made-Plays - die interessante Perspektiven auf israelische Gegenwart in der 3. Generation nach Auschwitz werfen. In deutschen Theatern sind sie dennoch mit Vorsicht zu genießen - denn unsere Perspektive auf sie bleibt befangen und vorsichtig.

Mittelpunkt: "Die meisten meiner Stücke habe ich geschrieben, um israelische Nerven zu treffen. Im Ausland bekommt das etwas Touristisches oder Exotisches. Ich habe wirklich keine Lust, dass die Deutschen denken: "Oh, guck mal, diese Israelis sind ja wirklich sehr nervös"."

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