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StartseiteCampus & KarriereKaum Chancen auf freiwillige Praktika28.07.2020

Folgen des MindestlohnsKaum Chancen auf freiwillige Praktika

Mit Generation Praktikum bezeichnete man junge Menschen, die sich – meist unbezahlt – von Praktikum zu Praktikum hangelten, ohne dann einen Job oder eine vernünftige Entlohnung zu bekommen. Das sollte das Mindestlohngesetz von 2015 ändern. Das ist auch gelungen – jedoch mit unschönen Nebeneffekten.

Von Anja Nehls

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Drei Menschen schauen in einen Computer (imago / Westend61)
Ein Praktikum ist ein möglicher Einstieg in den späteren Beruf (imago / Westend61)
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Clara Nöldeke studiert Wirtschaftspsychologie im sechsten Semester in Berlin und will im Herbst ihren Bachelor machen. Für den Master danach möchte sie wechseln, von der Wirtschaftspsychologie in die klinische Psychologie. Mit einem Orientierungspraktikum vorher wird es aber wohl leider nichts werden – und das liegt nicht nur an Corona:

"Da ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob die klinische Psychologie tatsächlich etwas für mich ist, wollte ich gerne vorher ein Praktikum machen, um herauszufinden, ob es das ist, was ich möchte und was mich erwartet. Und ob ich in dem Bereich, mich in der Arbeit wohlfühle. Probiert habe ich es bei der Charité, beim jüdischen Krankenhaus hier in Berlin und bei diversen privaten Praxen. Mir wurde nicht direkt gesagt, dass es bedingt durch Corona ist, allerdings wurde immer gesagt, es geht nicht, weil es ein Pflichtpraktikum sein muss und das konnte ich nicht nachweisen."

Nur wenn die Studienordnung ein Pflichtpraktikum innerhalb eines Studienfachs vorsieht, haben Studierende noch Chancen auf einen Platz, sagt Cornelia Seibeld von der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Das liege auch an der Einführung des Mindestlohngesetzes 2015:

"Vor Einführung des Mindestlohns war es tatsächlich so, dass es häufiger Praktikanten gab, die keine Pflichtpraktika, weder für die Schule, noch für die Universität gemacht haben. Die haben wir auch gerne für zwei, drei Wochen genommen. Und seit das Mindestlohngesetz entsprechend geändert worden ist, hatte ich als Abgeordnete keine Nicht-Pflichtpraktikanten mehr. Und meiner Kenntnis nach ist es auch in den Fraktionen, jedenfalls bei uns in der CDU-Fraktion, deutlich weniger geworden. Und auch das Berliner Abgeordnetenhaus hat in der Verwaltung keine Nicht-Pflichtpraktikanten mehr eingestellt seitdem, weil die Rechtslage eben unklar ist."

Seit 2015 gilt auch für Praktikanten ein Mindestlohn

Denn seit 2015 müssen auch Praktikanten den Mindestlohn von zur Zeit 9,35 pro Stunde bekommen. Das gilt allerdings nicht für Pflichtpraktikanten und es gilt nicht für Praktikanten, deren Praktikum weniger als drei Monate dauert. Dennoch gebe es immer noch einen Paragrafen im Berufsbildungsgesetz, der besagt, dass ein Praktikant angemessen vergütet werden müsse. Und das sei unter Umständen ein Restrisiko für den Arbeitgeber, sagt der Arbeitsrechtler Marc Wesser aus Berlin. Was ist ein Kurzzeitpraktikant wert? Das sei dabei die entscheidende Frage:

"Da würde ich sagen, das ist wahrscheinlich sehr, sehr unterschiedlich. Wenn einer vier Wochen auf dem Bau Zementsäcke trägt, dann ist der wahrscheinlich auch 9,30 Euro wert, weil ja sonst jemand anders die Zementsäcke tragen würde. Wenn der jetzt bei uns in der Anwaltskanzlei ein Praktikum macht, dreimal zu Gerichtsterminen mitgeht und ansonsten neben einem Mitarbeiter sitzt und sich anguckt, wie man Akten anlegt, damit er mal die Software gesehen hat und noch an fünf Mandantengesprächen teilnimmt, das hat ja für die Kanzlei gar keinen Mehrwert, sondern es hält die Leute nur von der Arbeit ab. Da ist natürlich der Wert, den die Praktikumsleistung für die Kanzlei hat, der ist Null und dann ist vermutlich auch die angemessene Vergütung Null."

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Das allerdings scheinen längst nicht alle Arbeitgeber zu wissen. Lea Siebert studiert Englisch und Politik an der Freien Universität Berlin und hatte sich für ein eher kurzes Praktikum unter anderem im Ministerium von Arbeitsminister Hubertus Heil und im Bundestag beworben:

"Mir wurde oft gesagt, dass sie eben Leuten, die kein Pflichtpraktikum haben, Mindestlohn zahlen müssten und es deswegen schwieriger ist oder man eben schlechtere Karten hat. Es geht ja auch darum, wenn man sich später für Jobs bewirbt, das macht ja alles auch im Lebenslauf ein bisschen was her. Aber auch, weil es mich persönlich interessiert und weil ich mich ein bisschen weiterbilden möchte. Und das ist schon blöd, wenn dir von vornherein gesagt wird, mit dem Studiengang hast du eigentlich keine Chance."

Zurückhaltung der Arbeitgeber hängt mit dem Restrisiko zusammen

Auch Arbeitsrechtler Marc Wesser beobachtet eine Zurückhaltung der Arbeitgeber bei der Einstellung von Praktikanten. Eine Ausnahme seien Betriebe und Unternehmen, die dringend Auszubildende suchen:

"Je größer die Not ist, desto größer ist auch die Bereitschaft, einen Praktikanten einzustellen. Insbesondere gerade in Handwerksberufen, wo das gewissermaßen eine Marketingplattform sein kann, wenn man sagt, guck mal, das ist unser Unternehmen, kannst du dir vielleicht doch eine Ausbildung vorstellen, wir sind alle ganz nett. Jetzt kennst du uns auch schon und den Ausbildungsplatz hättest du sicher, das ist dann eigentlich eine Win-Win Situation."

Aber auch im Bereich Politik sei es wichtig und Teil der politischen Bildungsarbeit, Praktika zu ermöglichen, sagt Cornelia Seibeld. Das Mindestlohngesetz habe seine Berechtigung, wenn es darum geht die Ausbeutung von Langzeitpraktikanten zu verhindern. Für kürzere Praktika bräuchte man aber mehr Rechtssicherheit. Wenn kein Mindestlohn gezahlt werden muss, entscheiden sich viele Unternehmen für eine Aufwandsentschädigung von üblicherweise 450 Euro für ihre Praktikanten.

Das durchschnittliche Gehalt für Praktikanten liegt laut Funke-Mediengruppe mit über 1000 Euro aber deutlich höher. Am meisten verdienen Praktikanten im Bereich Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung, am wenigsten im Bereich Medien und Marketing.

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