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StartseiteRock et ceteraPathos-Party07.02.2021

Foo Fighters-Album „Medicine At Midnight"Pathos-Party

Party! So lautet die Devise auf „Medicine At Midnight“, dem zehnten Studioalbum der Foo Fighters. Aber wie klingt die Mischung aus unbeschwertem Upbeat und dem Stadionpathos der Alternative Rock Band, wenn sie in einem verlassenen Haus aufgenommen wird?

Von Tim Baumann

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Ein Gitarrist mit langen, schwarzen, verschwitzten Haaren steht auf einer Bühne vor blauem Hintergrund, seine rechte Hand liegt auf den Saiten seiner Gitarre, die linke hält er auf Kopfhöhe in die Luft. (imago images/Marcelo Sayo)
Dave Grohl von der Band Foo Fighters (imago images/Marcelo Sayo)
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Musik: "Making A Fire"

Die ersten Takte des neuen Foo Fighters Albums "Medicine At Midnight" laufen und man mag erst mal gar nicht so recht glauben, dass sie es wirklich sind. Das klingt eher nach Lenny Kravitz! Klar, die Alternative-Rock-Band von Ex-Nirvana Drummer Dave Grohl hat in der Vergangenheit immer wieder mit Stilbrüchen experimentiert:

Mit einem so beschwingten Nana-nananana-nana wie im "Opener Making A Fire" war allerdings trotzdem nicht zu rechnen. Obwohl Dave Grohl ja schon zum Release der ersten Single "Shame Shame" im vergangenen Herbst angekündigt hatte, dass das zehnte Album der Foo Fighters ein Upbeat-Partyalbum werden sollte:

Spätestens im Chorus aber sind die Foo Fighters wieder erkennbar: Mit wuchtigen Gitarren, stampfendem Rhythmus und hymnisch-pathetischem Gesang. Auch auf "Medicine At Midnight" präsentieren sich die Foo Fighters also in gewohnt stadiontauglicher Form.

The Sound Of Treppenhaus

Musik: "Shame Shame"

Produziert haben die Musiker das Album aber in recht bescheidener Umgebung – alle Titel wurden in einem 40er-Jahre-Haus in Kalifornien aufgenommen: Ohne Schallisolierung, dafür mit viel Mut zum Ungewöhnlichen. So quetschte sich Schlagzeuger Taylor Hawkins etwa für "Shame Shame" auf den kleinen Absatz im Treppenhaus. Das Resultat ist ein stark hallender, fast schon schmatzender Schlagzeugsound, der mit seinem Groove auch prompt die Hauptrolle im Song spielt.

Musik: "Medicine At Midnight"

Auch im Titeltrack "Medicine At Midnight" setzt Hawkins Impulse – hier eine kleine Kuhglocke mitten im anspruchsvollen Schlagzeugspiel, dort dadurch, dass man den trockenen Clicktrack, der das Metrum vorgibt, nach der Aufnahme nicht entfernt hat.

Auf dieser Basis schaffen die leicht verzerrten Keyboards von Rami Jaffee und der mal sphärische, mal zombiehaft skandierte Backgroundgesang eine Gruselatmosphäre, auf der sich Dave Grohl in Billy Idol-Manier genüsslich austobt. Man sieht ihn schon wieder die wilde Mähne schütteln WENN es mal wieder Konzerte geben wird.

Warten auf den Krieg

Und obwohl die Foo Fighters mit "Cloudspotter", "No Son Of Mine" und "Holding Poison" noch drei gleichermaßen kraftvolle wie tanzbare Rocknummern auf "Medicine At Midnight" untergebracht haben, ist der stärkste Song des Albums wohl das anfangs eher poppig-ruhige "Waiting On A War":

Musik: "Waiting On A War"

Zu akustischer Gitarre und – wieder einmal recht pathetischer - Streicherbegleitung singt Dave Grohl davon, dass er schon als Kind Angst vor dem Ausbruch eines Krieges hatte – kaum einen Monat nach dem gescheiterten Angriff auf die Demokratie in den USA ist "Waiting On A War" so nah an der Wirklichkeit, dass es fast schon unheimlich wird.

Zum Glück aber erschöpft der Song sich nicht in einer resignativen Klage über die Unveränderlichkeit der Welt: Zum Ende des Stücks steigert sich das Tempo mehr und immer mehr, Gitarren jaulen und der Song gipfelt in der Quintessenz aller Rockmusik: Der Forderung nach einem selbstbestimmten Leben, das irgendwie mehr bietet als das hoffnungslose Warten auf ein schreckliches Ende. Schon die BeachBoys wollten ja nur Spass Spass Spass bis Daddy uns den T-Bird wegnimmt und hedonistisch ist auch der fröhliche Party-Rock der Foo Fighters. Muss er ja schließlich auch.

Aus der Twilight-Zone der Schlagerschnulzen

So stark, facettenreich und energiegeladen die Stücke auf "Medicine At Midnight" aber auch sind – einer der Titel ist den Foo Fighters leider gründlich misslungen.

Musik: "Chasing Birds"

Denn die Ballade "Chasing Birds" soll mit ihren wabernden Keyboard und Gitarrenflächen wohl eine Verneigung vor David Bowie oder John Lennon darstellen. Oder gleich beiden: Die Falsett-Oberstimme ist zuckrigster Pop auf dem Grat zum Schwülstigen. Und hier merkt man, wie die gesamte Kapelle mit gebremsten Schaum spielt - das passt irgendwie alles nicht richtig zusammen. Der kalender-aphorismen-artige Text schlägt den finalen Nagel in den Sarg. "Chasing Birds" wirkt wie ein Fremdkörper, der sich aus der musikalischen Twilight-Zone der Schlagerschnulzen auf ein Foo Fighters Album geschlichen hat.

Musik: "Love Dies Young"

Ein Glück, dass das höchst gelungene "Love Dies Young" das Album beschließt. Denn die Foo Fighters bewegen sich zwar auch hier in musikalischen Formen der späten 80er-Jahre – dafür sorgen das gradlinige Spiel verzerrter Gitarren und vor allem die leicht spaceigen Keyboardklänge – im Gegensatz zu "Chasing Birds" aber gelingt hier die Zeitreise. Denn obwohl auch in diesem Teenager-Herzschmerz-Song der Text arg zu wünschen übrig lässt, geht der kompakte 4/4-Song doch durch Mark und Bein und bestätigt:

Der Ansatz der Foo Fighters ist aufgegangen: Mit "Medicine At Midnight" haben sie ein wahres Partyalbum geschaffen, auf dem sie zwar nicht die Musik neu erfunden, ihrer Band aber eine ungeheuer spaßige Facette hinzugefügt haben. Es wird also allerhöchste Zeit fürs nächste Stadionkonzert!

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