Montag, 26. September 2022

Archiv


Forscher rätseln über das Ausbleiben des Tsunami

Der Erdbebenforschers Jochen Zschau zeigt sich überrascht über das Ausbleiben eines Tsunami nach dem erneuten Seebeben im Indischen Ozean. Positiv wertet der Wissenschaflter die Reaktion der Bevölkerung, die aus der Katastrophe im Dezember gelernt habe. Das Frühwarnsystem werde frühestens im kommenden Jahr funktionsfähig sein, um dann die Menschen vor den möglichen Ausmaßen eines Bebens zu warnen.

Moderation: Klaus Remme | 29.03.2005

    Klaus Remme: 8,7 auf der Richterskala, dieser Wert ließ das Schlimmste befürchten, nach dem gestern Abend die ersten Meldungen über das Seebeben im Indischen Ozean verbreitet wurden. Es zeigte sich dann, dass die Tsunami-Welle vom vergangenen Dezember weitgehend ausblieb. Dennoch: Schäden sind zu befürchten. Am Telefon ist Professor Jochen Zschau, Erdbebenforscher und Abteilungsleiter am Geoforschungszentrum Potsdam. Herr Zschau, es war ja wie am 26. Dezember, zumindest in Deutschland, wieder ein Feiertag und die meisten Experten werden nicht vorm Computerbildschirm gesessen haben, sondern zu Hause. Ich weiß nicht, wie es Ihnen gegangen ist, aber haben Sie zu Hause Mittel und Wege, von so etwas zu erfahren, anders als durch die Medien?

    Jochen Zschau: Ja, im Prinzip ja, denn wir haben eine sogenannte "Task Force Erbeben", die automatisch Informationen über Erdbeben vom Computer aus auf einen Pieper übertragen bekommt, so dass wir bei einem starken Erdbeben gewarnt sind und schnell überlegen können, ob die "Task Force Erdbeben" ausrücken muss oder nicht. In diesem Fall war es kein Task-Force-Fall, weil wir mit der "Task Force Erdbeben" in der Regel Nachbeben messen, dazu müssen wir Instrument rund um das Epizentrum herum aufstellen, und das ist im Meer schwierig.

    Remme: Wenn der Laie den Wert der Richterskala hört, dann denkt er natürlich sofort an den 26. Dezember. War Ihnen schnell klar, dass diese Fälle nicht vergleichbar sind?

    Zschau: Ja, denn die Magnitude war zunächst auch nicht mit 8,7 angegeben, sondern noch etwas kleiner, knapp über acht, 8,2, so dass man davon ausgehen konnte, dass die Energie, die sich dort frei gesetzt hatte, doch um Faktor 30 geringer war. Die Aussage hat sich nachher ein bisschen verändert, aber doch haben wir immer noch eine Energie, die freigesetzt wurde, die etwa um Faktor 10 kleiner war, als die von dem Dezemberbeben.

    Remme: Wir erklären Sie, dass es diesmal zu gar keinem Tsunami kam?

    Zschau: Ja, das ist allerdings ausgesprochen erstaunlich. Und das ist eigentlich in diesem Unglück ein großer Glücksfall, dass es nicht zu einem Tsunami gekommen ist, denn bei einem so starken Erdbeben am Meeresboden und in der Region würde man eine Tsunamiwelle erwarten. Man würde sie nur dann nicht erwarten, wenn der Meeresboden bei den Erdbeben sich nicht nach oben oder nach unten bewegt, sondern nur horizontal bewegt. Das muss in diesem Fall der Fall gewesen sein. Und es bleibt zu untersuchen, warum das geschehen ist.

    Remme: Interessant. Erstaunlich heißt, auch für den Fachmann so im Moment nicht zu erklären?

    Zschau: Ja, schon zu erklären, aber es war unwahrscheinlich, dass es so stattfindet.

    Remme: Von dem, wie es dann ablief in den Minuten und Stunden danach, nicht nur in den Zentren, wo die Experten beobachten, sondern auch dort, wo das Erdbeben passierte, wo die Bevölkerung informiert werden musste, kann man schon sehen, dass man aus der Katastrophe vom Dezember gelernt hat?

    Zschau: Ja, ganz klar. Das war sicherlich ein ganz wichtiges Ergebnis, dass die Leute selbst ihr Warnsystem gemacht haben, dass die Leute informiert waren und wussten, wenn es jetzt bebt, wenn es jetzt stark bebt, dann müssen Anhöhen aufgesucht werden. Und das haben sie gemacht. Das war sicherlich eine Lehre aus der Katastrophe im Dezember. Sie sind alle sensibilisiert.

    Remme: Ich habe es erwähnt, dass Sie an einem Frühwarnsystem arbeiten, in Zusammenarbeit mit den Behörden in Indonesien. Wenn Sie jetzt sagen, die Leute haben praktisch ihr eigenes Frühwarnsystem entwickelt, heißt das, es ist überflüssig?

    Zschau: Nein, ganz und gar nicht. Nur dieses, was die Leute entwickelt haben, ist eine ganz wichtige Komponente eines Frühwarnsystems, nämlich dass sie mit der Information, die sie haben, in diesem Fall das Beben, das sie selbst gespürt haben - aber das ist nicht immer so, dass jeder das Beben spürt-, dass sie eben darauf richtig reagieren können. Trotzdem hat natürlich niemand gewusst, gibt es einen Tsunami, gibt es keinen Tsunami? Und ein echtes Frühwarnsystem soll ja imstande sein, nicht nur das Erdbeben zu detektieren, sondern danach eben auch zu messen, hat es wirklich einen Tsunami gegeben und dann vorherzusagen, in welche Richtung breitet sich der Tsunami aus und welche Küstenstreifen werden dann betroffen. Diese Information muss auch zu den Menschen gelangen und diese Informationen muss der Mensch auch so verstehen, wie die Erschütterung, die er verstanden hat.

    Remme: Und das, was Sie da gerade beschrieben haben, das wird das System, an dem Sie arbeiten, leisten können?

    Zschau: Ja. Das ist zumindest das Ziel, und davon gehen wir fest aus.

    Remme: Wann meinen Sie, wird es soweit sein?

    Zschau: Sicherlich noch nicht in diesem Jahr, aber wir werden in diesem Jahr die ersten Messstationen installieren, die ersten seismographischen Stationen, die das seismographische Netzwerk verdichten, und auch die erste Boje wird voraussichtlich im Oktober in der Region schwimmen. Das heißt aber noch nicht, dass in diesem Jahr das System operativ sein wird. Wir gehen von einer Zeit von einem bis maximal drei Jahren aus, bis das System operativ ist. Wenn wir Glück haben, werden wir im nächsten Jahr zumindest teilweise das System operativ in Betrieb haben.

    Remme: Rechnen Sie mit weiteren Beben der Stärke von gestern Abend in den nächsten Tagen und Wochen?

    Zschau: Ja, ich rechne auf jeden Fall mit weiteren Beben, hoffentlich nicht dieser Stärke, das wäre ungewöhnlich, wenn Beben der gleichen Stärke kommen. Nachbeben sind in der Regel schwächer. In der Regel sind stärkste Nachbeben um eine Stufe schwächer, als das Hauptbeben. Aber das heißt, dass wir immer noch mit Beben einer Magnitude über sieben rechnen müssen und die sind auch nicht ungefährlich.

    Remme: Professor Jochen Zschau war das vom Geoforschungszentrum in Potsdam.