Montag, 22.07.2019
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEthische Fragen der Wissenschaft16.05.2019

Forschung und MoralEthische Fragen der Wissenschaft

Genveränderung bei Embryonen, Humanexperimente, Nukleartechnologie – alles Themen, die ethische Grenzen aufzeigen. Über eine gesellschaftliche Debatte hinaus bedarf es hier eines Kontrollsystems. Doch wie ist moralisches und verantwortungsvolles Verhalten in der Forschung zu regulieren?

Von Eva-Maria Götz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein mit Mund- und Kopfschutz verhüllter Wissenschaftler bringt mit einer Pipette Flüssigkeit in eine Petrischale. Das geschieht unter dem Objekt einer Kamera. (picture alliance / dpa /  AP / Mark Schiefelbein)
Gegen He Jiankui, der das Erbgut von Embryonen veränderte, läuft in China ein strafrechtliches Verfahren (picture alliance / dpa / AP / Mark Schiefelbein)
Mehr zum Thema

China und der Fall He Jiankui Ethik und Moral hinken dem Fortschritt hinterher

Ethikrat zu Keimbahn-Eingriffen "Es geht ans Eingemachte mit Blick auf unser Menschsein"

Ethikrat zu Eingriffen in menschliche Keimbahn Jetzt nicht, später vielleicht

"Der Forscher, der in China Embryonen, bevor sie in Frauen implementiert wurden, verändert hat, hatte das Ziel, Kinder resistent gegen HIV zu machen."

sagt Doktor Ralf Dahm, Direktor für Wissenschaftsmanagement des Instituts für Molekulare Biologie der Universität Mainz, über das höchst umstrittene Vorgehen des chinesischen Arztes He Jiankui, der im vergangenen Jahr mit einer spektakulären Manipulation am Erbgut von Embryonen international für Aufsehen und Entsetzen gesorgt hatte:

"Es gibt natürlicherweise in menschlichen Populationen einen Rezeptor auf Immunzellen, die normalerweise von HIV-Viren befallen werden, der anders ist als bei der Mehrheit der Leute".

In Europa tragen im Schnitt zehn Prozent der Menschen diese Variante des Rezeptors, die sie immun gegen den Befall von HIV-Viren macht:

"Und das hat sich der Forscher in China zunutze gemacht, er wollte den Rezeptor austauschen und die Kinder so resistent machen gegen HIV."

Dazu bediente sich der Wissenschaftler der Genschere CRISPR/Cas, die im Jahr 2011 von den Mikrobiologinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna entdeckt worden ist.

Genschere in der Grundlagenforschung

"CRISPR/Cas besteht aus zwei Bestandteilen. Zum einen ist eine RNA"

- Also Ribonukleinsäure, ein Biomolekül, das unter anderem als Informationsüberträger in Genen funktioniert -

"zum anderen ein Protein, ein Enzym. Die RNA ist dazu da, den CRISPR/Cas Komplex zu dem Ort im Genom zu bringen, wo die Schere schneiden soll. Cas ist das Enzym, also das Protein, das die DNA schneiden kann. Die RNA bringt das Enzym dahin, wo geschnitten werden soll."

Erklärt Biologe Ralf Dahm. Diese sogenannte Genschere wird bisher vor allem in der Grundlagenforschung angewandt:

"Viele Labore, die versuchen zu verstehen, zum Beispiel welche Funktionen Gene haben, welche Rolle sie in der Embryonalentwicklung spielen, bei Krankheiten, verändern mit CRISPR/Cas Zellen, zum Beispiel Tumorzellen, die Patienten entnommen wurden, oder Modellorganismen wie Fruchtfliegen, Fadenwürmer, Hefen, um mehr über die Funktion von Genen zu verstehen."

Denn ist die Methode ist schnell, effizient und nicht teuer. Vielleicht kann man mit ihr in Zukunft sogar Krankheiten heilen, aber definitiv ist diese Methode und ist auch die genaue Funktionsweise von Genen noch viel zu wenig erforscht, um menschliches Erbgut zu verändern:

"Trotzdem wurde es gemacht, es hat bei einem der Mädchen auch funktioniert, bei dem Mädchen sind tatsächlich beide Versionen dieses Rezeptors so verändert worden, dass HIV die Zellen nicht mehr infizieren kann. Da könnte man von einem Erfolg sprechen. Aber - und das ist ein sehr großes Aber: Es ist noch nicht klar, oder zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesichert, ob das Genom dieses Mädchens nicht an anderer Stelle auch verändert wurde. Gerade weil es so früh gemacht wurde."

Gegen He Jiankui läuft jetzt in China ein strafrechtliches Verfahren, auch die Reaktionen der Weltöffentlichkeit fielen eindeutig aus. Ralf Dahm:

"Es ist vollkommen klar, dass alle vernünftigen Forscher, die dieses Experiment kennen, es auch rundweg verurteilen. Es war unverantwortlich, mit heutigem Kenntnisstand so ein Experiment zu machen. Mit dem jetzigen Wissensstand sollten wir einfach nicht in die Keimbahn eingreifen."

Doch dass sich Wissenschaftler über ethische Bedenken hinwegsetzen und tun, was ihnen technisch möglich ist, kommt immer vor. Wie also damit umgehen? Für Carl Friedrich Gethmann, Professor für Wissenschaftsethik am Forschungskolleg "Zukunft menschlich gestalten" der Universität Siegen und Mitglied des deutschen Ethikrates, gibt es diverse Möglichkeiten der Sanktionierung.

Mehr Geld für Überprüfung von Forschungsergebnissen

"Zum Beispiel, in dem man sich weigert, solche Ergebnisse zu veröffentlichen, das wäre schon durchaus eine massive Strafaktion."

Den Konflikt, in dem Wissenschaftler sich immer wieder befinden, kann er dabei schon nachvollziehen. Aber:

"Um Wissen zu erzeugen, muss man eventuell Dinge tun, die unmoralisch sind. Und das schlagende Beispiel, dass jeder sofort versteht, ist das Verbot der Humanexperimente in den medizinischen und biologischen Disziplinen. Wir würden in der Tat in den klinischen Disziplinen durch Humanexperimente erhebliche Erkenntnis gewinnen. Aber gegenüber den Patienten, die man dann zu Probanden macht, wäre das sittenwidrig, und ist deshalb aus guten Gründen verboten. Wir müssen hier umständlichere Wege einschlagen, um moralische Regeln einzuhalten."

Wissenschaft darf also nie im freien Raum schweben, sondern muss eingebunden sein in ein Kontrollsystem, das zumindest in Deutschland auch ganz gut funktioniert:

"Die DFG gibt ja keiner Universität mehr Geld, wenn die Universität nicht ein solches Regime etabliert hat, das meistens dreistufig ist. Es gibt einen Ombudsmann, eine Kommission und eben die Hochschulleitung, die über die Sanktionsmöglichkeiten verfügt. Das ist eigentlich ganz gut organisiert aufgrund der Plagiatsfälle und der Fälschungsfälle, die so in den 1980er-, 1990er-Jahren stattgefunden haben, hat die deutsche Wissenschaft ganz gut reagiert."

Und doch könne man auch hierzulande noch nachjustieren, nicht nur bei der Genehmigung von Forschungsvorhaben, sondern auch bei der Überprüfung der Ergebnisse:

"Inzwischen gibt es eine breite Debatte in der DFG, auch Geld zu geben für die Überprüfung von Forschungsergebnissen. Denn, was nicht funktionieren kann in der Wissenschaft ist, - um ein Beispiel aus der Vergangenheit zu nehmen - dass ein Forscher sagt: ‚Ich beherrsche die kalte Fusion‘. Und als die Kollegen sagen: ‚Das funktioniert ja gar nicht, was du uns da erzählst‘, er sagt: ‚Das funktioniert ja nur, wenn ich das mache.‘ So geht Wissenschaft eben grade nicht, das kann auch jeder Bürger verstehen, deswegen müssen Forschungsergebnisse, gerade solche, die eine Schlüsselfunktion für weitere Forschung haben, unbedingt reproduzierbar sein und dafür müssen Forschungsförderer auch Geld ausgeben."

Mit der Sensibilisierung künftiger Forscher und ForscherInnen könne man übrigens gar nie früh genug anfangen, meint Carl Friedrich Gethmann. Er erinnert sich an sein eigenes Studium und daran:

"Dass früher die Erstsemesterstudenten bei der Immatrikulationsfeier aufstehen mussten und einen Eid ablegen. Weil eben die Studenten von vorneherein sehr schnell mit Daten, Funden, Quellen und so weiter zu tun haben, die man sorgfältig handhaben muss. Also es gibt von vorneherein auch für die Studenten den Zwang sich an die Ethosregeln der Wissenschaft zu halten."

Studierende sensibilisieren auf ethische Fragen

Auch an der technischen Universität Braunschweig verfolgt man den Ansatz, Studierenden frühzeitig den Blick zu schärfen für grundlegende Fragestellungen, zum Beispiel, in dem man dort - allerdings freiwillige - Kurse in Ethik anbietet. Dr. Sandra Buchmüller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gender, Technik, Mobilität am Institut für Flugführung. Für sie steht am Anfang jeder Technologieentwicklung die Frage:

"Wer baut Technik für wen?"

Oder auch:

"Wie zerstörerisch, wie ausbeutend ist denn Technologie? Welche Konsequenzen hat das denn für Mensch und Umwelt?"

Die gender-theoretische und partizipative Methode, die Sandra Buchmüller in ihrer Arbeit anwendet, hat, stärker als das in der Praxis oft gehandhabt wird, die Nutzer und Nutzerinnen der zu entwickelnden Technologie im Blick. Dabei geht es auch, aber nicht nur um den Geschlechteraspekt:

"Natürlich muss man das noch viel größer oder komplexer denken. NutzerInnengruppen kommen aus unterschiedlichen Bildungsschichten mit unterschiedlichen Einkommen, haben unterschiedliche kulturelle Kontexte. Das spielt natürlich bei Technologieentwicklung für den internationalen Markt eine total zentrale Rolle. Also wenn man da Vielfältigkeit nicht mitdenkt, kann das auch zu ökonomischen Fehlentwicklungen führen."

Aber die VertreterInnen der Gender Studies haben auch ein politisches Programm im Hintergrund:

"Feministische Forschung basiert auf einem ganz anderen Wissenschafts- und Forschungsbegriff als die klassischen, objektivistischen Natur- und Technikwissenschaften. Also da ist sozusagen politische Verantwortung ein inhärenter Bestandteil."

Und so sieht die ausgebildete Produktdesignerin und Technikforscherin Sandra Buchmüller auch in der Grundlagenforschung jeden einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerin in der Pflicht, das eigene Handeln zu hinterfragen:

"Also ich als Wissenschaftlerin oder als Forscherin würde immer auch gerne wissen wollen, in welchem Kontext ich da arbeite, um auch beurteilen zu können: möchte ich mich da eigentlich miteinbringen, und wenn ja, wie? Wir haben diese Trennung zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsforschung, das kann durchaus auch problematisch sein, diese Trennung zu ziehen."

Keine Wissenschaft ohne gesellschaftliche Debatte

Das evidenteste Beispiel ist für sie:

"Atomtechnologie. Da war die Entsorgungsfrage nie geklärt. Man hat es trotzdem als saubere Technik propagiert. Das ist für mich unverständlich. Ich finde, daran wird schon deutlich, dass es immer um das Framing geht und den Ausschnitt, den man sich da anguckt."

Der Umgang mit Nukleartechnologie, die als harmlose Grundlagenforschung begann und aus der innerhalb kurzer Zeit Möglichkeiten zur Zerstörung der Menschheit hervorgingen, ist ein Beispiel, das auch den Biologen Ralf Dahm von der Universität Mainz beschäftigt:

"Atombomben - das muss man mit keinem diskutieren - sind etwas, was eigentlich kein vernünftiger Mensch können will, auf der anderen Seite hat die Nukleartechnik auch sehr viel Gutes gebracht. In der Medizin Krebsbestrahlung zum Beispiel aber auch Röntgen. Die Frage ist also nicht so sehr: ist eine Technik inhärent gut oder böse? Sie ist es meistens weder noch. Die Frage ist immer: In welchem Kontext wird sie angewendet?"

Eine permanente gesellschaftliche, möglichst informierte und sachlich geführte Diskussion darüber, was Wissenschaft darf, halten alle drei bisherigen Referenten der Mainzer Vorlesungsreihe deswegen für zwingend geboten. Ralf Dahm:

"Die Bevölkerung hat seit den 80er-Jahren verstanden, dass es in der Biologie nicht nur darum geht, Blümchen anzuschauen oder Käfer zu sammeln, sondern dass man auch Veränderungen vornehmen kann an Tieren, Pflanzen oder anderen Organsimen, die manche Menschen nicht wünschen. Und das ist auch durchaus legitim, dass Leute das nicht wünschen. Wir müssen uns breit darüber verständigen, was Forscher dürfen und was sie nicht dürfen, sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Anwendung. Der Gesetzgeber ist im Endeffekt der, der der Forschung die Grenzen aufzeigt. Und das muss definitiv auch so sein und bleiben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk