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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWas Spanische Grippe und Coronavirus-Pandemie gemeinsam haben22.10.2020

Forschung zu VerschwörungstheorienWas Spanische Grippe und Coronavirus-Pandemie gemeinsam haben

Ängste, Ohnmachtsgefühle und Vertrauensverlust - was die Menschen in einer globalen Pandemie empfinden, kann erhebliche politische Auswirkungen haben. Ein Projekt am Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung untersucht, ob antidemokratische Kräfte in einer Gesundheitskrise profitieren.

Von Alexander Moritz

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Eine Demonstrantin hält ein Schild hoch mit der Aufschrift: "So Gates nicht. Bill impf Dich doch selbst. Artikel 20. Widerstand. Volksentscheid jetzt !!!" (F. Kern / Future Image / imago images)
Erstaunlich viele Menschen machen Bill Gates oder andere "Verschwörer" für die Covid-19-Pandemie verantwortlich (F. Kern / Future Image / imago images)
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"Es geht darum, anhand eines Vergleichs zweier historischer singulärer Gesundheitskrisen, den Zusammenhang von Gesundheitskrise, politischer Mobilisierung, insbesondere in Hinsicht auf Verschwörungstheorien und Feindbildstereotype zu untersuchen" – so erläutert Prof. Dr. Thomas Lindenberger von der TU Dresden das Forschungsprojekt.

Wer trägt die Schuld an der Seuche? Bill Gates oder die Maskenverweigerer? Das "Merkelregime" oder eine "jüdische Weltverschwörung"? So bizarr solche Verschwörungsmythen scheinen - wer die Schuldfrage glaubhaft beantworten kann, erlangt politische Macht - zu Zeiten der Spanischen Grippe genauso wie heute. Lindenberger:

"Im Kontext der frühen Weimarer Republik kennt man das als eine Neubefeuerung antisemitischer Stereotype. In der Gegenwart ist das sehr viel offener. Da können wir jetzt nicht sagen: da gibt es nicht den ‚idealen‘ Sündenbock. Aber es gibt Verschwörungstheorien jeder Art, die das Ganze als Ausgeburt einer großangelegten Manipulation sehen. Der Frage nach Kontinuitäten oder auch neuen Qualitäten in der Gegenwart, der muss man nachgehen."

"Historische Tiefenbohrung" in Quellen aus den 20er-Jahren 

Zur empirischen Erforschung der Zusammenhänge zwischen Pandemie und antisemitischen und demokratiefeindlichen Bewegungen nähern sich der Historiker Thomas Lindenberger und seine Forschungsgruppe aus unterschiedlichen Richtungen ihrem Sujet – einer politikwissenschaftlichen und einer zeithistorischen.

Die Arbeitsgruppe um den Historiker Mike Schmeitzner, Professor für neuere und neueste Geschichte an der TU Dresden, macht sich an eine "historische Tiefenbohrung" in digitalen Zeitungsarchiven, persönlichen Notizen und Arztberichten. Anhand solcher Originalquellen aus den frühen 20er-Jahren versucht sie nachzuvollziehen, wie der Verlauf der Grippe gedeutet wurde – und inwiefern dabei antisemitische und auch nationalistischen Vorstellungen eine Rolle spielten. Schmeitzner:

"Und es geht uns um die parlamentarischen Diskurse, etwa in den Landtagen, in den Provinziallandtagen, in den kommunalen Parlamenten. Das heißt, es geht uns um die Untersuchung von niedrigschwelligen parlamentarischen Vertretungen, weil wir uns da erhoffen, dass bestimmte Feindbildkonstruktionen im Mikrokosmos sich dort abbilden. Darüber hinaus über Tagebuchnotizen, über Briefe aus der Zeit tatsächlich etwas über die mentale Verfasstheit zu erfahren von Menschen, die diese Gesundheitskrise erlebt haben und die möglicherweise anfällig waren für Feindbildkonstruktion oder sogar selbst aktiv mitgewirkt haben."

Juden als Sündenböcke für die Spanische Grippe?

Dabei gibt es mehrere Vergleichsebenen: Die zeitliche, zwischen dem Umgang mit der Spanischen Grippe damals und Corona heute. Und die räumliche, der Vergleich des Diskurses in Sachsen mit dem in den angrenzenden Regionen, dem tschechischen Böhmen und dem polnischen Schlesien. Schmeitzner:

"Wir haben diese Gebiete vor allen Dingen herausgesucht, weil hier größere Gruppen von Juden, von Ostjuden auch ansässig waren, nach dem Krieg, durch die Krisenerscheinungen in Europa vor allen Dingen in Ostmitteleuropa hierhergekommen sind. Leipzig war ein Zentrum der Ostjuden im mitteldeutschen Raum bis in die 20er-Jahre hinein. Das trifft auch für den oberschlesischen Bereich zu. Für Böhmen, Prag auch. Uns geht es um die Frage, inwieweit Ostjuden als Sündenböcke quasi für eine ähnliche Pandemie, die Spanische Grippe, herhalten mussten. Uns geht es aber auch um andere Feindbildkonstruktionen. Darum wollen wir im Dreiländereck Tschechien und Polen mit den Deutschen in einen Vergleich setzen, auch nach Feindbildkonstruktionen dort fragen."

Dabei geht es auch darum, nachzuvollziehen, ob die Pandemiemaßnahmen der Gesundheitsämter unterschiedliche Gruppen unterschiedlich behandelten: Wurden etwa bei den sogenannten Ostjuden andere Hygienemaßnahmen verhängt, als bei anderen Bewohnern Leipzigs?

Rechtsextreme schwenken Reichsflaggen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin (picture alliance / NurPhoto)Rechtsextreme Trittbrettfahrer im Windschatten von Protesten gegen Corona-Maßnahmen (picture alliance / NurPhoto)

Profitieren populistische Parteien von der Corona-Krise?

Die Erkenntnisse zur Spanischen Grippe sollen dann in Beziehung gesetzt werden zu den Diskursen über die aktuelle Coronapolitik. Dieses Vorhaben koordiniert die Politikwissenschaftlerin Isabelle-Christine Panreck:

"Für die politikwissenschaftliche Perspektive ist von Relevanz, überhaupt erst einmal zu durchdringen, was diese Krise, wie wir sie im Moment erleben, von zuvorigen Krisen unterscheidet. Das heißt, wir sehen: Populistische Parteien in Deutschland; vor allem die AfD, haben profitiert von den Krisen - der Euro-Krise 2009, der sogenannten Flüchtlingskrise 2015. Nun haben wir es mit einer Pandemie zu tun, die die anderen Krisen gewissermaßen in den Schatten stellt. Besonders wenn es darum geht, inwiefern die Menschen vor Ort tatsächlich betroffen sind. Die Frage stellt sich jetzt also: Inwiefern könnten populistische Parteien ähnlich wie 2009 oder 2015 hieraus Profit schlagen?"

Den Versuch, Profit zu schlagen jedenfalls gibt es – etwa indem Rechtsextreme versuchen, im Windschatten der Proteste gegen die Coronamaßnahmen einen Sturm auf den Bundestag zu inszenieren. Und bei den Demonstrationen entlang der Bundesstraße 96 in Ostsachsen geht die konkrete Kritik an Coronaverordnungen auf im allgemeinen Unzufriedenheitskanon, der von Pegida bekannt ist.

Optimale Bedingungen für Verschwörungsmythen und Feindbilder

Für rechtspopulistische Akteure biete die Pandemie optimale Voraussetzungen, um Verschwörungsmythen zu verbreiten und Feindbilder zu festigen, beobachtet Panreck:

"Dass versucht wird, den Regelbruch auch immer dem Anderen, dem Fremden zuzuschreiben. Das heißt: Wir - das Gute ‚Wir‘ aus Sicht der Populist und Extremisten - halten sich an die Regeln. Oder wir sind im Besitz des gesunden Menschenverstandes, wenn es zum Beispiel um Protest gegen die Masken geht, während dann den durchaus auch als Feind konstruierten Anderen entweder der Regelbruch oder die Schuld an dieser Krise gegeben wird. Und wenn es um die anderen geht und diese Konstruktion des Anderen, stehen Musliminnen und Muslime, zuvorderst aber Jüdinnen und Juden im Vordergrund."

Anders als in den 20er Jahren werden Juden aber nicht als unhygienisch imaginiert, sondern als übermächtige Strippenzieher im Hintergrund, Teil einer Weltverschwörung, gegen die es sich zu wehren gelte. Maßnahmen wie die überstürzten Grenzschließungen während der ersten Coronawelle im Frühjahr begünstigen dabei unfreiwillig die Abschottungsforderung der Rechten, so Panreck:

"Es ist so, dass gerade die rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Akteure gewissermaßen sich bestätigt sehen, beziehungsweise sagen: Seht her, wir haben schon seit Jahren gefordert, Grenzen sollten geschlossen werden. Und jetzt, viel zu spät, kommen die Regierungen dem nach."

Forschungsergebnisse relevant für politisches Handeln 

Noch steht das Forschungsprojekt aber ganz am Anfang. Inwiefern die Pandemieereignisse populistische Strömungen tatsächlich begünstigen, müsse erst noch gezeigt werden, sagt der Forschungsgruppenleiter Lindenberger:

"Es gab jüngst Regionalwahlen in Italien und interessanterweise ist die Mitte unbeschadet aus den Regionalwahlen gegangen, also die Ränder konnten es nicht nutzen. Also inwieweit das wirklich den populistischen Strömungen, die da sind, in die Hände spielt oder nicht, ist offen."

Die Ergebnisse dürften nicht nur für die Fachwelt von Interesse sein, sondern auch für all die, die heute über Politik entscheiden müssen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Anstoß für das Forschungsprojekt aus der Ministerialbürokratie der sächsischen Hauptstadt kam. Lindenberger:

"Sachsen ist in der Hinsicht sensibilisiert durch die Vorgeschichte der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Es gibt ein starkes Interesse natürlich auf der politischen Ebene, sich über Vorgänge, Entwicklungen im rechtsextremistischen Bereich, populistische Bewegungen informieren zu lassen. Als ein Institut für Totalitarismusforschung sehen wir uns da ein stückweit in der Pflicht, diesen Themenkreis zu bedienen. Das ist völlig logisch."

Für die interessierte Öffentlichkeit soll es im Laufe des Forschungsprozesses virtuelle Workshops geben, die Ergebnisse sollen am Ende auf einer Onlineplattform bereitgestellt werden.

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