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StartseiteKalenderblattDer letzte Akt des deutschen Atomprogramms23.04.2015

Forschungsreaktor HaigerlochDer letzte Akt des deutschen Atomprogramms

Der schwäbische Provinzort Haigerloch gelangte vor 70 Jahren zu unerwarteter Prominenz: Eine US-amerikanische Spezialeinheit entdeckte hier den Forschungsreaktor, an dem Physiker um Werner Heisenberg im Auftrag Hitlers ihre Atomforschung betrieben - allerdings erfolglos.

Von Frank Grotelüschen

Uranwürfel im Nachbau des Atomkellers von Haigerloch (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
Uranwürfel im Nachbau des Atomkellers von Haigerloch (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
Weiterführende Information

Die Nacht der Physiker
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 16.12.2012)

"Es ist ein Muschelkalk-Keller, Temperatur immer so bei acht oder zehn Grad."

Haigerloch, ein Städtchen südwestlich von Tübingen. Kulturamtschef Egidius Fechter zeigt die bekannteste Sehenswürdigkeit - den Atomkeller.

"Über dem Keller sind etwa 20 Meter Fels. Und für die Atomforschung war er deswegen geeignet, weil er im Prinzip bombensicher ist."

Hier, in der schwäbischen Provinz, hatte der letzte Akt des deutschen Atomprogramms gespielt, des "Uranprojekts". Hier hatten die Physiker um Werner Heisenberg Anfang 1945 einen zwei mal zwei Meter großen Betonblock aufgestellt, gefüllt mit anderthalb Tonnen Uran. Der Zweck der Apparatur: Sie sollte eine sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion zum Laufen bringen - die Grundlage für einen Kernreaktor. Seinen Anfang hatte das Uranprojekt in Berlin genommen, mit der überraschenden Entdeckung des Chemikers Otto Hahn:

"Das war Ende 1938, wo wir einen Prozess gefunden haben, der für uns selbst ganz unerwartet war. Und der dann später zu der Entwicklung der Atomenergie geführt hat."

Schnell wurde klar: Bei diesem Prozess werden beträchtliche Energien frei. Überall in der Welt machten sich Wissenschaftler daran, die neue Naturkraft zu erforschen. Bereits 1939 gründeten die deutschen Atomphysiker den Uranverein, darunter Werner Heisenberg.

"In den ersten Jahren war die Frage, die dem Physiker gestellt war, nicht die, ob er Bomben machen will oder nicht. Sondern die Frage war: Will man so viel Kenntnis dieses gefährlichen Gebiets erwerben, dass man vielleicht in einiger Zeit entscheiden kann, ob Bomben gemacht werden können, ob Energie produziert werden kann."

Felsenkeller schützte vor Luftangriffen

Der Uranverein beschloss, den Prototyp eines Reaktors zu bauen. Doch auch das Heereswaffenamt interessierte sich für die Kernspaltung - zu verlockend der Gedanke, eine kriegsentscheidende Waffe in die Hände zu bekommen - wovon sich die meisten Physiker nicht unbedingt begeistert zeigten. Das jedenfalls erklärte nach dem Krieg Carl Friedrich von Weizsäcker:

"Ich erinnere mich, dass ich irgendwann, als schon Krieg war, mich mit Hahn einmal unterhalten habe über diese Dinge. Und dass Hahn in ziemlicher Erregung sagte: Wenn durch diese Arbeiten der Hitler eine Atombombe bekommt, bringe ich mich um!"

Anfangs gingen die Arbeiten an dem Reaktor zügig voran. Systematisch untersuchten die Physiker Uranplatten auf ihre Reaktivität. 1942 zeichnete sich ab, dass die für eine Bombe nötige Anreicherung viel Zeit und Geld kosten würde, das Projekt verlor bei den Militärs an Priorität. Doch die Entwicklung eines Reaktors ging weiter. Als die Alliierten Ende 1943 mit den Luftangriffen auf Berlin begannen, suchten die Physiker eine Zuflucht in der Provinz - und fanden sie im Felsenkeller von Haigerloch. Dort starteten sie im März 1945 den bis dato größten Versuch: Anderthalb Tonnen Uran sollten reichen, um eine kontrollierte Kettenreaktion in Gang zu bringen. Doch die Sache schlug fehl, so Egidius Fechter:

"Man hätte etwa die eineinhalbfache Menge an Material benötigt, um wirklich diesen kritischen Punkt des Reaktors zu bekommen."

Erfolglosigkeit als eine moralische Überlegenheit verkauft

Die Alliierten aber hatten vermutet, das deutsche Uranprogramm sei deutlich weiter, die Physiker stünden kurz vor der Entwicklung der Bombe - und suchten deshalb fieberhaft nach den Labors. Am 23. April 1945 wurden sie fündig und entdeckten den Keller in Haigerloch. Die Anlagen wurden demontiert, Heisenberg und seine Leute in Farm Hall interniert, einem Landsitz in England. Erst am 6. August, als die Atombombe auf Hiroshima fiel, dämmerte es den Deutschen: Die Alliierten hatten sie längst überholt.

"The world will notice the first atomic bomb was dropped on Hiroshima."

"Heisenberg hat das ja als einen Bluff bezeichnet: Niemand außer den Deutschen könnte jemals eine Atombombe entwickeln. Bis dann von Stunde zu Stunde die Nachrichten so dicht wurden und diese Wahrheit einsickerte, dass es tatsächlich etwa so gewesen sein musste," sagt der Autor Richard von Schirach, nachdem er die Abhörprotokolle von Farm Hall ausgewertet hatte.

"Die haben alle ihre Lebenslügen aufbereitet. Der Weizsäcker sagte sogar: ‚Wir sind ja die einzigen, die einen friedlichen Weg einschlagen wollten. Nur der böse Ami hat diese Bombe gebaut!' Das muss man schon sagen - sie hatten ihre eigene Erfolglosigkeit noch als eine moralische Überlegenheit verkauft."

Der Atomkeller von Haigerloch aber blieb erhalten - und beherbergt heute ein kleines Museum. Die Hauptattraktion: ein Nachbau jenes Versuchsreaktors, mit dem Heisenberg & Co. doch recht deutlich an der kontrollierten Kettenreaktion vorbeigeschrammt waren.

 

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